Grünes Geld: Wie ein Investment-Pionier die Finanzwelt aufmischt

Grünes Geld: Wie ein Investment-Pionier die Finanzwelt aufmischt

von Jan Willmroth

Alfred Platow hat Deutschlands ersten grünen Fonds gegründet und erzählt, wie man mit Öko-Investments gut verdient.

Ein kleines Gewerbegebiet in Hilden. Gegenüber ein Bauernhof, nebenan die Arche Naturprodukte und die Biogarten Handels GmbH. In einem alten Gewerbegebäude sitzt Alfred Platow mit seiner kleinen Versicherungsgesellschaft Versiko AG. Das Logo ist ein Baum, im Firmentitel steht „nachhaltige Vermögensberatung“.

Die Gesellschaft ist inzwischen 38 Jahre alt. Platow, Sohn zweier Steuerberater, Öko-Aktivist und Gorleben-Demonstrant, Sozialpädagoge und Hobby-Steuerexperte, gilt als Pionier der nachhaltigen Geldanlage in Deutschland. Er organisierte Anti-Atomkraft-Demonstraitonen nach dem Unfall im amerikanischen Harrisburg, verkaufte die „tageszeitung“ abends in der Düsseldorfer Altstadt – und gründete 1993 eine eigene Fondsgesellschaft. Ihr plakativer Name: Ökoworld.

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Damit wollte er einen Kanal schaffen, der das Geld von Privatanlegern nur in nachhaltige Anlagen lenkt. Keine Atomkraft, keine Waffen, keine Chlorchemie – Kriterien, die heute für Nachhaltigkeitsfonds selbstverständlich sind. In letzter Zeit reden und schreiben viele über Platows ersten Aktienfonds Ökovision Classic. Denn der taucht inzwischen in Ranglisten und Empfehlungen neben den berühmtesten deutschen Fonds auf, weil er im vergangenen Jahr so gut gelaufen ist.

Auch deshalb wirkt Platow sehr gelassen. An eine Öko-Revolution der Finanzwelt glaubt er sowieso nicht, stattdessen plädiert er für einen langsamen Bewusstseinswandel.

Herr Platow, Sie haben vor über zwanzig Jahren ein Thema besetzt, von dem damals kaum jemand etwas wissen wollte. Das ist heute ähnlich: Je nach Statistik kommt man auf knapp zwei Prozent des Fondsvermögens in deutschsprachigen Ländern, die in nachhaltigen Fonds stecken. Warum ist das immer noch etwas für Exoten?

Wenn man ehrlich vorgeht und den Begriff der Nachhaltigkeit sehr breit auslegt, kommt man sogar auf noch weniger. Es ist nicht mehr als 0,4 Prozent des Fondsvermögens aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Luxemburg, das in nachhaltigen Publikumsfonds steckt. Der Markt wächst zwar langsam international, aber nicht im deutschsprachigen Raum. Die Leute wollen in erster Linie Geld verdienen, erst danach machen sie sich Gedanken über Ethik und Nachhaltigkeit. Wenn überhaupt. Dass man mit nachhaltigen Investments auch gute Performance machen kann – das ist einfach noch nicht angekommen.

Um große Unternehmen grüner zu machen, bräuchte es aber doch mehr kritische Aktionäre, die danach verlangen.

Ich glaube, das geht nicht mit den Aktionären, die wir heute haben. Das geht nur langsam über einen neuen Bildungsstandard: Jüngere Generationen haben ein ganz anderes Bewusstsein – und darüber verändert sich langsam das Bewusstsein der Kapitalanlage. Das könnten wir beschleunigen, indem wir in den Schulen die Themen Ökologie, Energie und Finanzen miteinander verknüpfen. Zukünftige Generationen werden hoffentlich aufgeklärter an das Thema Aktien und Geld, Ökonomie und Ökologie und damit verbundene Orientierung und Einflussnahme herangeführt.

Das grüne Bewusstsein in Deutschland hat sich doch schon bestens entwickelt.

Es reicht ein Blick nach Holland: Dort hat das Thema Ökologie in den Schulen und Hochschulen schon den gleichen Stellenwert wie Mathematik oder Englisch. Die sind viel weiter als wir. Ich plädiere in Deutschland für die schulischen Pflichtfächer „Finanzen“ und „Ökologie“.

