Giftiges Leder: "Der Tod an den Füßen"

Giftiges Leder: "Der Tod an den Füßen"

Leder steckt voller gefährlicher Chemikalien und die Produktionsbedingungen in den Lederfabriken Asiens sind erschreckend. Doch es geht auch anders.

Mit einem Lächeln steht Thomas Heinen in der stinkenden Plörre. Der 44-Jährige ist frisch rasiert, das dunkle Haar ist mit Gel ordentlich nach hinten gekämmt.

Neben ihm schwappt schaumiges Waschwasser aus einem riesigen Fass, schiebt sich einige Meter über den Boden, bis es in einem breiten Abfluss versinkt. Es sind die Überreste von Blut, Dung und Schmutz, die über den nackten Betonboden der Lederfabrik Heinen im nordrhein-westfälischen Wegberg fließen.

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Die Produktionshalle, ungefähr so groß wie ein Fußballfeld, ist von der jahrzehntelangen Arbeit gezeichnet. Fenster sind zerbrochen, Putz bröckelt von den Wänden, in die Treppengeländer, die Fenster und Maschinen frisst sich der Rost. Der Wind, der durch das weit geöffnete Tor von draußen herein weht, tut sich schwer, den Geruch von totem Tier, nassem Fell und Chemikalien zu vertreiben.

„Das Gerberhandwerk ist immer schon ein schmutziger Job gewesen“, sagt Thomas Heinen. Nicht umsonst hätten die Gerber im Mittelalter vor die Stadttore gemusst.

In der Halle zerren gut ein Dutzend Männer nasse Häute aus den Fässern, sortieren sie und überprüfen sie auf Mängel. Vierzig Kilogramm wiegt die Haut eines Bullen. Bis zu zwanzig Kilogramm Chemikalien benötigt sie, bis sie tragbar ist.

Der Letzte seiner ArtDie Maschinen waschen Naturfett und Eiweiß aus der Haut, entfernen die Haare und das Unterhautbindegewebe, trennen die Schwanzwurzel, den Bauchnabel und andere nicht erwünschte Hautteile ab. Dann erst beginnt das Gerben, jener Prozess, der die Haut haltbar macht.

Es ist ein jahrhundertealtes, schmutziges Handwerk, das in Deutschland kaum mehr existiert – die Lederproduktion hat sich längst in die Billiglohnländer in Fernost verlagert; nach China, Indien, Vietnam und Bangladesch.

Thomas Heinens Betrieb, der seit vier Generationen in Familienbesitz ist, ist die einzig verbliebene vollstufige Oberledergerberei in Deutschland. Die Mitarbeiter verarbeiten hier die rohe Haut bis zum fertigen Schuhleder.

Der Untergang der deutschen Lederindustrie spiegelt auch die Ignoranz der Verbraucher hierzulande. Die stapelt sich in Form von importierten Schuhen massenhaft in den Regalen der Händler in deutschen Innenstädten.

Im Gegensatz zur Textilindustrie und zur Lebensmittelbranche ignorieren die Kunden bei Lederprodukten bisher die Bedingungen, unter denen sie hergestellt werden.

Ein Aufschrei nach mehr Transparenz, wie er nach Lebensmittelskandalen und Bränden in asiatischen Textilfabriken regelmäßig ertönt, blieb bislang aus. Ein Fehler. Die Lederproduktion schadet der Umwelt massiv, die Produktionsbedingungen für Lederprodukte sind erschreckend.

Es ist also höchste Zeit, auch beim Leder Fragen zu stellen:

Wie giftig sind Lederprodukte wirklich? Wie leiden Menschen, Tiere und die Umwelt unter ihrer Herstellung? Was tun die großen Leder verarbeitenden Konzerne für die Sicherheit ihrer Produkte? Warum fehlt der Druck auf den Handel, der nach wie vor riesige Mengen Lederwaren unbekannter Herkunft importiert? Und: Welche Alternativen hat der Verbraucher?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir uns in Deutschland auf die Suche gemacht. Nach Lederproduzenten, die ihre Kunden und die Umwelt achten. Nach Milliarden-Unternehmen, die vorsichtig mehr Nachhaltigkeit wagen. Nach Tierhaltern, die Bioleder produzieren und Ökopionieren, die bei der Produktion mehr Rücksicht auf die Umwelt nehmen.

