Flexstrom und Co.: Wie Ökostrom-Discounter Greenwashing betreiben

Flexstrom und Co.: Wie Ökostrom-Discounter Greenwashing betreiben

Nach der Flexstrom-Pleite: Billig-Ökoenergie ist nicht nachhaltig und bringt dem Klimaschutz nichts.

Dies ist der sechste Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. An dieser Stelle präsentiert regelmäßig ein Experte seine Ideen, wie der Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann. Der Autor dieses Textes ist Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Verbraucherzentrale NRW.

Ende, Aus, Pusteblume – am 12.04. gingen für Flexstrom und ihre Töchter OptimalGrün und Löwenzahn die Lichter aus. Für die Kunden brannten sie noch eine Woche länger, bis der Insolvenzverwalter die Einstellung der Belieferung mit Strom verkündete. Jetzt läuft nach Teldafax mit 800.000 Kunden das zweitgrößte Insolvenzverfahren in der deutschen Wirtschaftsgeschichte – mit diesmal schätzungsweise 600.000 Betroffenen.

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Die nächsten Monate werden zeigen, ob der Wettbewerb im Energiemarkt und der Anbieterwechsel als wirksame Marktinstrumente spürbar ins Stocken geraten. Auf jeden Fall wird die Frage noch wichtiger werden, was ein vertrauenswürdiges Geschäftsmodell auszeichnet und welchen Energieanbietern Verbraucherinnen und Verbraucher noch Vertrauen können.

Mit dem Slogan „verboten günstig“ hat Flexstrom auf billig gemacht und mit den Marken OptimalGrün und Löwenzahn zusätzlich auf öko. Wie so oft bei Ökostrom-Angeboten wurde den Kunden dabei suggeriert „öko“ bedeute hier auch ein Schritt in Richtung nachhaltige Energieversorgung. Doch Löwenzahn – und mit ihnen die meisten Stromversorger in Deutschland – bedienen sich bei Händlern von Ökostromzertifikaten. Die Preise für das grüne Etikett liegen in einer Spanne von 0,2-0,5 Cent pro Kilowattstunde und sind –zumindest damit liegt Flexstrom richtig – verboten billig.

Alte Wasserkraft hilft dem Klima nichtUnabhängig von der physikalischen Lieferung oder nachweisbaren Umwelteffekten können Anbieter damit ihren Strom aufhübschen und grünwaschen. Um es vorweg zu nehmen: Dem Weltklima bleibt damit in den meisten Fällen keine einzige Tonne CO2 erspart. Denn sehr große Mengen des in Deutschland an Privathaushalte verkauften Ökostroms stammt aus Wasserkraftwerken, die bereits im vergangenen Jahrtausend am Netz waren. Neben dem Strom selbst, den es von Kraftwerksbetreibern direkt oder über Händler von der Strombörse gibt, decken sich Ökostromhändler im zweiten Schritt mit der benötigten Menge Ökostrom-Zertifikate ein.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (hier als PDF) hat zwar bestätigt, dass die Konsumenten sehr hohe Erwartungen an den Ökostrom und die Anbieter haben. Die energiewirtschaftliche Realität kann das derzeit nur zu einem geringen Teil erfüllen. Deshalb stellen sich einige konkrete Fragen, die die Branche in den nächsten Monaten beantworten muss.

1. Der freiwillige Ökostrommarkt lässt sich mit dem gesetzlich geregelten EEG-Markt kaum kombinieren. Weil der deutsche Ökostrom-Markt von Anbieter-Seite durch die staatliche EEG-Förderung und ein damit verbundenes Doppelvermarktungsverbot faktisch nicht existiert, muss als solcher gekennzeichneter Öko-Strom meist im Ausland bezogen werden.

Dies führt allenfalls zu einer Europäisierung der Energiewende, wenn die Nachfrage in Deutschland steigt – jedoch nur dann, wenn der Ökostrom aus neuen Anlagen kommt und dies über eine Zertifizierung nachgewiesen wird. Umgekehrt führt das fehlende Angebot in Deutschland aber auch dazu, dass die Nachfrage nach Ökostrom derzeit quasi keinen Einfluss auf die Energiewende in Deutschland hat.

2. Mehr noch: Die steigende Nachfrage nach Ökostrom (in der Folge von Fukushima war sie überragend hoch, um dann auf das „normale“ Maß abzusinken) führt zur Absurdität des Billig-Ökostroms. Denn Billig-Ökostrom-Anbieter greifen auf Strom aus alten Wasserkraftwerken zurück, die keinen zusätzlichen Beitrag zur Energiewende leisten. Und davon gibt es reichlich in Europa.

Nahezu 600 Terawattstunden Strom aus alten Wasserkraftwerken werden in Europa pro Jahr erzeugt und bislang nur zu einem geringen Teil gesondert vermarktet (diese Menge entspricht ungefähr dem jährlichen Stromverbrauch in Deutschland). Nach und nach fließt dieser „Ökostrom“ jedoch vorrangig auf den deutschen Markt, so dass der Anteil des regenerativ ausgewiesenen Stroms in den Erzeugerländern entsprechend sinkt. Für die Betreiber der Anlagen kommt dieser Geldregen unverhofft. Dass damit Investitionen in die Erneuerbaren angereizt werden ist nicht belegt.

