Erdgas: Fracking verändert die Welt - und wirft die Energiewende zurück

Erdgas: Fracking verändert die Welt - und wirft die Energiewende zurück

Der US-Erdgasboom ordnet die Rohstofflandkarte neu und bedroht den Ausbau grüner Energien. Von Eike Wenzel

Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Forscher mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Er gründete und leitet das Institut für Trend- und Zukunftsforschung und ist Chefredakteur des Zukunftsletters. Zusammen mit Börsenguru Dirk Müller gibt er den Börsenbrief Cashkurs Trends heraus. Eike Wenzel wird künftig regelmäßig für WiWo Green schreiben.

So schnell landet man wieder in Schlamm, chemikaliendurchdrungener Erde und industriellem Lärm, wenn man an der Zukunft der Energie arbeitet. Noch vor zwei oder drei Jahren schien die Vision einer sauberen Welt, die intelligent von Erneuerbaren Energien angetrieben wird, zum Greifen nahe. Grüne Zukunft macht irgendwie high.

Anzeige

Dann stellten wir fest, dass uns für eine wirklich nachhaltige Energierealität die Transportnetze und auch die Speicher fehlen. Es folgte ein leichter Energie-Blues: Aus grüner Euphorie heraus und mit dem Wunsch endlich diesen lästigen Energiewandel in den Griff zu bekommen, haben wir den zweiten vor dem ersten Schritt gemacht.

Es sieht so aus, als bräuchten wir die alten schmutzigen Brückentechnologien aus Erdgas oder gar Kohle (oder gar Kernenergie?), um ans Ziel zu kommen. Wir stecken in einem Modernisierungsdilemma: Mit einer Vision von Cleantech lässt sich die nach wie vor breite deutsche Mittelschicht gewinnen. Denn das erfüllt deren Erwartungen an eine zustimmungsfähige Energiezukunft, die soll natürlich (mittlerweile die Lieblingsvokabel der hiesigen Mittelschicht) „nachhaltig“ sein.

Der Erdgas-Boom stellt die Welt auf den KopfUnser grün-cleanes Zukunftsszenario ist nachhaltig irritiert. Der US-amerikanische Öl- und Erdgas-Boom stellt gerade alle in den vergangenen zehn bis 20 Jahren gehandelte Fahrpläne für die Energiewende auf den Kopf.

Die rasante Erschließung von gigantischen Erdgasfeldern tausende Meter unter der Erdoberfläche hat in den USA für stürzende Energiepreise und wilde Szenarien einer schnellen Reindustrialisierung des Landes gesorgt. Der Erdgas-Boom findet jedoch mithilfe der Risikotechnologie Fracking statt. Laut einer Studie von Goldman Sachs (als PDF hier) könnten die USA im Jahr 2017 dank des Frackings schon bald zum weltgrößten Erdölförderer avancieren. Bis 2020, so eine Expertenschätzung, ist davon auszugehen, dass durch die neue Energielage des Landes insgesamt 2,7 Millionen bis 3,6 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen.

Der Deus ex machina namens Fracking, so scheint es, pustet unsere idealistische Konstruktion der Erneuerbaren Energien weg wie einen Strohhalm im Orkan. Unterirdische Erdgasfelder gibt es auch in Norddeutschland in großer Zahl. Mit Fracking und der Brückentechnologie Erdgas ließe sich auch hierzulande gutes Geld verdienen. Die Nutzung von Erdgas erzeugt 50 Prozent weniger CO2 als Kohle. Und da wir die Umstellung auf Erneuerbare ohnehin nicht sofort schaffen, ist per Fracking gefördertes Erdgas eine mittelfristige Lösung, die darüber hinaus noch Arbeitsplätze schaffen könnte, den Strompreis senkt und uns von Energieautarkie träumen lässt. Nur noch einmal zum Vergleich: Laut den Analysten von IHS spart ein amerikanischer Durchschnittshaushalt dank des preiswerten Gases 926 Dollar pro Jahr.

Kritikastern und „ökologisieren“ wir uns also an der neuen Energie-Weltlage vorbei, wenn wir dem Fracking hierzulande eine Absage erteilen (wie in Frankreich, Österreich, Bulgarien und Rumänien bereits geschehen)?

Fracking ist der Buhmann zwischen New York und HamburgWas ist eigentlich Fracking? Fracking ist eine Tiefenbohrung bis zu 5.000 Meter ins Erdinnere, um dort Erdgasfelder zu erschließen. Diese Prozedur geht einher mit einem enormen Ressourceneinsatz und bislang unkalkulierbaren ökologischen Folgen: Für das Aufsprengen einer Schieferschicht tief im Erdinneren werden zwischen drei bis 30 Millionen Liter Fracking-Flüssigkeit (ein Gemisch aus Chemikalien, Wasser und Sand) benötigt. Ökologische Verwerfungen bis hin zu Erdbeben werden befürchtet.

Deshalb ist Fracking gerade das bevorzugte Anti-Thema in den Medien zwischen New York, London und Hamburg. Aus einer Studie der University of Texas geht hervor, dass nationale amerikanische Medien Fracking in zwei Dritteln aller Veröffentlichungen negativ bewerten, in lokalen Medien (St. Florian lässt grüßen) waren es gar drei Viertel. Und: Nur 15 bis 25 Prozent aller Radio-, Zeitungs- und TV-Berichte hätten sich überhaupt auf wissenschaftliche Ergebnisse gestützt.

