Fahrtest: Was taugt der neue SLS AMG Electric?

Fahrtest: Was taugt der neue SLS AMG Electric?

Mercedes hat einen Supersportwagen gebaut, der rein elektrisch fährt. Ist das Spielerei oder tatsächlich ein nachhaltiger Fortschritt?, fragt unser Gastautor.

Von Christian Sauer. Der Autor arbeitet für griin.de, das Blog zur nachhaltigen Mobilität.

Blau oder grün? Die Frage scheint in diesem Moment ebenso dringend wie unwichtig zu sein. Wir sind nach Südfrankreich – genauer gesagt nach Le Castellet in die Nähe von Marseille – gereist und stehen nun in der Boxengasse der Rennstrecke „Circuit Paul Ricard“. Hier können wir gleich den neuen Mercedes-Benz mit dem komplizierten Namen SLS AMG Electric Drive / SLS AMG ED zu testen. Und ihn für Autofans detailiert beschreiben.

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Wir haben die Wahl zwischen einem SLS mit gelb-grünem Mattlack (AMG Electricbeam magno) oder einem in Hochglanz-Blau.

Im gleichen Grün-Ton waren seinerzeit bereits die bisherigen Prototypen des damals noch SLS AMG E-Cell genannten Sportwagens mit rein elektrischem Antrieb lackiert.

Seit Jahren werkelt Mercedes an der Technik. Immer wieder gab es neue Evolutionsstufen und einzelne Technik-Exponate auf den großen Messen weltweit. Nun ist es soweit. Der angeblich nachhaltige Sportwagen ist auf dem Markt. Aber kann es so etwas überhaupt geben? Wir machen die Probe und greifen zum Schlüssel des blauen Testwagens.

An jedem Rad ein MotorUnter der Hülle steckt ein aus ebenso hochfestem wie ultra-leichtem Carbon hergestelltes Rückgrat in Form eines Monocoque. Dabei nutzte man bei Mercedes-AMG das jahrzehntelange Know-how aus dem Motorsport. Mit Leichtigkeit lässt sich auch die markante Flügeltür im Stil des legendären Mercedes 300 SL aus den 1950er Jahren öffnen und mit Rücksicht auf den Kopf in die nur 1,26 m flache Flunder hineingleiten.

Ein Blick auf die Bedienelemente lässt an der Herkunft des SLS aus dem Hause Mercedes-Benz keinen Zweifel. Neben dem kleinen Wählhebel für das Getriebe und dem Start-Knopf kommt im Elektro-SLS noch einen Schalter für die Verteilung der Antriebsmomente hinzu. Wozu das?

Der SLS AMG Electric Drive besitzt nicht nur einen Elektromotor, sondern einen an jedem Rad. Dadurch profitiert der Supersportwagen nicht nur von den Vorteilen eines Allradantriebes, sondern zusätzlich auch von der individuellen Ansteuerung der E-Motoren. Somit verteilt die Fahrzeugelektronik die kombinierte Leistung von 552 kW / 751 PS und das enorme Drehmoment von insgesamt 1.000 Nm immer an das Rad oder die Räder, die am meisten Traktion haben.

Positiv wirkt sich das auf Fahrdynamik, Fahrverhalten, Fahrsicherheit und Fahrkomfort aus. Mit dem erwähnten Knopf lässt sich das System individuell konfigurieren. Auf dem Farb-Display oberhalb der Mittelkonsole werden diese Einstellungen ebenso angezeigt wie beispielsweise ein Histogramm des Energieverbrauchs.

Batterie aus fast 1000 einzelnen ZellenAußerdem werden dort die Temperaturen der Motoren und Batterie, deren Ladezustand und die daraus resultierende Reichweite visualisiert. Letztere soll bei rund 250 km liegen – was wir hier auf der Rennstrecke allerdings nicht testen können. Zwar verbrauchen Elektromobile beim starken Beschleunigen relativ wenig Energie verglichen mit Benzinern, aber dennoch gehen die Runden hier auf abgesperrtem Terrain stark an die Substanz der Lithium-Ionen Hochvoltbatterie.

Diese besteht aus 864 einzelnen Zellen, flüssigkeitsgekühlt, und verfügt über einen Energiegehalt von 60 Kilowattstunden. Bei deren Entwicklung und Produktion profitiert Mercedes vom in der Formel 1 gewonnenen Know-how. Mit entsprechender Schnellladevorrichtung soll die Batterie in drei Stunden vollständig geladen sein, an normalen Steckdosen vergehen unterdessen schon mal 20 Stunden.

