Klimaschutz: Wer finanziert die Städte von morgen?

Klimaschutz: Wer finanziert die Städte von morgen?

Der Umbau zur intelligenten, nachhaltigen Stadt wird für viele unbezahlbar. Unser Autor analysiert Ansätze, um privates Geld für Städte der Zukunft zu gewinnen.

Nachhaltig, lebenswert und zukunftsfähig soll die Stadt der Zukunft sein. In der deutschlandweit größten und einmaligen Initiative »Morgenstadt« forschen zwölf Fraunhofer-Institute, um diese Vision in die Tat umzusetzen. Das ist auch dringend nötig, denn derzeit verursachen die größten 100 Städte der Welt beinahe zwei Drittel aller Treibhausgas-Emissionen. WiWo Green gibt regelmäßig Einblicke in die wichtigsten Forschungsergebnisse. An dieser Stelle schreibt Alanus von Radecki, Experte für urbane Mobilität, über Finanzierung von Umweltmaßnahmen in Städten.

Alle Welt redet von Smart Cities, von den Städten der Zukunft, den nachhaltigen, intelligenten und integrierten Stadtsystemen, die effizient, sauber und lebenswert sind und die größten Probleme unserer Industriegesellschaft gelöst haben.

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Bisher gibt es nur sehr wenige Städte, die sich auf einem Weg in diese Zukunft befinden – aus gutem Grund sind das meist reiche Städte. Städte, denen ihre langfristige Stabilität am Herzen liegt, und die sie sich etwas kosten lassen können. Städte wie Amsterdam, Stockholm, Vancouver oder Singapur.

Woran die Finanzierung haktAber was ist mit der überwältigenden Mehrzahl an Städten, die wirtschaftlich nicht überdurchschnittlich gut ausgestattet sind?

Nach Jahrzehnten zunehmender Industrialisierung stecken Städte weltweit mitten im „Carbon lock-in“. So wird der Zustand genannt, in dem nachhaltige Lösungen nicht in den Markt kommen, weil die Kosten für die Erzeugung des auf fossilen Ressourcen basierenden Systems, schon bezahlt wurden und damit "versunken" sind.

Städte sind Systeme, die sich nach ökonomischen Prinzipien verhalten. Der weitaus geringste Anteil von Stadtbewohnern ist bereit, höhere private Kosten (z.B. teurere Strompreise) zur Finanzierung eines Gemeinschaftsguts (Klima) in Kauf zu nehmen.

Noch weniger sind bereit, zum Wohle der Allgemeinheit auf etwas zu verzichten – und sei es auch nur gefühlt (Stichwort: begrenzte Reichweite bei Elektrofahrzeug). Gleichzeitig ist der ökonomische Hebel wohl einer der potentesten, wenn es darum geht, Verhaltensänderungen auszulösen – auf privater, wie auf offizieller Seite.

Ziel muss es deshalb sein, das ökonomische Prinzip zur Grundlage der nachhaltigen Transformation unserer Städte werden zu lassen. Nur dann haben Städte wie Duisburg, Manchester, Istanbul, Chongquing oder Forchheim eine echte Chance, den Wandel zu schaffen.

Nachhaltige Technologien und neue Systemlösungen tendieren dazu, höhere Vorlaufkosten zu erzeugen und geringere Erträge zu liefern, als konventionelle, auf fossilen Ressourcen basierende Lösungen. Welche Möglichkeiten haben Städte also, die Kosten für nachhaltige Lösungen zu senken, und konventionelle (fossile) Lösungen zu verteuern?

Der Standard-Ansatz zu diesem Problem waren seit jeher Umweltsteuern (z.B. die Ökosteuer von 15 Cent pro Liter Benzin). Diese Maßnahmen bringen neben vielen Unwägbarkeiten auch das Defizit mit, dass sie normalerweise nicht in den Hoheitsbereich von Städten fallen.

Ein anderer Standard-Ansatz ist die Förderung nachhaltiger Technologien über Anreizsysteme und künstliche Steigerung der Attraktivität von nachhaltigen Lösungen (wie z.B. die Einspeisevergütung für Ökostrom, oder die Bezuschussung von Gebäudesanierung). Hiermit können (reiche) Städte zwar operieren – im großen Stil ist dies aber Aufgabe des Staates.

Wenn uns die Transformation zu CO2-neutralen Städten also gelingen soll, dann müssen wir private Investitionen in diese Richtung kanalisieren. Und zwar durch ein Pull-Prinzip, das von Regierungen (lokal / national) und der Wissenschaft initiiert und von Unternehmen, dem Finanzsektor und Drittzertifizieren bedient wird.

Hierzu gibt es bereits heute spannende Ansätze – sie bedürfen nur der Ausarbeitung und der Verbreitung:

Lokale und regionale Emissionshandelssysteme:Tokyo war 2010 die erste Stadt weltweit, die ein eigenes Cap-and-Trade-System aufgebaut hat. Dabei gibt die Regierung ein Emissionsmaximum für erfasste Emittenten vor und überlässt den Rest dem Markt. Jedes Jahr schrumpft das Cap – und damit auch die zu Verfügung stehenden Emissionszertifikate. So funtioniert das Ganze auch in der EU. Sogar China experimentiert mit lokalen Emissionshandelssystemen.

