Kleidungsfabriken: Wer wirklich schuld ist an den Bränden

Kleidungsfabriken: Wer wirklich schuld ist an den Bränden

Mittagskolumne: Mehr als 550 Tote forderten Brände in asiatischen Kleidungsfabriken bisher. Hersteller, Kunden und NGOs müssen endlich handeln.

Von Andreas Knaut. Der Experte für Unternehmenskommunikation und CSR verantwortete bis Sommer 2012 bei Danone den Bereich Corporate Communications und Nachhaltigkeit. Derzeit lehrt er an der Hochschule Fresenius in München sowie an der Leipzig School of Media.

Sie kennen das Drehbuch? In Bangladesch brennt eine Textilfabrik, 115 Menschen sterben. Es folgt: Die Textil-Einkäufer sind „betroffen“. Wallmart kündigt Verträge, C&A prüft, kik bedauert. Die Hilfsorganisationen „Kampagne für Saubere Kleidung“ und das „Aktionsbündnis Gerechter Welthandel“ stellen Mahnwachen auf.

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Verbraucher versichern treuherzig in Kameras, man zahle gerne ein Euro mehr für „fair gefertigte“ Kleidung. Und verdi fordert, der Handel müsse endlich Brandschutzabkommen garantieren und seine Audits nicht nur in Auftrag geben, sondern auch ernst meinen.

So geschehen jetzt, so geschehen am 11. September beim Fabrikbrand in Karatschi, so geschehen eigentlich immer während der vergangenen fünf Jahre, als mehr als 550 Fabrikarbeiter bei Bränden in Südostasien ums Leben kamen.

Natürlich muss sich der Handel Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel:

- Wie kann es sein, dass in Deutschland und anderswo mit großer Geste Nachhaltigkeitsräte eingerichtet und CSR-Richtlinien verabschiedet werden, wenn am bengalischen Golf alles beim Alten bleibt?

- Welchen Sinn machen Audits, wenn einem geprüften Vorzeigewerk drei oder vier Schwesterbetriebe gegenüber stehen, in denen unverändert Arbeitsbedingungen aus dem Spätmittelalter herrschen?

- Warum kann man sich nicht einmal im Ernstfall auf ein konzertiertes Vorgehen einigen? Wal-Mart will nicht mehr in Bangladesch produzieren, warum nicht auch C&A und andere?

Auch die NGOs sind in der PflichtAllzu simpel sind aber auch die Heilsversprechen der so organisationsverliebten NGOs. Als ob ein Brandschutzabkommen, getragen von „Gewerkschaften aus Bangladesch und anderen internationalen Arbeitsrechtsorganisationen“ (verdi), alle Produktionsprobleme in dem 160-Millionen-Einwohner Land lösen kann.

Weder wird die Frage gestellt, ob diese lokalen Gewerkschaften mit ihrem überschaubaren Organisationsgrad und ihrer noch überschaubareren Leistungsbilanz für dessen Überwachung überhaupt die geeigneten Partner sind. Noch wird die Rolle des Staates thematisiert. Bangladesch ist ein Land, dessen Rechtssicherheit – höflich gesprochen – optimierungsfähig ist. Es herrscht Selbstbedienung, Behördenwillkür, Korruption. Wir erinnern uns an die de facto Verstaatlichung der Grameen-Bewegung von Mohamed Yunus.

Wer soll also Brandschutzabkommen überwachen, wenn der Handel verdächtig und der Staat unfähig ist?

Hier ist die Antwort: Anstelle von Spruchblasen sollte man der Öffentlichkeit lieber reinen Wein einschenken. Die Einkäufer des Handels können punktuell viel bewegen, einen maroden Staat sanieren können sie nicht. Gleichwohl ist bei den Audits vor Ort mehr Konsequenz geboten. Welcher Zulieferer nicht funktioniert, fliegt raus. Puma hat das schon vorgemacht. Denn andernfalls kann man sich den Aufwand gleich schenken. Und es schadet nichts, auf Beschafferseite daran zu denken, dass Imagetechnisch alle im selben Boot sitzen.

Die in zahlreiche Grüppchen, Gruppen, Verbänden zersplitterte NGO-Szene sollte endlich weniger ideologisch und mehr pragmatisch agieren. Ständig neue Qualitätssigel und Aktionsplattformen, die keiner kennt und deren Marktbedeutung gegen Null tendiert, helfen noch keiner Textilarbeiterin vor Ort.

Verbraucher handeln nicht konsequentBesser wäre es, gemeinsam mit Handel und Industrie zu einer wirklich konzertierten und breiter angelegten Aktion zusammenzufinden, etwa bei der Durchführung von Audits. Mag sein, dass die dort getroffenen Regelungen die reine Lehre unterschreiten – aber weniger ist besser als nichts, oder?

Das könnte vielleicht auch den Verbraucher beeindrucken. Denn dieser bleibt ambivalent. Klar, alle wollen mehr zahlen, solange der Aktive vom „Aktionsbündnis Gerechter Welthandel“ einem die Solidaritätserklärung vor die Nase hält. Doch Unterschriften kosten nichts und drinnen im Store sieht die Welt anders aus. Da ist Bangladesch weit und der eigene Geldbeutel nah.

Wer wirklich „faire Textilien“ kaufen will, der achtet schon heute auf Produktionsstätten, die sich in Ländern befinden, die faire Produktion auch garantieren können. Deutschland würde sich da anbieten. Aber Deutschland muss man sich eben leisten können – und wollen.

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