Essay: Warum sich Unternehmen mit neuen grünen Ideen so schwertun

Essay: Warum sich Unternehmen mit neuen grünen Ideen so schwertun

von Sebastian Matthes

Die meisten Menschen halten sich für innovativ. In Wirklichkeit stehen sie neuen Ideen oft im Weg. Warum eigentlich?

Das Neue hat es schwer. Wo immer es auftaucht, lauern seine Feinde. In Vorstandsetagen, unter den Konsumenten - selbst in Forschungsabteilungen. Zwar bezeichnen sich gerade Führungskräfte meist als innovativ. In Wirklichkeit aber versuchen sie dann doch, das Alte zu konservieren.

Wenn das Öl knapp wird, lassen Energiemanager Ölsande in sensiblen Ökosystemen auspressen - statt den klimaschädlichen Energieträger durch saubere Alternativen zu ersetzen. Wenn Massenverkehr die Städte verstopft, stecken Stadtplaner Geld in noch breitere Straßen - statt über völlig neue Mobilitätsformen nachzudenken; Seilbahnen in Metropolen zum Beispiel wären eine technisch machbare Alternative.

Anzeige

Zu oft versuchen wir, Probleme mit genau den Instrumenten zu lösen, die uns in die Krise geführt haben.

Neue Ideen hingegen werden regelrecht gehasst und deshalb kleingeredet, schreibt der Ex-IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck in dem Buch "Das Neue und seine Feinde".

Das Neue würde Unternehmen (und oft auch unser Leben) zu stark verändern. Bedenkenträger und Bremser versuchen daher Neues zu verhindern, solange es nur geht. Es macht ihnen Angst. Sie stoßen es ab, so, wie das Immunsystem eine Grippe bekämpft.

Ein Wunder, dass sich neue Ideen überhaupt gegen das Gelächter der Masse durchsetzen.

Je grundlegender die Veränderungen, desto größer der Widerstand. Am schwersten haben es Innovationen, deren Vorteile sich erst langfristig zeigen.

Das ist das Dilemma speziell grüner Neuerungen: Alternative Antriebe, Speicher für Solarstrom, effizientere Maschinen oder bessere Arbeitsbedingungen - all das kostet zunächst vor allem Geld und schmälert den Gewinn, ohne kurzfristig den Marktanteil zu steigern.

Umso mutigere Innovatoren brauchen grüne Ideen. Meist sind es Menschen wie der in New York lebende Jacques-Philippe Piverger. Nachdem der Finanzprofi 15 Jahre für Größen wie AIG und Barclays gearbeitet hat, stellte er sich 2011 die Sinnfrage. Er schmiss hin und entwickelte mit seinem Unternehmen Micro Power Design eine solarbetriebene, aufblasbare LED-Laterne, die Licht so effizient im Raum verteilt, dass sie selbst dunkle Hütten ohne Stromanschluss beleuchten kann. Für die Vermarktung hat Piverger darüber hinaus ein innovatives Bezahlmodell entwickelt, bei dem reiche Käufer im Westen mit höheren Preisen arme Kunden in Afrika subventionieren.

Revolutionen anheizenGrüne Innovationen haben nur Chancen, wenn sich Abenteurer wie Ex-Banker Piverger entscheiden, ausgetretene Pfade zu verlassen. Konzerne brauchen solche Abenteurer erst recht, wenn sie den grünen Umbau angehen wollen. Henkel hatte immer wieder Chefs dieses Schlags. Der aktuelle CEO, Kasper Rorsted hat das Ziel ausgegeben, bis 2030 drei Mal so viele Produkte herzustellen wie heute, ohne dabei mehr Rohstoffe zu verbrauchen.

Das Vorhaben wird scheitern - oder eine Innovationsrevolution auslösen. Einen anderen Weg gibt es angesichts dieses kühnen Plans nicht.

Wir brauchen mehr Abenteurer.

Neu-Gierige, die das Alte loslassen; die Widerstände aushalten und ihre Ideen vorantreiben, auch wenn das sich kurzfristig für sie fast nie lohnt. Eher ist es ein Risiko für ihre Karriere und den persönlichen Wohlstand.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%