Essay: Warum sich Architektur und Design ändern müssen

Essay: Warum sich Architektur und Design ändern müssen

Alltagsprodukte, Design und Architektur ignorieren den gesellschaftlichen Wandel - stattdessen sollten sie ihn mitgestalten, meint unser Gastautor.

Von Elmar Schüller. Der Autor leitet als Initiator und Gründer das ILI Innovative Living Institute, eine interdisziplinäre Wissensplattform, die Unternehmen strategisch und operativ berät, weiterbildet und neue Konzepte und Produkte für die Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsformen von morgen entwickelt. Zuvor hat er den renommierten „red dot“ Design Award über viele Jahre als geschäftsführender Gesellschafter mitentwickelt.

Die Gesellschaft und damit wir Menschen erleben gerade, dass unsere Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsysteme vor großen Aufgaben und Umwälzungen stehen. Märkte und Kundenansprüche verändern sich mit nie gekannter Geschwindigkeit. Der stete Wandel wird zur Herausforderung, gleichzeitig aber auch zur Chance, sich für Neues zu öffnen! Wir erleben einen Paradigmenwechsel, die Suche nach neuen Werten!

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Mit dieser Suche verbindet sich der Wunsch nach neuen Lebens- und Wohnformen und damit einhergehend auch nach neuen Wirtschaftsformen und Produkten. Maßstäbe müssen ebenfalls neu entwickelt werden. Auch die Qualitätskriterien ändern sich mit dem Werte- und Kulturwandel. Es stellt sich bereits heute verstärkt die Frage nach der Haltung hinter den Dingen.

Durch das Kippen der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsysteme und schlussendlich auch durch die Schnelllebigkeit unserer neuen sozialen Medien wird der Wunsch nach sozialer Geborgenheit und materieller Sicherheit immer stärker. Das Schutzbedürfnis wird zum Zentrum, der Wandel der Einstellungen existenziell. Freiheit und Sicherheit erfahren eine geänderte Position, der neu gewonnene Freiheitsgewinn schlägt in einen Sicherheitsverlust um.

Wir brauchen neues Design und neue ProdukteSeit 1982 werden von der „BAT-Stiftung für Zukunftsfragen“ regelmäßig repräsentative Grundlagenstudien zum Wertewandel durchgeführt. Die Werte „Ehrlichkeit“ und „Verlässlichkeit“ avancierten zu den wichtigsten Zielen. Vertrauen wird zur zentralen Währung der Zukunft, gilt als Antriebskraft des sozialen Lebens. Ehrlichkeit wird zum wichtigsten Erziehungsziel im Leben, gleichzeitig wächst das Potenzial an Gemeinsinn und Gemeinschaftsfähigkeit.

Aus dem Wertewandel wird so ein Kulturwandel. Anspruchshaltung wird ersetzt durch Eigenleistung und Gegenleistung. Die nachwachsende Generation strebt ein gewandeltes Wertekonzept an. Die demografische Entwicklung der nächsten 35 - 40 Jahre ist bereits eingetreten. In fünf Jahren werden 50 Prozent der Menschen in Deutschland älter als 50 Jahre sein. Allein in Nordrhein-Westfalen stieg die Anzahl der Single-Haushalte auf 3,35 Millionen an – das sind knapp 40 Prozent aller Privathaushalte, Tendenz weiter steigend. In den Ballungsräumen und Großstädten ist diese Zahl teilweise bereits bei über 50 Prozent angelangt.

Wie gehen wir als Gesellschaft mit dieser Situation um? Welche Folgen ergeben sich für die Wirtschaft? Wie sehen die neuen Bedürfnisse und Märkte aus?

Wenn wir das Design der uns umgebenden Produkte als einen Spiegel unserer Kultur betrachten, dann müssen sich auch unsere Produkte ändern. Das Design muss also intelligente Antworten und Produkte finden. Die besondere Herausforderung des Designs liegt dabei im Kontext der sozialen Wahrnehmung, weshalb es auch selbst neue Werte benötigt. Innovatives Design lässt sich nicht auf Technik und Ästhetik reduzieren, es kommt vielmehr aus der Interaktion mit der sozialen Bedeutung der Produkte und deren Wahrnehmung.

Design ist zwar immer nur so gut, wie es begehrlich ist, aber ohne Vertrauen, ohne Verlässlichkeit und Kontinuität, Nachhaltigkeit sowie die entsprechende Haltung der Unternehmen zu den Produkten wird sich in Zukunft keine nachhaltige Wertschöpfung darstellen lassen.

