Fasern aus Milch: Auf dem Weg zum Baumwoll-Ersatz

Fasern aus Milch: Auf dem Weg zum Baumwoll-Ersatz

Eine deutsche Erfinderin arbeitet seit Jahren an Fasern aus Milch. Kleidung daraus gibt es bereits, doch dabei soll es nicht bleiben.

Abgelaufene Milch? Perfekt! Dann ist das Eiweiß schön flockig. Die Hannoveranerin Anke Domaske, 32, nimmt abgelaufene Milch als Grundlage für einen Teig, aus dem Kleidung entstehen soll.

Dieser wird zunächst durch eine Art Nudelmaschine gedrückt. Heraus kommen hunderte Spaghetti. Fast endlos. Weiß. Dünn wie Spinnweben. Und diese kommen nun auf den deutschen Markt. Einige Textilfirmen werden daraus Stoffe weben, denen möglicherweise die Zukunft gehört. Stoffe, von denen Domaske sagt: „Zu hundert Prozent essbar.“

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Zwischen 2000 und 2010 ist der Textilkonsum in Deutschland um 47 Prozent gestiegen. Gleichzeitig werden Klamotten immer schneller aussortiert. Die Mode ändert sich im Takt der Jahreszeiten – wobei die Branche acht Jahreszeiten eingeführt hat. H&M und Zara werfen ihre Ware so günstig auf den Markt, dass langfristige Entscheidungen unnötig sind.

Wo sollen all die Fasern herkommen, wenn die Menschen aus Schwellenländern, wie bereits jetzt zu sehen, auch noch in Shoppinglaune kommen? Oder wenn 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Welt etwas zum Anziehen brauchen?

Wird noch mehr Baumwolle produziert werden, deren wasserintensiver Anbau den Aralsee vom viertgrößten See der Welt in den 60ern auf ein Rest-Achtel schrumpfen lassen und Teile in Pestizid-Wüsten verwandelt hat? Oder Chemiefasern aus Rohöl, das sein CO2 besser unter der Erde hielte. Werden Umweltprobleme zunehmen? Abwässer unweit chinesischer Textilfabriken sind regelrechte Chemie-Cocktails, wie Greenpeace 2011 feststellte.

Proteine als Woll-ErsatzUnd so tüfteln Forscher eifrig an Alternativfasern. Manche Modelabels haben Abteilungen eingerichtet, um selbst zu erfinden. Algen, Bananen-Fasern oder Buchenholz kann man bereits tragen. Mais, Soja und Krabbenschalen sollen folgen. Anke Domaske gründete 2011 in Hannover Qmilk. Ein paar Jahre zuvor war ihr Stiefvater an Krebs erkrankt und die Mikrobiologin – Hauptfach Bakterien und Schimmelpilze - suchte nach chemiefreier Kleidung.

Sie stieß auf Kasein. Milchprotein – das schon in den 30ern zu Fasern verarbeitet wurde. Allerdings mit Zusätzen: „Früher steckte in den Stoffen viel Formaldehyd zum Stabilisieren.“ Das ist mittlerweile allerdings verboten. „Es musste auch mit natürlichen Rohstoffen klappen. Irgendwie.“

Heute entsteht in ihrer Fabrik eine Faser, die leicht-fließend wie Seide, gleichzeitig Wärme und Feuchtigkeit regulierend wie Baumwolle ist. Mit höchstens einem Liter Wasser hergestellt. Preislich kommt das Kilo Milchfaser mit rund 25 Euro an die etwa 3 Euro teure Baumwolle aber noch nicht ran, höchstens als Mischgewebe.

Richtig mit der Produktion startete Qmilk in diesem Jahr. Mit 20 Mitarbeitern auf 1500 Quadratmetern. Der Konferenzraum ist tapeziert mit 19 Preisen und Ehrungen. Seit Mai hängt dort auch der GreenTec-Award. „Das war eine Überraschung“, sagt Domaske. Die Jury kürte „die Aufwertung eines Abfallprodukts zu einem wertvollen Rohstoff“ zu einer der besten Umwelttechnologien des Jahres.

Das ist ein wichtiger Punkt: Es wird nur Milch verwendet, die nicht mehr den Lebensmittelrichtlinien genügt. Zum Beispiel weil Keime in der Milch waren, wegen Fehlchargen oder weil die Kühlkette unterbrochen war. In Indien ein großes Thema, wie Domaske sagt. Vorrang hat aber erst einmal der Aufbau eines Milch-Sammelsystems in Deutschland. Bei Supermärkten, Molkereien und Bauern soll im Zwei-Wochen-Rhythmus Milch abgeholt werden.

Die Kleidungsindustrie braucht immer mehr FasernDie Nachfrage dürfte wachsen. Elke Hortmeyer von der Bremer Baumwollbörse schätzt den Faserbedarf so ein: „Im Moment sind unsere Baumwollbestände noch gut gefüllt. Langfristig wird Baumwolle aber den steigenden Bedarf nicht decken können. Die Flächen sind begrenzt.“ Momentan produziert Indien am meisten, gefolgt von China, den USA, Pakistan und Brasilien.

Bereits jetzt würden kräftig Chemiefasern hergestellt (Anteil: 70 Prozent). Viele basieren auf Rohöl, weil es schnell und günstig gesponnen werden kann und Anbauflächen unnötig sind. „Doch irgendwann geht das Rohöl zu Neige.“

Hortmeyer rechnet damit, dass Faser-Recycling wichtiger wird. „Doch wie soll das Elasthan aus einer Baumwolljeans geholt werden?“ Mischungen sind eine Herausforderung – und von denen gibt es in der Mode- oder auch in der Einrichtungsbranche einige.

Auch deshalb war die GreenTec-Jury angetan davon, was aus Milch alles werden kann. Das Granulat, das Qmilk ebenfalls herstellt, macht es möglich: Implantate, Baby-Spielzeug, Kosmetik, Verpackungsschaum, Papier mit Lotuseffekt. Die Auto-Industrie sei interessiert und der Kompressions-Strumpf-Markt „ist stark“, sagt Domaske. „Mein Traum der nächsten Jahre ist eine Wundauflage aus Milch.“ Mit eingearbeiteter Medizin.

Roland Essel vom Nova-Institut, das zu nachhaltigen Rohstoffen forscht, sieht die Milchfaser als eine Zukunftsfaser unter vielen. „Die Frage ist, wie viel davon in einem Land erzeugt werden kann. Das ist bei der Milch wohl begrenzt.“ Und ob die Faser Luxus bleibt.

Die 32-jährige Anke Domaske lässt sich nicht beirren. „Mein großes Vorbild war Robert Koch. Ich wollte was gegen Aids oder Krebs entwickeln. Jetzt hab’ ich Qmilk. Wenn man mit der Erfindung mal was bewirken kann, ist das in Ordnung für mich.“ Mal schauen, wie viele bald mit der täglichen, dreifachen Portion Milch herum laufen? Vom Faden über die Knöpfe bis zum Stoff.

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