Jubiläum: Wie ein Sachse die Nachhaltigkeit erfand

Jubiläum: Wie ein Sachse die Nachhaltigkeit erfand

Vor 300 Jahren wurde die Idee der Nachhaltigkeit geprägt. Dann geriet sie in Vergessenheit. Nun sollten wir uns zurückbesinnen.

Von Iris Pufé. Die Unternehmensberaterin für Nachhaltigkeit lehrt Corporate Social Responsibility (CSR) unter anderem an der Hochschule München. Sie hat mehrere Bücher zum Thema Nachhaltigkeit geschrieben. Iris Pufé erklärt in ihrer Kolumne bei WiWo Green regelmäßig die Grundlagen von Nachhaltigkeit und der Nachhaltigkeitsdiskussion. An dieser Stelle schreibt sie darüber, wie der Nachhaltigkeitsbegriff entstand - und in Vergessenheit geriet.

Als Carl von Carlowitz im Jahr 1713 im Auftrag der Herzogin Anna Amalia in Sachsen die Ländereien ablief, um zu überlegen, wie er die jahrhundertealten Wälder auch in die Zukunft forstwirtschaftlich gewinnbringend nutzen könne, kam ihm ein Gedanke. Er war so logisch und schlicht, dass er für viele zuerst gar nicht nachvollziehbar war: Es sollte nur so viel Wald abgeholzt werden, wie sich auf natürliche Weise regenerieren konnte.

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Damit war die Idee der Nachhaltigkeit geboren. Über die folgenden drei Jahrhunderte hat sich ein Konzept herausgebildet, das eine Geschichte hat, die länger, wechselhafter und gehaltvoller ist, als die meisten denken.

Wir schreiben das Jahr 2013, dreizehn Jahre im neuen Jahrtausend – exakt 300 Jahre nach der erstmaligen Definition des Begriffes „Nachhaltigkeit“, durch Carl von Carlowitz, der damals als Oberberghauptmann in Sachsen auch für die Wälder zuständig war. Mehr noch als das Jubiläum aber sollte Akteuren der Nutzen des nunmehr gereiften Konzeptes Anlass zur Freude sein.

Um Nachhaltigkeit nicht als Modewort abzutun, wird es für Unternehmen und deren Führungskräfte entscheidend sein zu verstehen, wie der Nachhaltigkeitsbegriff zu dem geworden ist, was er heute ist. Denn: Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft einschätzen. Oder wie das Bonmot ausdrückt: „Der beste Weg die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“.

Nachhaltigkeit als ressourcenökonomisches PrinzipBereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnete sich der unstillbare Hunger Europas nach Holz, der „materia prima“, ab; und markierte den Anfang vom Ende eines Kahlschlags jahrtausendealter Wälder.

Dem wollte Carlowitz (hier ein Auszug aus einem seiner Werke) entgegen wirken. Für ihn war Nachhaltigkeit ein ressourcenökonomisches Prinzip. Es sollte sicherstellen, dass ein regeneratives, natürliches System in seinen wesentlichen Eigenschaften dauerhaft erhalten bleibt. Dies hieß auch, es vor dem Eingriff durch den Menschen zu schützen.

Die Metapher, die Carlowitz dafür heranzog, entsprang seiner Alltagswirklichkeit als Forstmann: Dem Wald nicht mehr Holz entnehmen, als binnen einer gewissen Zeit auf natürliche Weise wieder nachwachsen kann. Oder, um im O-Ton zu bleiben, “Die gehöltze pfleglich brauchen”. Die Rede war von einer „klugen Art der Waldbewirtschaftung“ und "einer beständigen und nachhaltenden Nutzung des Waldes“.

Schlichter fasste es demgegenüber das von Joachim Heinrich Campe 1807 herausgegebene Wörterbuch der deutschen Sprache. Es definiert das Wort „Nachhalt“ als das, „woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält.“

Oeconomia naturaeEinen weiteren wichtigen Ausgangspunkt für das Nachhaltigkeitsprinzip stellt die Naturlehre dar. Carl von Linné als Vater und Vorläufer der Ökologie schrieb im Rahmen seiner oeconomia naturae um 1750 in diesem Zusammenhang: Es müsse gelingen, die Abläufe der Ökonomie mit den großen, unwandelbaren, gottgegebenen Kreisläufen der oeconomia naturae zu synchronisieren. „Die Natur erlaubt niemandem, sie zu beherrschen”, so Linné.

Seiner Auffassung nach war die Ökonomie eine nachahmende Wissenschaft. Diese dürfe nicht wider die Natur handeln, sondern müsse dieser folgen und mit den Ressourcen haushalten. Ökologie meint also die Haushaltung mit der Natur. Daran hätte sich auch heute noch die Ökonomie zu orientieren, steckt doch in dem lateinischen Wort oeconomia das griechische oikos – Haus, Haushalt.