Drang in die Städte nimmt zuWenn wir die Frage stellen, wie wir in Zukunft wohnen und arbeiten werden, so müssen wir konstatieren, dass demografischer Wandel, steigende Immobilienpreise in den Ballungsräumen, strengere Umweltauflagen und nicht zuletzt neue Familienstrukturen Architekten wie Städteplaner, Käufer wie Designer und Hersteller zum Umdenken zwingen. Global wird die Bevölkerung bis 2030 weiter wachsen, es werden eine Milliarde neue Wohneinheiten benötigt. Laut UN-Habitat leben allein in Südasien 400 Millionen Stadtbewohner in kritisch überbelegten Wohnungen.

Laut der Studie „Die Macht langfristiger Trends – Demographie, Globalisierung, Klimawandel“ wohnen allein in der Metropolregion Tokio 35,7 Millionen Menschen mit einer Bevölkerungsdichte von 14.400 Einwohnern pro Quadratkilometer. Betrachtet man die Situation in Japan, so führt dieser Verdichtungsdruck dort nicht etwa zum Kollaps, sondern die Situation wird als Chance wahrgenommen, neue Gegenwartsarchitektur und damit neue Lebens- und Wohnformen zu entwickeln. So entstehen völlig neue Märkte für neue Produkte.

Aufgrund knapper werdender Ressourcen zeichnet sich auch in der westlichen Welt ein Ende des europäischen und amerikanischen Vorortmodells ab. Phänomene, die unsere Städte und Gesellschaft betreffen, sind einerseits eine alternde Gesellschaft mit nicht mehr gleichen räumlichen und finanziellen Ressourcen und andererseits die Entwicklung einer Gesellschaft, in der die klassische Familie nicht mehr die Mehrheit bildet. Die bisherigen Auslegungen unseres Lebensmodells sind die beiden Grundtypen der Architektur: Wohnung und Haus. Die erste Phase beginnt mit dem Singledasein im Einzimmerapartment.

Es folgt die Phase des Studiums bzw. der Ausbildung, anschließend die Gründung einer klassischen Kleinfamilie mit Haus auf dem Land, in der Stadt oder der Großstadtwohnung. Dann folgt eine weitere Phase, wenn die Kinder ausgezogen, Haus und Garten zu groß und zum Hindernis geworden sind. Ganz am Schluss folgt dann häufig wieder das Singledasein, oftmals wird in dieser Phase auch noch eine persönliche Pflege notwendig.

Trotzdem fallen hierzulande die Ansätze in der Architektur, sich den veränderten Wohn- und Lebensbedürfnissen der Menschen flexibel anzupassen, sehr übersichtlich aus. Ganz im Gegensatz zur japanischen Architektur, die vorbildlich mit diesen veränderten Bedingungen umgeht: Sie bildet anstelle von abgetrennten Räumen mit Wänden und Türen fließende Wohnlandschaften. Somit werden die sozialen Zonen des Hauses neu definiert.

Häuser für ein veraltetes LebensmodellDas klassische deutsche Haus reflektiert nach wie vor die Idee der Kleinfamilie, die neue japanische Architektur dagegen die der postfamiliäreren Community. Das Haus wird zum sozialen Ort für gemeinsames Essen, Spielen, Erzählen und Diskutieren. Eine weitere Wohnqualität liegt in der Rückzugsmöglichkeit. Für diese widerstreitenden Bedürfnisse muss die Wohnung Lösungen bieten – nicht zuletzt angemessen flexible Einrichtungsprodukte.

Was wir daraus lernen können, ist, dass wir die Wohnräume buchstäblich neu erfinden müssen. Sie müssen wandelbarer sein, einen Kernbereich des Intimen und Privaten schützen und gleichzeitig eine neue Form von Gastfreundlichkeit ermöglichen.

Viele Singles und ältere Menschen wünschen sich Wohnformen, in denen sie privat sein können. Ihr Wunsch ist es, in einem idealen größeren, familienähnlichen Verbund als Gemeinschaft leben zu können.

In diesem Zusammenhang bedeutet Nachhaltigkeit übrigens, dass die Immobilie mit den Bedürfnissen der Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen und -zyklen mitwächst. Diese gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und gestalterischen Herausforderungen sind so grundlegend, komplex und vielschichtig, dass wir sie nicht einzelnen Disziplinen überlassen können. Gefordert ist hier eine interdisziplinäre Herangehensweise, mit der wir die Chance ergreifen, wirkliche Innovationen zu schaffen, ohne die Menschen dabei zu vernachlässigen.

Erst wenn wir die Menschen in ihren einzelnen Lebensphasen mit ihren wechselnden Bedürfnissen verstehen lernen, werden wir für sie die angemessenen Produkte erschaffen und gestalten können – für die Menschen und nicht an ihnen vorbei. Erst dann erhält Design eine völlig neue, angemessene Bewertung, wird seiner sozialen Funktion gerecht und spiegelt eine neue Kultur der Gesellschaft wider. Folglich müssen wir für das Design neue intelligente Antworten und Produkte für diese jüngsten Erkenntnisse finden.

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