Nachhaltigkeit als letzte Rettung„Wir sind ein teurer Hersteller, wenn jemand nur irgendein Leder kaufen will, kann er das totsicher irgendwo auf der Welt fünfzig Prozent billiger haben“, sagt Heinen. Er könnte ebenfalls günstige Rohware aus Fernost importieren, doch seine Kunden aus dem hochwertigen Schuh- und Taschenbereich bestehen auf sauber produziertem Material – genau wie Heinen selbst.

So kauft er die Häute in Deutschland und den Nachbarländern, die Flüssigchemikalien in Zentraleuropa. „Wir versuchen ein ökologisch sehr hohes Level zu fahren, das aber auch noch verkaufsfähig ist. Wir könnten nochmal alles umbauen und den I-Punkt auf den I- Punkt setzen, aber dann bin ich als Gerber tot.“

Wie schon so viele Gerber vor ihm.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Industrie spricht von einem „dramatischen Anpassungsprozess“, den die deutsche Lederindustrie in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat. Die Konkurrenz der Niedriglohnländer und verschärfte Umweltauflagen in Deutschland hätten einen „gravierenden Schrumpfungsprozess“ in Gang gesetzt.

Zählte die Branche zum Jahresende 1970 noch 173 Betriebe, sank die Zahl bis zum Jahresende 2013 auf 13. Die übrig gebliebenen Lederproduzenten fertigen vorwiegend für die Premiumbereiche der Auto- und Möbelindustrie, aber auch für hochwertige Schuh- und Taschenproduzenten.

„Das mag jetzt arrogant klingen“, sagt Thomas Schroer, Geschäftsführer des Deutschen Lederverbands. „Aber wir haben in Deutschland die sauberste Lederindustrie der Welt. Nicht weil wir Engel sind, sondern weil die Gesetzgebung so streng ist.“

Doch wer daraus schlussfolgert, dass wir in Deutschland auch das sauberste Leder an unserem Körper tragen, der irrt. Allein aus China importierte Deutschland 2013 Leder und Lederwaren im Wert von weit mehr als drei Milliarden Euro. Auch aus Vietnam überschritt der Importwert die Marke von einer Milliarde und aus Indien kam Leder im Wehr von fast 500 Millionen Euro.

Damit importiert Deutschland fast die Hälfte seiner Leder und Lederwaren aus drei Ländern, die nicht unbedingt für strenge Umweltschutz- und Arbeitsbedingungen bekannt sind.

Lebenserwartung drastisch reduziertImmer wieder prangern Tier- und Menschrechts-Organisationen die Lederindustrie in Fernost an. Die ZDF-Dokumentation „Gift auf unserer Haut“ sorgte 2013 für Aufsehen. Sie zeigt das Leiden der indischen Kühe beim Transport und den Alltag in den Gerbereien in Bangladesch.

Der Zuschauer sieht Kinder, die in den Fabriken schuften, Arbeiter, die ohne Schutzkleidung mit nackten Füßen in der Gerbbrühe stehen. Er sieht Tiere, abgemagert und erschöpft, ihre Schwänze gebrochen, und giftige Abwässer, die aus dem Fluss im Gerberviertel eine tödliche Kloake gemacht haben.

Sicherheitsvorschriften und Umweltschutzauflagen – Fehlanzeige.

Die Lebenserwartung der Arbeiter liegt gerade mal bei 50 Jahren, gut 20 Jahre unter dem Bevölkerungsschnitt. Trotzdem importierte Deutschland 2013 Leder und Lederwaren im Wert von gut 63 Millionen Euro aus Bangladesch, ein Umsatzplus von knapp 30 Prozent zum Vorjahr. Mit der importierten Ware steigt auch das Gesundheitsrisiko durch Leder.

Giftige Stoffe, die beim unsachgemäßen Gerben entstehen, schaden der Gesundheit der Konsumenten. Doch die sind ahnungslos. Noch bestimmt in Deutschland vornehmlich eines den Kauf: Der Preis.

Herkunftsbezeichnung für Schuhe?Taschen und Schuhe sind für viele Menschen Wegwerfprodukte. Niemand erwartet von einem Schuh, der 20 Euro kostet, eine lange Lebensdauer. Wozu auch? Die Regale in den Schuhläden sind vollgestopft, zu jedem Trend gibt es den passenden Treter.

Doch wenn Schuhe aus echtem Leder 20 Euro kosten, liegt der Verdacht nahe, dass bei ihrer Herstellung wenig Rücksicht auf Menschen, Tiere oder die Umwelt genommen wurde. Doch woran erkennen Verbraucher einen krank machenden Schuh?

