Ideen: Warum wir ein falsches Bild von Innovationen haben

Ideen: Warum wir ein falsches Bild von Innovationen haben

von Sebastian Matthes

Um die Probleme der Zukunft lösen zu können, brauchen wir mehr als technischen Fortschritt.

Auf dem Papier ist alles bestens. Deutschland ist laut einer EU-Studie nach Schweden das innovativste Land der EU. Jede dritte Patentanmeldung kommt aus Deutschland. Und Gutachten bestätigen: In Sachen Innovationen ist Deutschland “auf Wachstumskurs”.

Doch die Erfolgsmeldungen verdecken ein Problem: Unser Innovationsbegriff ist irreführend und damit auch das Bild unserer eigenen Innovationsfähigkeit. 

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Denn als Innovation gilt nur, was mindestens Schrauben, besser noch eine Schweißnaht hat.

Das ist ein Fehler.

Denn die Wirtschaft ist viel komplexer und vielfältiger. Es gibt Geschäftsmodellinnovationen, Prozessinnovationen, Marketinginnovationen - vor allem aber: Soziale Innovationen, die nur selten in Studien und Ranglisten auftauchen. Sie werden einfach ignoriert.

Es gibt die Schwab Foundation oder das Netzwerk Ashoka, die soziale Ideen unterstützen und die Akteure miteinander in Kontakt bringen. Aber im Bewusstsein der Mehrheit sind diese Unternehmer noch nicht als Innovatoren angekommen.

Dabei sind sie es, die uns helfen, die größten Probleme der Zukunft zu lösen. So steuern wir in unserem vergreisenden Land auf ein soziales und demografisches Desaster zu, während eine immer noch große Zahl von Jugendlichen kaum Chancen auf Bildung und gesellschaftlichen Aufstieg hat. Konzerne haben darauf keine Antwort.

Die einzige Antwort, die wir bislang auf solche Probleme finden ist: Der Staat muss ran.

Aber damit kommen wir nicht weiter. Denn die Gelder werden knapp. Und als Innovatoren waren staatliche Stellen noch nie bekannt. Seit Jahrzehnten haben wir im sozialen Bereich so gut wie keine echten Innovationen gesehen. Kein Wunder, dass sich die besten Hochschulabgänger eher selten für eine Karriere in dem Sektor entscheiden.

Dabei gebe es durchaus einen Ausweg.

Ein erster Schritt wäre eine neue Unternehmerkultur im Sozialsektor ähnlich wie bei jungen Internetfirmen. Wir müssen Menschen als Innovatoren feiern, die etwa Ideen wie Labdoo hervorbringen, ein weltweit agierendes Netzwerk, das alte Laptops an arme Menschen weiterleitet. Oder Unternehmen wie CLIMB, das Grundschüler aus sozial benachteiligten Familien zum Lernen motivieren will und ihnen gleichzeitig ein Freizeitprogramm ermöglichen.

Aber sozialer Unternehmergeist allein wird nicht reichen.

Wir müssen in einem zweiten Schritt begreifen, dass soziale Innovationen ebenso sorgfältig entwickelt, geplant und umgesetzt werden müssen, wie Effizienzinnovationen in Autofabriken. Innovationen im Sozialsektor bedeutet eben nicht, ein paar Kleinwagen anzuschaffen, einen sozialen Hilfsdienst zu gründen und dann Omis dabei zu helfen aus dem Bett zu kommen. Um die Probleme der Zukunft lösen zu können, müssen wir viele Fragen völlig neu stellen. Ein bisschen so wie ein Unternehmen, das einen neuen Markt erschließen will.

Es gibt schon Vorbilder dafür, Teach First zum Beispiel. Die Gründer hatten sich gefragt, wie sie die sogenannten High Potentials vor ihrer Karriere bei der Deutschen Bank oder McKinsey mit sozialen Problemen in Kontakt bringen können, damit sie im Laufe ihrer Karriere bessere Entscheidungen treffen können - damit sie aber zugleich auch ihr Know-how in den öffentlichen Sektor bringen.

Wie solche Ideen entstehen? Ähnlich wie in Technologieunternehmen: Mit sorgfältiger Planung, brillanten Köpfen, Forschung und jahrelanger Entwicklungsarbeit. Wir brauchen soziale F&E.

Das können Stiftungen übernehmen, keine Frage. Aber es ist auch eine Aufgabe für Unternehmen. SAP etwa zeichnet regelmäßig Sozialunternehmer aus und fördert sie anschließend, Google hat ein ähnliches Programm. Andere Konzerne machen ähnliche Versuche, indem sie soziale Projekte in Entwicklungsländern unterstützen.

Dadurch erhalten die Sozialunternehmer das nötige Geld, können Ideen testen, Gehälter zahlen und Mitarbeiter einstellen, nicht viel anders, als junge Tech-Firmen im Silicon Valley.

Für die Konzerne zahlt sich das Engagement aus. Sie lernen Märkte kennen, die ihnen vorher verschlossen waren. Eine Telefongesellschaft beispielsweise, die lokale Märkte in Afrika verstehen will, kann mit Hilfe von Sozialprojekten Kundenbedürfnisse erforschen und anschließend beispielsweise ein Handybanking auf den Markt bringen, das den Menschen das Leben wirklich erleichtert. Ein Softwarekonzern, der Autisten einstellt, erhält wiederum Zugang zu Menschen, die völlig anders denken können. Und Industrieunternehmen, die Jugendprojekte fördern, kommen auf diese Weise möglicherweise an Arbeitskräfte, die sie früher nie erreicht hätten.

Sozialunternehmen wie können hier den Weg bereiten. Sie lösen Probleme und eröffnen dabei noch völlig neue Geschäftschancen.

Wir müssen nur endlich begreifen, dass soziale Ideen genau so sorgfältig entwickelt und erforscht werden müssen, wie eine neue, supereffiziente Flugzeugturbine. 

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