Denkbar wäre es aber auch die selbstdefinierten Ziele einer Stadt (Kopenhagen zum Beispiel will bis 2025 CO2-neutral sein) in einem lokalen Cap festzuhalten, die 100 größten lokalen Emittenten zur Reduktion zu verpflichten und private Haushalte über ein Bonussystem à la Klima-Payback-Karte in den Handel mit einzubeziehen.

Jedes sanierte Haus, jede Solaranlage, jedes Monatsticket für den ÖPNV, könnte so zum Teil einer lokalen Strategie werden und gleichzeitig den Prinzipien der Ökonomie entsprechen. Ein hervorragender Anreiz für Verhaltensänderung.

Ausweitung der Grundlage für ökonomische Bewertungen:Eine Internalisierung externer Kosten kann aber nicht nur darüber erfolgen, dass man dem CO2 einen Preis gibt. Pavan Sukhdev, Leiter der UNEP Green Economy Initiative, proklamierte bereits 2007: »put a value on nature«.

Der diesem Aufruf folgende TEEB-Ansatz (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) zeigt umfangreiche Methoden, um Infrastruktur- und Produktionsvorhaben und auf ihre realen Langzeitkosten hin zu bewerten. Das TEEB Manual for cities zeigt, wie Städte ihre ökonomische Planungsgrundlage unter Berücksichtigung ihrer natürlichen Güter erweitern können und damit langfristig sicher, nachhaltig und rentabel wirtschaften.

Als Vorzeigebeispiel hierfür gilt Växjö, eine Stadt in Süd-Schweden. Växjö hat gezeigt, wie man langfristiges Wachstum und eine gleichzeitige Reduktion des Umwelteinflusses erzielen kann. Im Neudeutschen auch „Decoupling“ genannt.

Um das zu erreichen hat Växjö ein „Eco Budget“ eingeführt, bei dem natürliche Ressourcen genauso im Haushalt budgetiert werden, wie finanzielle Ressourcen. Ein Ansatz, der Schule machen könnte – Växjö emittiert heute ca. 40% weniger CO2 als 1993 und hat dabei sein BIP nahezu verdoppelt.

Eine weitere Möglichkeit, nachhaltiger zu werden, ist Umweltbelange beim Einkauf für Verwaltung und Co. zu berücksichtigen. Auf 260 Milliarden Euro beziffern sich die jährlichen Beschaffungskosten von Bund, Ländern und Kommunen.

Überall dort, wo Städte und Privatwirtschaft eng zusammenarbeiten, ergeben sich besonders große Potenziale zur Finanzierung einer nachhaltigen urbanen Transformation: Ein besonders innovativer Ansatz zur Ausweitung der Grundlage für die ökonomische Bewertung ist der Innovationsfonds der badenova.

Auf Betreiben der Stadt Freiburg investiert die badenova seit 2001 jährlich 3% des Gewinns in einen Fonds, der regional innovative Projekte im Klima- und Wasserschutz fördert. Hierdurch wurden mittlerweile Co-Investitionen in Stadt und Region von ca. 90 Mio. € angestoßen – darüber hinaus aber auch neue Produkte für die badenova entwickelt.

Klima-BondsDer größte finanzwirtschaftliche Hebel zur Transformation unserer Städte könnten aber Klima-Bonds sein. 57 Billionen US-Dollar müssen laut der Unternehmensberatung McKinsey bis 2030 in neue Infrastruktur fließen – der allergrößte Teil davon in Städten.

Diese Summen können nur von großen Investoren (Rentenfonds, Versicherungen, etc.) aufgebracht werden. Klima-Bonds haben den Vorteil, dass sie viele Einzelmaßnahmen zu einem zertifizierten Paket schnüren, das Investoren Attraktivität und Sicherheit bietet.

Ein integrierter Ansatz, der nachhaltige Investments in Stadtumbau-Maßnahmen und nachhaltige Infrastruktur bewertet, zertifiziert und auf dem Finanzmarkt als echte Investitionsalternative anbietet, ist der nächste Schritt, der erfolgen muss.

Die Chancen stehen gut – zumal den eingangs erwähnten hohen Vorlaufkosten nachhaltiger Technologien oftmals langfristig planbare Rückläufe gegenüberstehen, die unabhängig von fluktuierenden Öl- oder Gaspreisen sind.

Neben den Klima-Bonds wären außerdem Städte-Bonds denkbar, nachhaltige Immobilien-Bonds und Infrastruktur-Bonds. Eine von mehreren Hürden für diese Finanzinstrumente sind aber die oftmals noch fehlenden Erfahrungswerte mit neuen Technologien, die sich in höheren Risikozuschlägen niederschlagen.

Das „Centre for Low Carbon Futures“ hat zehn Schlüssel-Risiken identifiziert, die ein finanzmarktbasierter Ansatz zur Transformation von Städten berücksichtigen muss. Diese Hürde lässt sich aber nehmen: eine Allianz von Finanzwirtschaft und Wissenschaft wäre in der Lage, Risiken nachhaltiger Technologien sicher zu bewerten und hiermit den Hebel für nachhaltiges Investment zu betätigen.

Ein Kern-Ansatz für die Stadt der Zukunft muss deshalb darin bestehen, die Zusammenarbeit von Politik, Finanzwirtschaft und Wissenschaft systematisch zu stärken und entsprechende Allianzen zu schmieden. Gelingt uns dies, wird sich die CO2-neutrale Stadt von alleine ergeben.

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