Die Antwort lautet: Gar nicht. Und genau da liegt das Problem.

Offizielle Label, die Angaben über die Herkunft der Tierhäute, den Ort oder die Art der Gerbung geben, gibt es nicht – egal ob bei billigen Galoschen oder teuren Designerstiefeln. Selbst Händlern und Vertragspartnern ist es bislang fast unmöglich, die Zulieferkette, die zahlreichen Vorlieferanten und die Produktionswege ihrer Waren nachzuvollziehen.

Trotzdem sind sie den Konsumenten gegenüber zur Auskunft verpflichtet. Mit einer Anfrage können Verbraucher kostenlos beim Händler, Hersteller oder Importeur nachfragen, welche „besonders besorgniserregenden“ Stoffe in ihrem gekauften Produkt enthalten sind.

Doch das Anfragesystem steht in der Kritik, die Rückmeldungen der Unternehmen sind kaum überprüfbar. Zumal das System keine Einzelfälle berücksichtigt: Wenn nur ein einzelner Artikel einer Produktionslinie chemisch kontaminiert ist, hilft eine Liste mit ordnungsgemäßen Inhaltsstoffen wenig.

Die Experten empfehlen daher, bei Zweifeln, etwa weil das Produkt intensiv chemisch riecht, die zuständige Landesbehörde zu informieren.

Doch, wer macht sich die Mühe? Die wenigsten.

Und das weiß der Handel. Es gibt viele Parteien, die an einem reibungslosen Geschäft interessiert sind, nicht zuletzt auch Ministerien und die Europäische Union, sagt Thomas Schroer.

Der Verband der Deutschen Lederindustrie poche schon lange auf eine Herkunftsbezeichnung, doch der Gegenwind sei zu stark. „Es würde ja schon helfen, wenn europäische Produkte als solche gekennzeichnet würden“, aber nicht mal darauf könne man sich einigen.

Das Risiko trägt der Verbraucher – im wahrsten Sinne des Wortes.

Der aussichtslose Kampf der BehördenDie Verbraucher schützen sollen die Schadstoff-Experten des Landeslabors Berlin-Brandenburg. Auf ihren Tischen stapeln sich Schuhe, Portemonnaies und Badelatschen in grauen Kartons, viele noch originalverpackt.

Chemiker Mike Neumann hält einen blau-grauen Kinderschuh in die Luft, die Nähte wurden aufgeschnitten, Teile des Innenleders und der Sohle entfernt. „In der Regel bestehen Lederartikel aus verschiedenen Teilstücken, die unterschiedliche Prozesse durchlaufen haben können, daher muss jedes Teilstück separat untersucht werden.“

Es gibt viele Problemstoffe im Leder, sie tragen teils unaussprechlichen Namen wie Dimethylfumarat oder Alkylphenolethoxylate, doch der Schwerpunkt ihrer Untersuchungen, sagt Mike Neumann, beziehe sich immer noch auf Chrom VI. Das löse nicht nur Allergien aus, sondern gilt in höheren Dosen und bei dauerhaftem Hautkontakt als krebserregend und akut toxisch.

Am Bundesinstitut für Risikobewertung schätzt man, dass mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland empfindlich auf Chrom VI reagieren.

Auf die Frage, nach welchen Kriterien die Labormitarbeiter ihre Schuhe kaufen, lachen sie. Es gibt keine. Wenn es künstlich und nach Chemie riecht, sollte man die Finger von der Ware lassen, sagen die Experten.

Im Jahresbericht schreibt das Landeslabor: „Verbraucher haben keine Möglichkeit, die Qualität der Gerbung anhand äußerer Parameter wie Geruch, Griff, Rückstellvermögen oder ähnlichem zu beurteilen. Da die verschiedenen Produktionsstufen eines Erzeugnisses oft international verflochten sind, lassen sich auch keine Empfehlungen für einen gezielten Einkauf geben.“

Das klingt nicht gerade vielversprechend.

Vor allem nicht, wenn man die Zahlen kennt.

