Fracking: Der Gasboom wird von der Politik völlig überschätzt

Fracking: Der Gasboom wird von der Politik völlig überschätzt

Debatte: Kurzfristige Profite, begrenzte Reserven und Schaden für das Klima: Der Erdgas-Boom wird nicht mehr lange für Euphorie sorgen.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Christ, Journalist, Buchautor und Experte für den Nahen und Mittleren Osten

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade in diesen Wochen J.R. Ewing auf die deutschen Fernsehbildschirme zurückkehrt. Die internationale Energiewirtschaft erlebt durch das „Fracking“ den ersten Rohstoffboom seit den 80er Jahren, als die USA durch verstärkte Förderbemühungen im eigenen Land versuchten, sich aus der Abhängigkeit vom arabischen Öl zu befreien. Der Unterschied: Das Dallas des 21. Jahrhunderts liegt in Pennsylvania. Und überall dort, wo nun Rohstoffvorkommen gefunden werden, die mit konventionellen Fördermethoden nicht erschließbar waren.

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Doch wie so oft, wenn kurzfristige Profite den Blick auf die langfristige Perspektive verstellen, wird mit falschen Begriffen argumentiert. Das Glück von heute kann schnell zum Unglück von morgen werden. „Nachhaltigkeit“ mag in den vergangenen Jahren zum Modewort geworden sein. Und doch hat der Begriff trotz der aktuellen Entwicklungen nichts von seiner Tiefenwahrheit eingebüßt. Die Welt ist abhängig von fossilen Brennstoffen. Und wenn wir uns nicht rechtzeitig aus dieser Abhängigkeit lösen, werden wir mit den Folgen unseres Konsums zu kämpfen haben. Die Förderung durch das Fracking verschafft uns allenfalls zehn bis zwanzig Jahre Aufschub – mit kaum absehbaren Folgen für die Umwelt.

Die Energienachfrage steigt weiterhin an. Laut Zahlen, die von der Internationalen Energie Agentur (IEA) im Herbst vergangenen Jahres im „World Energy Outlook“ vorgestellt wurden, lag der weltweite Energiebedarf im Jahr 2010 bei 12.380 Megatonnen Öläquivalent. Im Jahr 2035, so rechnet die IEA vor, sollen es 16.730 Megatonnen sein (hier die Zahlen im PDF).

Der Report stellt ebenso fest, dass es durch die Anwendung der Fracking-Technologie in den USA zu einem „Strömungswechsel“ im internationalen Energiehandel kommen werde (PDF hier). Schon im Jahr 2020 würden die USA demnach vom Gasimporteur zum Gasexporteur, und im Jahr 2035 unabhängig von sämtlichen Energieimporten. Die Fracking-Befürworter sehen darin auch ein Signal für Deutschland: Denn auch unter niedersächsischer, westfälischer und nordhessischer Erde lagern große Erdgasvorkommen, die mit dem Einleiten eines Sand-Wasser-Chemie-Gemisches zutage gefördert werden könnten.

Doch auch der nordamerikanische Energieboom wird nicht endlos sein. Immer wieder wird die IEA mit den Zahlen für 2020 zitiert: Dann werden die USA die weltweit größte Ölfördernation sein. Was verschwiegen wird: Schon im Jahr 2025 ist der Höhepunkt des neuen Ölrausches überschritten, und im Jahr 2035 sind die USA nur noch weltweite Nummer drei hinter Saudi Arabien und Russland (PDF hier).

Die Gesamtförderung wird dann um lediglich eine Million Barrel am Tag auf 9,2 Millionen Barrel angestiegen sein. Das entspricht ungefähr der seit Anfang 2011 erzielten Produktionssteigerung im Irak (PDF hierzu). Auch die Gasförderung in den USA wird dann bereits stagnieren.

Die Folge: Zwar werden die USA autark sein, mit tatsächlich gravierenden Folgen für die Außenpolitik. Doch die erhöhte Nachfrage aus den BRIC-Staaten und aus Asien wird dazu führen, dass sich die Lage an den Energiemärkten keineswegs entspannt.

Dazu noch ein paar interessante Zahlen von der IEA: Derzeit haben die OECD-Länder (darunter auch die USA, Kanada, Australien und die meisten europäischen Staaten) einen Anteil von deutlich über 40 Prozent am weltweiten Verbrauch. Im Jahr 2035 wird diese Quote auf etwa ein Drittel sinken. Indien (derzeit noch nicht einmal unter den Top 20 der erdölfördernden Länder) und China werden dann etwa genauso viel Energie verbrauchen wie die OECD-Länder.

Fracking ist keine Lösung für die Energiefragen der Zukunft. Einer Weltwirtschaft, die wie ein Junkie von fossilen Brennstoffen abhängig ist, verschafft die Technologie allenfalls ein wenig Problemaufschub. Doch der Stoff geht zur Neige. Daran ändert sich durch das Fracking nichts. Es gilt weiterhin der Satz aus dem Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome vom 1972: Ein unbegrenztes Wachstum in einer Welt mit beschränkten Ressourcen ist nicht möglich.

Falls die Fracking-Befürworter sich durchsetzen können, werden wir eben in 25 Jahren noch einmal die Probleme von heute diskutieren. Unter verschärften Bedingungen freilich, weil wir dann wieder zweieinhalb Jahrzehnte im Kampf gegen den Klimawandel verloren haben. Außerdem werden wir uns auch mit den Umweltfolgen des Fracking auseinandersetzen müssen: Der polnische Filmemacher Lech Kowalski hat am Beispiel von Fracking-Gebieten in Pennsylvania und Ostpolen unlängst gezeigt, welchen Einfluss der Einsatz der Technologie haben kann. Die Verunreinigung des Trinkwassers ist dabei wohl nur das erste sichtbare Symptom.

Nachhaltig geht anders. Und Deutschland hat jetzt die Chance, ganz bewusst einen anderen Weg einzuschlagen. Wir könnten Zeit gewinnen. Während andere Nationen die Vernunft zugunsten von kurzfristigen Überlegungen über Bord schmeißen, hätte Deutschland die Gelegenheit, mit Zukunftstechnologien zum Weltmarktführer zu werden. Nicht, weil uns das schlechte Gewissen juckt. Sondern weil die Grüne Revolution eine Jahrhundertchance für die Nation der Ingenieure ist.

 

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