Im Kontext von Natur ist damit soviel gemeint wie die Einheit und Ganzheit der Natur, die Mannigfaltigkeit der Arten, der Biodiversität von Flora und Fauna, die Kreisläufe von Werden und Vergehen, Nahrungsketten, Energieströme – das Eigenleben der Natur in seiner ganzen Hülle und Fülle. Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich bilden ein vernetztes Ganzes. Sie sind ein sich selbst regulierender und erhaltender Organismus. In der Wirtschaft verhält es sich mit dem Geflecht aus Mensch, Technik und Organisation nicht viel anders.

Die Kollision von Ökonomie und ÖkologieGleichwohl: Der Zusammenprall von Ökonomie und Ökologie war absehbar. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die zwei Sphären in Konflikt; ihre Ziele, Absichten und Vorgehensweise schienen inkompatibel. So setzte denn auch die Reinertragslehre dem gemäßigten Holzeinschlag ein abruptes Ende. Die neue Lehre fragte allein nach der höchstmöglichen Verzinsung des im Wald investierten Kapitals.

Statt eines steten hohen Holzertrages rückte plötzlich der höchstmögliche direkte Geldertrag in den Fokus. Nicht mehr die Produktivität der Natur war der Maßstab, sondern der freie Markt und sein Gesetz von Angebot und Nachfrage. Gewinnmaximierung nicht Naturgesetzmäßigkeit war das neue Credo in Wirtschaft und Gesellschaft. Damit wurde das Handlungsprinzip Nachhaltigkeit entwertet. Es sollte über hundert Jahre dauern, bis die wissenschaftlichen Disziplinen Ökologie und Nachhaltigkeit nach 1970 wieder aufgegriffen wurden.

Der Forschergeist und Erfindungsreichtum – diese zwei bestechenden Eigenschaften des Menschen – waren also Segen und Fluch zugleich. Holz ließ sich nach und nach durch Öl, Gas und andere Energieträger substituieren - Wachstumsgrenzen konnten damit ignoriert werden. Doch die Abhängigkeit blieb dieselbe.

Heute spielt Holz als Energieträger nur noch bei Romantikern vor dem Kamin oder bei Traditionalisten beim Grillen eine Rolle. In jedem Fall schien die Entwicklung nur eine Richtung zu kennen: Immer höher, immer weiter, immer mehr Wachstum. Die Natur und ihre Ressourcen waren nur Hilfsmittel, um das Wachstum zu generieren. Ohne Einsicht in und Rücksicht auf Eingriffe in fragile Ökosysteme nahm sich die Gesellschaft, was sie für ihre Entwicklung brauchte. Aber „man kann den Wald nicht abholzen und das Echo stehen lassen“, so der Philosoph Richard Schröder, der das simple Dilemma auf den Punkt bringt.

Die Vergangenheit holt uns ein1972 holte uns die Vergangenheit ein. Dennis Meadows und sein Forscherteam publizierten mit „Die Grenzen des Wachstums“ ein Schreckensszenario für die industrialisierte Welt. Das Urteil der Wissenschaftler: Wenn die Ressourcen im gleichen Maße weiter ausgebeutet werden, führt dies langfristig zum Kollaps des Ökosystems Erde. Er folgerte: "Jeder Tag weiter bestehenden exponentiellen Wachstums treibt das Weltsystem näher an die Grenzen des Wachstums. Wenn man sich entscheidet, nichts zu tun, entscheidet man sich in Wirklichkeit, die Gefahren des Zusammenbruchs zu vergrößern". Fortan ging ein Geist innerhalb der entwickelten Welt um und der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Regeneration brachte sich wieder in Erinnerung.

Der Umweltökonom Herman Daly bezeichnete einmal die Ökonomie als „eine Tochtergesellschaft der Umwelt“. Dementsprechend formulierte er auch die aus seiner Sicht notwendigen Nachhaltigkeitsregeln. Um materiell und energetisch nachhaltig zu sein, wie Meadows und andere es fordern, müssten für alle Durchsätze der Wirtschaft Bedingungen erfüllt sein, die sich an den drei Prinzipien orientieren, die Herman Daly und seine Co-Autoren in seinem vielbeachteten Werk „Towards a Steady-State Economy“ formulierten:

• Erstens dürfen die Verbrauchsraten erneuerbarer Ressourcen nicht deren Erneuerungsraten übersteigen.

• Zweitens dürfen die Verbrauchsraten nicht-erneuerbarer Ressourcen nicht die Rate überschreiten, mit der nachhaltig erneuerbare Ressourcen als Ersatz dafür erschlossen werden.

• Drittens dürfen die Raten der Schadstoffemissionen nicht die Aufnahmefähigkeit der Umwelt für diese Schadstoffe übersteigen.

Nachdem Meadows und Daly die Grundlage des modernen Nachhaltigkeitsverständnisses gelegt haben, sollten auch Taten folgen. 300 Jahre nach ihrer Erfindung sollte die Nachhaltigkeit endlich wieder von der Theorie in die Praxis überführt werden.

In der nächsten Kolumne werden wir uns den politischen Schlussfolgerungen und Handlungen widmen, die die Nachhaltigkeitsdebatte angestoßen, geprägt und vorangebracht haben.

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