3. Die oben genannte Forsa-Umfrage bestätigt, dass der Ökostrommarkt für Endkunden kaum mehr zu verstehen ist. Die Privathaushalte finanzieren über den Mechanismus der Einspeisevergütung mit derzeit 5,3 Cent pro Kilowattstunde ohnehin bereits die erneuerbaren Energien, die immerhin einen Erzeugungsanteil von ca. 25 Prozent an der deutschen Stromerzeugung erreicht haben. Wenn sie dann ihre persönliche Energiewendebilanz auf 100 Prozent Erneuerbar umstellen und dafür zwar die 5,3 Cent EEG-Umlage, aber ansonsten nur einen minimalen Aufpreis bezahlen stellt sich zunehmend die Frage, wie das zusammenpassen soll.

Nur wenn ein garantierter Mehrwert erkennbar ist, macht der Bezug von Ökostrom noch nachvollziehbar Sinn. Dies erreichen heute einige Label wie das ok-power und Grüner Strom Label sowie wenige nicht gelabelte Ökostromanbieter. Das Öko-Institut gibt mit der Ecotopten Liste einen Überblick.

4. Doch auch diese etablierten Label und Ökostromanbieter wie Lichtblick, Greenpeace Energy, naturstrom oder die EWS-Stromrebellen aus Schönau stehen vor großen Herausforderungen. Denn die bisherige Konzentration auf den Ausbau der erneuerbaren Energien entspricht nicht mehr der heutigen Problemlage der Energiewende. Vielmehr besteht die zukünftige Herausforderung darin, Energie aus Sonne und Wind intelligent in das Stromsystem zu integrieren und dabei die Probleme von Speichern, Flexibilität und dezentraler Erzeugung anzugehen. Hier bedarf es neuer innovativer Konzepte aller beteiligten Akteure. Solcherlei Konzepte in einem vermarktbaren Produkt darzustellen, dürfte eine weitere große Herausforderung für die Energiemarkt-Designer bedeuten.

Ökostromer schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zuDie Vielzahl von Problemen und Schwierigkeiten rund um den Ökostrommarkt ist auch den zuständigen Behörden bekannt. In einem aktuellen Schreiben an Umwelt- und Verbraucherverbände beschreibt Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, die Situation am deutschen Ökostrommarkt mit einer realistischen Problemdarstellung und unterstellt der Ökostrombranche eine Orientierungslosigkeit. Im Lichte des Erfolges des Erneuerbaren Energien Gesetzes EEG habe sich der Zubau erneuerbarer Energien als Ziel der Ökostromer überholt; eine neue Zieldefinition sei nicht in Sicht.

Bislang aber waren es gerade das Umweltbundesamt und einzelne Umweltverbände, die eine energiewirtschaftliche Perspektivdiskussion und die Lichtung des Labeldschungels nicht entschieden verfolgt haben. Dabei hat es das Bio-Sechseck im Lebensmittelmarkt vorgemacht, wie ein Ökomarkt aus der Nische kommen kann. Wir brauchen auch für Ökostrom ein einheitliches und staatlich definiertes Label mit anspruchsvollen Kriterien für eine verbraucherfreundliche und glaubwürdige Kommunikation.

Vielleicht finden sich angesichts der offensichtlichen Krise auf dem Ökostrommarkt neue Anhänger dieser Idee in den Umwelt- und Verbraucherverbänden, in der Bundesregierung und bei Ökostromanbietern.

Um zumindest die Probleme aufzuarbeiten und ihre Ursachen zu ergründen, haben Öko-Institut und die Verbraucherzentrale NRW ein Projekt gestartet, das sowohl die energiewirtschaftliche Perspektive des freiwilligen Ökostrommarktes aufzeigen soll als auch die kommunikative. Unter dem Arbeitstitel „Die Zukunft des freiwilligen Ökostrommarktes“ wird dazu gerade eine umfangreiche Studie erarbeitet, die im Herbst vorliegen wird.

Bleibt zu hoffen, dass deren Ergebnisse und die Diskussion insgesamt das Problembewusstsein und die Motivation zur Lösungssuche stärken. Sonst droht der Ökostrommarkt zwischen Preiskampf, Greenwashing und Unübersichtlichkeit auf der Strecke zu bleiben.

 

Bisher sind im Rahmen der Serie “Zukunft der Energiewende” erschienen:

Teil 1: Eicke Weber beschreibt, warum wir statt einer Strompreisbremse einen Masterplan für die Energiewende brauchen.

Teil 2: Rainer Baake erklärt, wie wir künftig Blackouts verhindern.

Teil 3: Felix Matthes stellt die Grundlagen einer erfolgreichen EEG-Reform vor

Teil 4: Manuel Frondel fordert, dass die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren bremst

Teil 5: Manfred Fischedick beschreibt die sechs größten Herausforderungen der Energiewende

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