Wie bei anderen E-Autos üblich, wird über die Rekuperation beim Bremsen und Gaswegnehmen ebenfalls Energie zu(rück)geführt – beim SLS natürlich auf anderem Niveau als bei einem Kleinwagen. Der Electric Drive rekuperiert so stark, dass es im öffentlichen Straßenverkehr oft ausreichen wird, den Fuß vom Gas zu nehmen, um zu bremsen. Bei sportlicher Fahrweise kommen dann aber die Keramik-Hochleistungs-Verbundbremsen zum Einsatz, um den Wagen mit seiner elektronisch auf 250 km/h begrenzten Höchstgeschwindigkeit zu verzögern.

Diese auf Rundstrecken erprobten und bewährten Stopper haben es beim SLS AMG Electric Drive mit rund 2,1 Tonnen zu tun. Das ist in der Riege der Supersportwagen kein Bestwert und auf die, trotz bemerkenswerten Fortschritten, immer noch recht schwere Batterie zurückzuführen. Zum Vergleich: Die benzingetriebenen SLS-Versionen wiegen bis zu 600 kg weniger und leisten bis zu 631 PS. Auch beim Topspeed sind sie im Vorteil. Dafür sollte der Elektro-Sportler konzeptbedingt besser beschleunigen. Das wollen wir selbst erleben und rollen vorsichtig aus der Boxengasse.

Rennwagen an der StromtankeWas macht den SLS AMG Electric Drive also aus? Auf dem kleinen Kurs des Circuit Paul Ricard mit seinen engen Kurvenradien und zusätzlichem Slalomteil liefert er den Beweis, dass er mehr als nur sehr schnell geradeaus kann. Mit dem aufwendig konstruierten Fahrwerk mit Technik aus dem Motorsport in Verbindung mit dem Allradantrieb durcheilt er Kurven und selbst Spitzkehren sehr neutral und gutmütig mit hoher Geschwindigkeit.

Für erfahrene Piloten bieten sich der Sport- und Sport-plus-Modus an, in denen die Gasannahme noch spontaner und das Fahrverhalten noch dynamischer wird. Vor allem das sofort anliegende Drehmoment will richtig eingesetzt werden, um den vollen Schub aus den Kurven heraus zu nutzen. Runde um Runde werden wir schneller. Doch den Grenzbereich des SLS streifen wir höchstens – er bleibt stets gut kontrollierbar.

In Sachen passive Sicherheit lag der Fokus darauf, die Batterie und andere Bauteile – teils unter Hochspannung stehend – zum Schutz im Falle eines Crashs von vornherein in die Struktur des Wagens zu integrieren. Hoffen wir mal, dass es nie soweit kommt. Schon kleinere Ausrutscher wären bei einem Kaufpreis von 416.500 Euro ein wirtschaftliches Desaster. Nachdem wir den Reifen und Bremsen etwas Abkühlung gegönnt haben, parken wir in der Boxengasse. Statt wie üblich für genügend Nachschub an fossilen Treibstoffen zu sorgen, müssen sich spätere Eigentümer wohl erst noch umstellen und an die Stromtankstelle denken.

Zielgruppe: SuperreichDie Zielgruppe des SLS ist bei der Anschaffungssumme von fast einer halben Million Euro von Natur aus überschaubar und wählerisch. Vielleicht ist der SLS AMG Electric gerade deshalb das richtige Auto zur richtigen Zeit. Sprit-fressende Hochleistungssportler werden sich zwangsläufig zu Relikten aus grauer Vorzeit entwickeln, auch wenn die Entwicklung dort langsamer voranschreitet als am anderen Ende der Skala, bei Kleinwagen.

Hybrid-Lösungen wie bei den neuen LaFerrari, McLaren P1 oder Porsche 918 werden wahrscheinlich nur Zwischenstationen auf dem Weg zu weiteren rein elektrisch angetriebenen Sportwagen sein. Somit ist Mercedes-Benz der Konkurrenz mit dem SLS ED einen Schritt  voraus. Dieser ganz besondere Flügeltürer tut der deutschen Premium-Marke gut.

Auch wenn die Stückzahlen verschwindend gering bleiben werden, haben die Schwaben damit innovative Entwicklungen aus ihrem teuren Motorsport-Engagement genutzt und auf die Straße gebracht. Wir hoffen, dass von diesem Technologie-Transfer zukünftig nicht nur Millionäre mit ökologischem Gewissen profitieren, sondern auch die erschwinglicheren Volumenmodelle mit dem Stern. Die gerade in New York präsentierte B-Klasse Electric Drive ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, wenn auch deren Markteinführung 2014 und zunächst in den USA startet.

 

Copyright für alle Fotos: Mercedes-Benz

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