Im Jahr 2013 wurden im Landeslabor insgesamt 84 Lederproben untersucht, ein Viertel davon hatte die Höchstmenge an Chrom VI überschritten, die derzeit bei drei Milligramm je Kilogramm Leder liegt. „Die Kontrollen stellen nur Stichproben am Markt dar“, sagt Mike Neumann. „Für Personen, die gegen Chrom VI sensibilisiert sind, ist es daher ratsam, chromgegerbte Leder konsequent zu meiden.“

Gerber Thomas Heinen aus Wegberg ärgert die Chrom VI-Diskussion. „Es ist giftig und deswegen längst verboten.“ In Deutschland gibt es bereits seit 2006 ein Verbot von sechswertigem Chrom oberhalb der Grenzwerte, mittlerweile hat auch die EU eine Verordnung auf den Weg gebracht, die ab Mai 2015 in Kraft tritt.

Doch ob sie einen besseren Schutz bieten kann, scheint mehr als fraglich. Heute wisse jeder Gerber, wie er die Entstehung von Chrom VI verhindern kann, sagt Heinen. „Das ist kein Hightech der Firma Heinen, sondern Stand der Technik seit Jahrzehnten.“ Das Problem: Nicht jeder wendet die Technik ordnungsgemäß an.

Und so gelangen immer wieder Lederartikel nach Deutschland, die Grenzwerte deutlich überschreiten. Fallen sie in Stichproben auf, geht eine Meldung an das europäische Schnellwarnsystem RAPEX, das europaweit Alarm schlägt.

Jeder Verbraucher kann die Liste der gefährlichen Produkte im Internet einsehen. Jeder Lederartikel, der bei RAPEX auf der Liste landet, ist ein Schlag in die Magengrube der deutschen Lederhersteller. Sie geraten wegen der schmutzigen Produkte aus Fernost schnell unter Generalverdacht.

Der Gesetzgeber müsse deshalb eine Kennzeichnungspflicht einführen, fordert Thomas Heinen. Er selbst hat vor einigen Jahren für sein Leder die Marke Terracare ins Leben gerufen.

Label schreckt Käufer abDoch statt jubelnder Händler traf Heinen auf Skepsis. „Bei keinem bin ich der alleinige Lieferant. Modell Anton steht mit seinem Terracare-Etikett dann zwar gut da, aber Berta daneben schneidet ohne Herkunftsnachweis dementsprechend schlecht ab.“ Die Begeisterung für die Etiketten halte sich daher in Grenzen.

Aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel verwendet das Unternehmen HANWAG, das seit 1921 Berg- und Trekkingschuhe herstellt, seit gut drei Jahren das Terracare- Markenzeichen, obwohl die anderen Zulieferer keine vergleichbaren Etiketten haben.

„Das Terracare-Logo zeigt, dass wir uns mit dem Thema Umweltschutz beschäftigen“, sagt der Markenverantwortliche Jürgen Siewarth. Händler hätten bislang ausschließlich positiv reagiert, das Logo als Verkaufskriterium genutzt. „Am Ende entscheidet sowieso die Passform darüber, wer welchen Schuh kauft, nicht ein Logo allein.“

Die Sorge um den Neidfaktor findet er unbegründet, schließlich könne jeder Produzent ebenfalls ein Logo an seinen Schuhen anbringen. Doch genau diese Transparenz scheut die große Masse jener Produzenten, die ihre Produkte in Fernost fertigen oder aus importierten Materialien in Europa herstellen lassen.

Undurchschaubare LieferketteAber es gibt Ausnahmen. Wer nur lange genug sucht, findet auf der Internetseite von H&M die gesamte Lieferantenliste des Unternehmens, aufgeteilt nach 27 Ländern. Allein in China sind weit über 500 Zulieferer gelistet. Ein Novum in der Branche.

Doch dem Kunden selbst bringen die langen Listen wenig.

Auch der Lederwarenhersteller PICARD weiß um das Transparenzproblem der Branche: „Tierhäute fallen als Abfallprodukt bei der Tierschlachtung an und werden dann tonnen- oder palettenweise meist über spezielle Börsen in alle Welt verkauft. Letztlich erfahren wir meist nur das Land, aus dem die Häute vom Gerber bezogen wurden“, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Die Gerber selbst sitzen in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Brasilien, Indien und Bangladesch, jeder sei dem Unternehmen persönlich bekannt. Trotzdem lässt PICARD sein Leder stichprobenartig untersuchen. Immerhin.

Der Sportartikelhersteller PUMA hält seine Schuhzulieferer seit 2011 an, Leder ausschließlich von Herstellern zu kaufen, die Mitglied der Leather Working Group (LWG) sind, einer branchengeführten Arbeitsgemeinschaft von Gerbereien und lederverarbeitenden Betrieben, die Unternehmen regelmäßig kontrolliert, zertifiziert und auch bei kritischen NGOs als vertrauenswürdig gilt.