Nach wie vor tickt der Zeitgeist in der westlichen Welt grün. Aber können wir wirklich auf Fracking verzichten und diese schmutzige, aber so einflussreiche  Fördertechnik einfach links liegen lassen? Ausnahmslos alle Parteien mit Nähe zu Regierungsbeteiligung flüchten sich derzeit in Fracking-Moratorien - es ist ja Superwahljahr.

Wir brauchen einen New New Green DealDass es grundsätzlich bei zukunftswichtigen Energie- und Umweltfragen kein Links und Rechts mehr gibt, ist gut und richtig. Ideologie, Populismus und Wahlkampfgeplänkel bremsen Entscheidungen bei einem Zukunftsthema wie Energie.

Deshalb sollten wir nicht neue Diskursbarrieren errichten. Bündnis 90/Grünen vor Ort in den Regionen, in denen Fracking eingesetzt werden könnte (Niedersachsen, NRW, Thüringen und Nordhessen), warnen allerdings deutlich vor unverantwortlicher Naturzerstörung. Die LINKE (ganz im Protest-Sound der alten Zeiten) möchte die Technologie komplett verbieten lassen. „Auf Basis dieses Gutachtens empfiehlt das Umweltbundesamt, derzeit von einem großtechnischen Einsatz abzusehen“, so Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts.

Liebe LOHAS und Lifestyle-Grüne, Energieproduktion findet auf globalen Märkten statt. Auch die Erneuerbaren Energien lassen sich nicht losgelöst von Konjunkturen, Märkten und systemirritierenden Ereignissen wie dem US-Erdgas-Boom betrachten.

Darüber hinaus hat die Finanzkrise im vergangenen Jahr dazu geführt, dass Krisenstaaten wie Italien, Spanien und Griechenland teilweise aus der Förderung der Erneuerbaren ausgestiegen sind. Die Investitionen in grüne Energien in Europa gingen laut Bloomberg New Energy Finance im dritten Quartal 2012 um 29 Prozent auf 18,2 Milliarden US-Dollar zurück.

Das schöne grüne Zukunftsbild bekommt RisseWeltweit erleben wir die erste Rezession bei den grünen Energien: Unternehmen investierten im dritten Quartal 2012 nur noch 56,6 Milliarden US-Dollar in Projekte mit Erneuerbaren Energien, 20 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das „green asset“ Energiewende verliert an Wert auch dadurch, dass der ungeklärte Netzausbau hierzulande Investoren abstößt.

Das Dilemma, in dem wir uns befinden, besteht darin, dass unser hübsch idealistisches Konzept von den Erneuerbaren Energien durch unausweichliche Kostendebatten zum Realitätstest gezwungen wurde. Dabei hat sich dem Steuerzahler mitgeteilt, dass die Vollendung der Energiewende sehr teuer werden könnte.

Und genau in diese Kerbe schlägt jetzt auch noch das amerikanische Erdgas-Märchen. Gemäß dem Branchenverband American Chemistry Council (ACC) sind in den USA derzeit rund dreißig Neu- oder Ausbauten von Chemiewerken für insgesamt 25 Milliarden US-Dollar geplant. Fracking sorgt für günstigen Strom und möbelt den Standort USA auf. Die deutsche BASF, größter Chemieproduzent der Welt, errichtet deshalb (und weil Erdgas ein wichtiges Element in der Chemieproduktion ist) neue Werke in den USA.

Die Studie „Energy 2020“ (hier als PDF) geht davon aus, dass durch den Erdgasboom der Ölpreis bis 2020 um 14 Prozent gesenkt werden kann. Optimisten sehen die USA bereits als „neuen Mittleren Osten“ und Energiegiganten.

Eine Energie-Agenda für 2020 ist dringend nötigEine dreckige Technologie aus den 1980er Jahren erobert die Weltbühne und beschert uns womöglich auch demnächst noch eine neue Weltordnung. Die Krisenherde am Golf könnten erneut destabilisiert werden, wenn die USA die Region mangels Eigeninteresse sich selbst überließe.

Das energiehungrige China, das ist mittlerweile sogar dem BND aufgefallen, droht zum großen Verlierer dieser Entwicklung zu werden. Erdgas könnte ab 2020 die Weltwirtschaft auf völlig neue Beine stellen. Russland wird sich nach neuen Exportprodukten neben Erdgas umschauen müssen und hat bereits die Erschließung eines riesigen Erdgasfeldes unter der Barentsee gestoppt, weil der Kunde USA nicht mehr da ist.

Am Fracking-Hype können wir lernen, welche Konflikte und Paradoxien wir auf dem Weg in eine neue Energiezukunft in den nächsten Jahren zu bewältigen haben. Interdependente Ökologie und Ökonomie müssen als Wachstums- und Kreativitätschance gesehen werden. Wie wir aus dem Dilemma herauskommen, werde ich in meiner nächsten Kolumne in der kommenden Woche anhand von vier Thesen veranschaulichen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%