Ernährung: Die Food-Revolutionäre kommen

Ernährung: Die Food-Revolutionäre kommen

Eine neue Bewegung jenseits von Bio will die Art verändern, wie wir uns ernähren. Dafür wird es höchste Zeit schreibt Eike Wenzel.

Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Er gründete und leitet das Institut für Trend- und Zukunftsforschung und ist Chefredakteur des Zukunftsletters. Zusammen mit Börsenguru Dirk Müller gibt er den Börsenbrief Cashkurs Trends heraus. Dies ist der zweite Teil seiner Kolumne darüber, wie nicht der Biotrend, sondern eine neue Food-Bewegung unsere Ernährungsgewohnheiten verändert (hier der erste Teil).

Immer mehr Menschen definieren ihren Lebensstil darüber, wie sie essen und was sie essen. Und immer mehr Menschen lernen vom asymmetrischen Food-Movement, dass der Zusammenhang von Nahrungsmittelerzeugung, Ökologie und Gesundheit ein immens politischer Akt ist, der auch über unsere wirtschaftliche Zukunft entscheiden wird. Genuss gibt es für diese Konsumavantgarde nicht mehr ohne die Berücksichtigung der ökologischen und gesundheitlichen Aspekte des Ernährungssystems.

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Umgekehrt werden wir nur dann unsere Gesundheitssysteme auf Vordermann bringen, so das Credo der Food-Aktivisten, wenn wir Ernährung gesellschaftlich und wirtschaftlich einen neuen Stellenwert einräumen. Und es braucht heute gegenüber den vielen kritischen Konsumenten eigentlich gar nicht mehr erwähnt zu werden, dass die Art und Weise, wie wir essen, direkt mit dem Schicksal unserer Umwelt verknüpft ist.

Die neuen Konsumkritiker und Genuss-Guerilleros definieren ihren Lebensstil über die folgenden Fakten, die sich im Handumdrehen im Internet aufsammeln lassen:

Sie lesen beispielsweise in der deutschen Verzehrstudie, dass Raucher in Deutschland zwischen dem 20. Lebensjahr und ihrem Tod durchschnittliche Kosten von 220.000 Euro verursachen – fettleibige Menschen kosten das Gesundheitssystem noch mehr: 250.000 Euro.

Viele der kritischen Konsumenten wissen längst, was das amerikanische Centers for Disease Control herausgefunden hat, dass nämlich drei Viertel aller chronischen Erkrankungen (Herzkreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes) auf falsche Ernährung zurückzuführen sind und durch Änderung des Lebensstils vermeidbar sind.

Fleischkonsum steigt stark anFür die kritischen Konsumenten gehört es zum Alltagswissen, dass Fleischkonsum die globale Landwirtschaft vor schwere Probleme stellt. Mehr als 2.200 Millionen Tonnen Getreide verbraucht die Menschheit derzeit pro Jahr. Eine gigantische Menge. Doch nur weniger als die Hälfte davon dient direkt der menschlichen Ernährung. Rund ein Drittel davon wird an Tiere verfüttert. Man braucht bis zu zehn pflanzliche Kalorien, um eine tierische zu erzeugen.

Suchmaschinen und unzählige Ökoratgeber erklären ihnen, dass sich der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch im Jahr 2050 weltweit auf jährlich 52 Kilogramm belaufen wird (heute sind es gerade einmal 38 Kilogramm). Und sie wissen, dass die Produktion von einem Kilogramm Fleisch durchschnittlich sieben Kilogramm Getreide verschlingt.

Über einige dieser Zahlen könnte man streiten. Aber sie beschreiben sehr gut das Mindset, mit dem die Konsumenten von morgen auf die Märkte gehen und sich ihre „Vertrauenshändler“ aussuchen werden.

Wie lautet die Botschaft der Food-Aktivisten an Industrie, Handel und Gesellschaft?

Trends ernst nehmen: Wir müssen darüber streiten, ob hinter Entwürfen wie Regionalität oder Nachhaltigkeit oder Bio oder Sharing tatsächlich eine zukunftsfähige Vision steht oder ob hier nur die berühmte nächste Sau durchs globale Dorf getrieben wird. In der Bringschuld sind dabei Industrie und Handel, die nicht nur ein bisschen weniger schlecht agieren, sondern grundlegend neu denken sollen.

Veränderung braucht Vertrauen: Eine geschmeidige Vokabel wie Greenwashing hat einen Hang zum Fundamentalistischen. Sie kann Innovation blockieren. Natürlich muss weiterhin angeprangert werden, wo sich Unternehmen grüne Deckmäntelchen überwerfen. Umgekehrt kann man von Großunternehmen nicht von heute auf morgen verlangen, dass sie 100 Prozent Bio ausspucken. Richtungsweisende Transformationen brauchen Vertrauensvorschuss.

Eine neue Politik des GenießensWelt der vielen Geschwindigkeiten: Wir in der westlichen Welt befinden uns mitten in einem Prozess der grundsätzlichen Transformation unserer Lebensstile. Wir richten uns darauf ein, dass wir mit der Verknappung vieler Ressourcen innovativ umgehen müssen. Gleichzeitig stellen wir fest, dass durch die Emerging Markets die Nachfrage nach Güter und Ressourcen in den nächsten Jahren explodieren wird. Wir bleiben bis auf weiteres eine Welt der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Trotzdem werden wir nicht an deutlichen Lebensstilveränderungen vorbeikommen. Auch hier brauchen wir einen neuen Schulterschluss zwischen Handel, Industrie und Gesellschaft.

Eine neue Politik des Genießens: Auch wenn das globale Food-Movement bislang eine virale Bürgerbewegung darstellt – ihre Botschaft an die Nahrungsmittelindustrie ist klar und deutlich: Wir brauchen ein neues Denken darüber, wie wir morgen essen und leben wollen. Pferde-Lassagne ist dabei nur eine kleine eklige Episode - auf dem Weg in ein neues Ernährungssystem.

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