Was überzeugt Sie so von dieser Idealvorstellung, ein Bewusstseinswandel mache die Kapitalanlage automatisch grüner?

Das geht natürlich nicht von allein. Wir brauchen Pioniere, die damit anfangen. Bei Ökoworld wollen wir das vormachen: Wir suchen auf der ganzen Welt nach Unternehmen, die unsere Kriterien erfüllen. Wir legen ausschließlich Investmentfonds auf, deren Investitionsziele vorher auf Ethik, Sozialverträglichkeit und Ökologie geprüft wurden. Und dem Anleger, der im Durchschnitt vor allem Geld verdienen will, zeigen wir, wie man ökologisch, sozial und ethisch Gewinne erwirtschaften kann. Außerdem werden all die Skandale in der Finanzbranche dazu beitragen, dass dieser Wandel stattfindet.

Das ist also ihr Trick: Sie haben einen gut laufenden Fonds, der zufällig nachhaltig ist. Damit ziehen Sie Geld von Leuten an, die sich ursprünglich nicht um die Umwelt gekümmert haben.

In der Tat wird z.B. der Ökovision Classic, den wir im Jahr 1996 aufgelegt haben und der eine gute Performance zeigt, immer mehr als reinrassiger Aktienfonds wahrgenommen. Viele Anleger achten natürlich mehr auf den Gewinn und die Ökonomie, als auf den Sinn und die Ökologie. Aber der Fonds trägt „Öko“ in seinem Namen und in seinem Herzen - das sorgt für Aha-Erlebnisse, wenn da eine gute Performance bei raus kommt.

Und wenn die Aha-Erlebnisse zunehmen, fließt auch mehr Geld in grüne Anlagen?

Ja, aber das Ganze wird ein Nischenthema bleiben. In zehn Jahren haben wir vielleicht ein Dutzend Fondsgesellschaften wie Ökoworld. Das große Geld fließt aber weiter woanders hin. Nachhaltigkeit bleibt eine Begleiterscheinung. Aber sicherlich eine, die beweist, dass damit gutes Geld zu verdienen ist.

Es ist auch nicht einfach. Selbst wenn ich bewusst nachhaltig Geld anlegen will, merke ich schnell, dass jeder den Begriff anders definiert. Brauchen wir endlich eine Institution, die kennzeichnet, was nachhaltig ist?

Das haben wir doch schon häufig versucht. Zum Beispiel auf europäischer Ebene mit Eurosif, wo die Idee eines Siegels vor zwei Jahren wieder verworfen wurde. Ich sehe überhaupt keine Chance, ein Emblem zu entwerfen, das für nachhaltige Geldanlage steht. Es wird kein gemeinsames Raster für alle geben. Der Anleger und der Berater müssen sich die Gesellschaften anschauen und selber für sich entscheiden, ob das was dort als grün etikettiert ist auch wirklich grün im Inhalt ist. Die Jahresberichte der Kapitalanlagegesellschaften sollte man sich schon ansehen. Mindestens genauso lange wie den Werbeprospekt beim Kauf einer Waschmaschine oder eines Staubsaugers.

Man muss sich auch gut überlegen, ob man mit Ihren Fonds etwas anfangen kann. Im Ökovision Classic finde ich eine beachtliche Menge an Starbucks-Aktien. Wegwerfbecher-Kultur ist bei Ihnen also nachhaltig?

Wir beobachten Unternehmen über eine längere Zeit. Starbucks hat in den vergangenen Jahren ein immer größeres Bewusstsein für seine Verantwortung entwickelt: Inzwischen verkaufen sie nur noch Fairtrade-Kaffee und eröffnen in Kürze ihre eigenen Kaffeeplantagen. Dabei werden sie ihren Kaffee unter völlig neuen Bedingungen selbst herstellen. Außerdem behandeln sie nachweislich ihre Mitarbeiter gut. Klar, der dogmatische Anleger verdammt Starbucks auch trotz aller Zertifizierungen – aber wenn man die Ökologie zum Dogma erhebt, kann man überhaupt kein Geld mehr investieren.

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