Investoren warnen: Unternehmen ignorieren Klimakatastrophe

Investoren warnen: Unternehmen ignorieren Klimakatastrophe

von Jan Willmroth

Fondsgesellschaften kritisieren: Heutige Investitionen in Kohle, Öl und Gas sind verschenktes Geld.

Während der Klimawandel immer offensichtlicher wird, der Meeresspiegel steigt und die Hoffnungen auf ein neues internationales Abkommen wieder wachsen, ist bei Rohstoffkonzernen alles beim Alten. Wenn Unternehmen neue Gas- und Ölvorkommen entdecken oder neue Minen erschließen, steigen die Kurse.

Mehr ist immer besser: Das ist nach wie vor der Hauptsatz des Marktes für fossile Brennstoffe, und deshalb fließen nach wie vor Milliarden in immer teurere und riskantere Rohstoff-Projekte. Denn trotz der anhaltenden Diskussion um knappe Ressourcen wachsen die Rohstoffreserven weiter. Gleichzeitig wächst weltweit die Gewissheit, dass es nur einen sinnvollen Weg gibt, dem Klimawandel zu begegnen: Es müssen viel weniger fossile Brennstoffe verbraucht werden.

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Eine internationale Koalition aus institutionellen Investoren sieht in diesem Widerspruch eine große Gefahr. In einem Brief an 45 Unternehmen fordern sie die Rohstoffindustrie jetzt auf, die wachsenden Risiken neuer Öl- und Gas-Projekte besser zu kalkulieren. Denn Klimaschutzabkommen, CO2-Abgaben und geringere Nachfrage nach manchen Ressourcen könnten die Unternehmen zwingen, bereits erschlossene Gas-, Öl- und Kohlevorkommen im Boden zu lassen.

Kalkulieren die Konzerne ihre Risiken falsch?Unternehmen, deren Börsenwert sehr stark von Rohstoffreserven abhängt, könnten in einem solchen Fall ihre Aktienkurse abstürzen sehen. Wie stark die weltweiten Finanzmärkte von Rohstoffpreisen abhängen, kann man jeden Tag am Einfluss des Ölpreises ablesen. Der US-Webseite Inside Climate News zufolge bestehen die gehandelten Werte an einigen Börsen zu rund 30 Prozent aus erwiesenen Rohstoffvorkommen. Würden Regierungen auf der ganzen Welt beschließen, diese Vorkommen im Boden zu belassen, käme das einer gigantischen Kapitalvernichtung gleich.

In dem Brief fordert die Investoren-Allianz von den betroffenen Konzernen – darunter Schwergewichte wie BP, Shell und ExxonMobil – ein Umdenken in ihrer Investment-Strategie. Zunächst sollten die Unternehmen untersuchen und darlegen, wie stark sie von Risiken betroffen sind, die sich aus aktuellen und künftigen politischen Maßnahmen zum Klimaschutz ergeben, etwa einer Reduktion der Treibhausgas-Emissionen um 80 Prozent bis 2050 gegenüber 1990.

Inside Climate News bezeichnet die Initiative als womöglich bahnbrechend: Sie kommt zu einer Zeit, in der viele große Aktionäre der Rohstoffriesen aktuelle Projekte infrage stellen. Denn bis sich eine Milliarden-Investition in Rohstoffförderung in der Antarktis lohnt, vergehen Jahrzehnte – ob sie sich am Ende auszahlt, hängt also sehr stark von den heutigen Annahmen der Konzerne ab.

Zunehmende Unzufriedenheit mit der Rohstoffindustrie„Wir sind sehr optimistisch, denn wir handeln in einem Kontext zunehmender Unzufriedenheit darüber, wie die Rohstoffindustrie geführt wird – das ist ganz anders als vor fünf Jahren, als die Konzerne noch als total robust galten“, sagte Andrew Logan, der die Initiative für Ceres verantwortet, eine NGO, in der Konzerne und Investoren zu Klimaschutzfragen zusammenarbeiten.

Die Brief-Koalition besteht aus 70 institutionellen Investoren, die zusammen mehr als drei Billionen Dollar verwalten. Mit dabei sind mächtige Pensionsfonds aus Kalifornien und New York und Investment-Firmen aus Großbritannien und Australien.

Das Leitwort der neuen Initiative ist „Unburnable Carbon“, was so viel heißt wie nicht nutzbarer Kohlenstoff und einer Studie zu womöglich verschwendeten Investitionen in fossile Brennstoffe seinen Namen gibt. Rohstoffe im Boden werden dabei anhand der von ihnen potenziell verursachten Emissionen betrachtet. Lohnt es sich wegen der Klimaschutzpolitik nicht mehr, sie zu fördern, sind sie praktisch wertlos.

Wall-Street-Banken beginnen zu zweifelnDie zentrale Frage, ob die klassischen Investmentstrategien noch zeitgemäß sind, hat auch die Wall Street erfasst. Analysten großer Banken stellen sie auch: Erst im Januar veröffentlichte die britische Großbank HSBC einen Report, wonach Emissionsobergrenzen und geringere Ölpreise bis zu 60 Prozent des Marktwertes der großen europäischen Rohstoffkonzerne bedrohten.

Dabei geht es auch um die Frage, wie lange die Nachfrage nach Öl noch steigen wird – und ob sie irgendwann ein Maximum erreicht, wonach sie stagniert oder wieder sinkt. Auch die US-Bank Citigroup argumentiert in die gleiche Richtung: Die weit verbreitete Annahme, dass der weltweite Öldurst noch bis nach 2030 massiv weiter steigt, könnte sich als Trugschluss erweisen.

Nun wird sich zeigen, wie die Konzerne auf die Forderung der Ceres-Initiative reagieren. Die bisherigen Rückmeldungen seien ermutigend, sagte Programm-Direktor Logan. „Nur wenige Unternehmen haben unsere Einwände direkt abgelehnt. Viele erkennen grundsätzlich an, dass es eine Spannung gibt zwischen ihren langfristigen Geschäftsplänen und jedweden Versuchen, dem Klimawandel zu begegnen.“ Das sei ein guter Ausgangspunkt.

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