Neunzig Prozent des von PUMA verwendeten Leders stammt aus LWG-zertifizierten Gerbereien. Dem System scheint aber auch der Weltkonzern nicht zu trauen. Inzwischen lässt PUMA die meisten Schuhe ganz ohne Leder produzieren. Vor allem die enormen Mengen an Wasser und Chemie, die für das Gerben benötigt werden und die Kuhzucht belasten die Umweltbilanz des Unternehmens.

Bei H&M wurden 2013 nur rund 49 Prozent der Lederschuhe aus LWG-zertifiziertem Leder hergestellt. Seit letztem Jahr lässt H&M zudem Waren aus schwedischem Bio- Leder herstellen. „Ein großer Vorteil dieser Lederbeschaffung ist der, dass wir das Leder von der Farm bis zum Produkt zurückverfolgen können“, schreibt das Unternehmen.

Das ist durchaus ehrenvoll – aber umgekehrt bedeutet es eine Bankrotterklärung für das herkömmliche Leder. Denn nachverfolgbar ist hier nichts.

Bislang gibt es das Bio-Leder bei H&M nur für die Conscious-Kollektion, der Großteil der Ware besteht aus konventionellem Leder: Ballerinas für 25 Euro, Stiefel für 50 Euro.

Damit gibt H&M den Konsumenten, was sie wollen: Günstige Produkte. Die Folge: Im ersten Halbjahr 2014 importierte Deutschland mehr als 4,1 Millionen Leder- Handtaschen, über siebzig Prozent kamen aus den wachsenden Märkten in China und Indien. Der Durchschnittspreis einer chinesischen Tasche lag bei 14,70 Euro, die importierte spanische Variante kostete durchschnittlich 49,78 Euro.

Teuer muss natürlich nicht unbedingt besser sein, aber eine echte Ledertasche für unter 15 Euro sollte beim Konsumenten Fragen aufwerfen. Doch der kauft lieber eifrig weiter, nicht nur Taschen sondern auch Schuhe, gerne aus Leder.

Öko-Pioniere wollen den Markt aufmischenEine Online-Befragung des Kölner Meinungs-Forschungsinstituts YouGov stellte 2014 fest, dass die Bundesbürger im Durchschnitt dreizehn Paar Schuhe im Schrank haben.

„Vielleicht sollte man sich die Frage stellen, wie viele Schuhe und Taschen man überhaupt braucht?“, sagt Anne-Christin Bansleben. Ihr Leipziger Unternehmen Deepmello ist der Shootingstar unter den pflanzlich gegerbten Lederprodukten.

Während ihres Studiums der Ernährungswissenschaften an der Hochschule Anhalt schloss sie sich einer Forschungsgruppe an, gemeinsam stießen sie auf Gerbkraft der Rhabarberwurzel.

„Meine beiden Geschäftspartner und ich haben uns aus wissenschaftlicher Neugier damit beschäftigt. Irgendwann dachten wir, wenn wir das jetzt nicht in die Hand nehmen, landet unsere Idee wie viele Forschungsergebnisse in einer Schublade.“

Vier Jahre später hielten sie ihr erstes Produkt in den Händen, eine Shopper-Tasche, „zeitlos, schlicht, funktional.“ Bansleben, 36, dreht und wendet sie wie eine Dame vom Teleshopping-Kanal, ihre Begeisterung ist ansteckend.

Doch nicht jeder teilt sie. Die Vorurteile gegenüber den Newcomern sind groß. Argumente, die sie häufig hört: Ihr Leder sei nicht farbecht, nicht so weich wie chromgegerbtes, ihr Rhabarber würde Nutzpflanzen die Fläche stehlen.

Anne-Christin Bansleben schüttelt den Kopf. „Bislang hat sich keiner der Vorwürfe bestätigt.“ Wie sie ihren Gerbstoff herstellen und wie viele Pflanzen sie benötigen, sei ein Firmengeheimnis, „aber wenn wir ganz Sachsen-Anhalt mit Rhabarber bepflanzen müssten, wäre das auch für uns weder wirtschaftlich noch effektiv.“

Die in Deutschland gefertigten Produkte haben ihren Preis: Ein Kleid kostet 799 Euro, eine Tasche 399 Euro. „Unsere Produkte sind keine, die man mal zwei Monate trägt und dann in die Tonne donnert“, sagt Bansleben.

Zwar werde naturgegerbtes Leder nie die gesamte Ledernachfrage decken können. „Aber der Verbraucher wird aufgeklärter, keiner möchte den Tod an den Füßen tragen.“

In einem alten Berliner Fabrikgebäude reibt Täschner Jörg Wlotzka das Leder für die neueste Deepmello-Tasche zwischen seinen kräftigen Fingern. In den Regalen der Ledermanufaktur Papoutsi in Berlin Kreuzberg liegen hunderte aufgerollte Lederballen, das pflanzliche Deepmello-Leder nicht weit entfernt vom chromgegerbten Heinen- Leder.

Das Unternehmen hat sich entgegen dem allgemeinen Trend in Fernost produzieren zu lassen, die lokale Produktion auf die Fahnen geschrieben.

Inhaber Jörg Wlotzka ist ein echtes Urgestein. Seit 26 Jahren arbeitet er als Täschner, er ist einer der letzten seiner Zunft. Lächelnd blickt er auf das naturgegerbte Leder in seinen Händen. „Es ist kein undankbares Leder, weicher zwar, aber es hat eine gute Haptik und ist angenehm in der Verarbeitung.“

Die Ledermanufaktur hat schon viele Auf und Abs gesehen. „Vor fünfzehn Jahren, als die Naturranzen modern waren, gab es schon mal einen Boom des vegetabilen Leders“, erzählt Wlotzka.

Nun kämen erneut mehr Aufträge. „In den letzten vier Tagen habe ich vier Aufträge für pflanzlich gegerbtes Leder erhalten, das sind mehr als sonst in zwei Monaten.“ Von einem neuen Trend möchte er dennoch nicht sprechen. Zu viele europäische Betriebe hätten in den letzten Jahren dicht machen müssen, man wisse nie, was als nächstes kommt.

Engpass beim Bio-RindEiner der sich die pflanzliche Gerbung seit vielen Jahren auf die Fahnen geschrieben hat ist Johann-Peter Schomisch, 64, Gründer des Allgäuer Ledergroßhandels Ecopell. Er lässt sein Leder in Lohngerbereien in Nordbayern produzieren und vertreibt es weltweit.

Seine Rohware, allesamt Rinderhäute aus Biohaltung, kauft er in Süddeutschland. Kurze Transportwege sind ihm wichtig.

„Doch die Beschaffung der Rohhäute ist ein Problem“, sagt der selbsternannte Querdenker der Branche. „Wir brauchen 220 Häute um ein Fass vollzubekommen, doch Biorinder werden nicht in Massen geschlachtet.“

Zudem ist der Aufwand für die Zertifizierung von Biorinderhäuten für die Bauern hoch. Deswegen schrecken viele davor zurück und lassen sie zusammen mit konventionellen Häuten verarbeiten.

Keine Biohäute, kein Bioleder – ein Problem, das alle Gerber gemeinsam haben.

„Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagt Schomisch. Ein Motto, dem sich seiner Ansicht nach mehr Unternehmer aus der Lederbranche anschließen sollten. „Die vom Lederverband sind doch von Vorgestern.“

Seit Jahren versucht er, die Branche zum Umdenken zu bewegen, weg von der Chromgerbung. Vergeblich. Die Angst vor Reklamationen sei hoch, denn pflanzlich gegerbtes Leder sei licht- und fleckempfindlicher und nicht unbedingt pflegeleicht.

Zudem hätten Biohäute mehr Naturmerkmale, weil die Tiere länger gelebt haben. Kratzer, Bienenstiche, Schorfwunden – alles hinterlasse Narben. „Aber wir prägen sie trotzdem nicht nach und versiegeln sie auch nicht mit Kunststoff.“ Natürlichkeit müsse man nicht verstecken.

Das sehen die meisten Konsumenten bisher anders. Sie wollen keine Macken. Makellos muss ihr Produkt sein. Mögliche Gesundheitsgefahren blenden sie aus. Und so lange es keine Herkunftsetiketten gibt, die den Konsumenten die Kaufentscheidung im Zweifelsfall erschweren, soll es nicht selten vor allem eines sein – nämlich billig.

Den Preis dafür sollen andere bezahlen.

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Dieser Text entstand im Rahmen des Journalisten-Stipendiums Nachhaltige Wirtschaft. Alle Informationen zum Stipendium erhalten Sie unter diesem Link.

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