Kolumne Extremlauf: Warum wir zur Arbeit joggen sollten

Kolumne Extremlauf: Warum wir zur Arbeit joggen sollten

Jürgen Mennel, Vizeweltmeister im Lauf über 100 Kilometer, will eine neue Mobilitätskultur begründen und den Körper als Stromquelle erschließen.

Jürgen Mennel ist in jeder Beziehung extrem. Als Sportler, als Umweltschützer und, nun ja, auch als Mensch. Dauerläufer Mennel wurde 1991 Vizeweltmeister im Lauf über 100 Kilometer und hat nach eigener Aussage in seinem Leben schon rund 340.000 Kilometer joggend zurückgelegt. Eine Strecke, die so mancher im Leben nicht einmal mit dem Auto schafft.

Was ihn – auch im Wortsinn – bewegt und was alle Hobbysportler von dem Extremläufer lernen können, beschreibt Jürgen Mennel hier bei WiWo Green in den nächsten Wochen in seiner Kolumne “Extrem-Lauf”. Heute erklärt er, warum er jeden Tag 18 Kilometer zur Arbeit läuft und zurück und wie der menschliche Körper zur Stromerzeugung genutzt werden kann. (Hier finden Sie die erste Folge der Kolumne.)

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Plötzlich klingelt der Wecker. Es ist fünf Uhr morgens und draußen ist es stockfinster. 15 Minuten später laufe ich, oder besser gesagt tripple ich, unkoordiniert wie ein Greis in Richtung meiner Arbeitsstelle. Neun Kilometer liegen vor mir, die ich tagtäglich hin und wieder zurück jogge. Jeden Morgen aufs Neue sind die ersten Schritte grausam. Warum tue ich mir das nur an?

Während ich langsam wach werde, die kalte Luft durch meine Lungen pumpt und ich mir diese Frage durch den Kopf gehen lasse, kommen mir zwei Antworten in den Sinn:

Als Hochleistungssportler und nach dem 2200 Kilometer langen Ultramarathon, den ich im Jahr 2010 in 23 Tagen von Heilbronn über Straßburg nach Athen gelaufen bin, habe ich die grundlegende Erfahrung gemacht, wie hocheffektiv Frühtraining ist. Gerade die beim Laufen beanspruchten Organsysteme wie die Lunge und das Herz werden mit der morgendlichen rhythmischen Konstellation besonders gut trainiert. Der Gesundheit hilft das natürlich auch.

Auto ist für Kurzstrecken immer noch die erste WahlDer zweite Aspekt ist: Die neun Kilometer bis zur Arbeitsstelle laufend zurückzulegen sind ja auch ein kleiner Beitrag bezüglich einer CO2-freien Mobilität, die den eigenen ökologischen Fußabdruck entscheidend verbessert. Immerhin nutzt laut einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes die Hälfte der Pendler, die weniger als zehn Kilometer von der Arbeit entfernt wohnen, das Auto. Nur ein Drittel von ihnen geht zu Fuß oder nutzt das Fahrrad. Statt das Auto zu nehmen, könnten diese Menschen auch zur Arbeit joggen, meine ich.

Aber Energie lässt sich beim Joggen nicht nur einsparen, sondern sie lässt sich sogar erzeugen. Denn mit den bei der Laufbewegung ausgelösten Druckintensitäten und Vibrationen am Fuß besteht die Möglichkeit, nutzbaren Strom zu generieren. Dabei handelt es sich um das sogenannte Energy-Harvesting.

Gerade diese Möglichkeiten der Energieautarkie mit hohem Zukunftspotential mit dem Laufsport zu verknüpfen, empfinde ich als einen faszinierenden Gedanken. Und auch an der Umsetzung dieser Idee arbeite ich schon: Im Rahmen einer Messeveranstaltung werde ich auf einem Laufband mit gesteigertem Tempo laufen und mit meinem Laufschuh Energie erzeugen. Entwickelt wurde er von der Hahn-Schickard-Gesellschaft, eine auf Mikroelektronik spezialisierte Forschungseinrichtung in Baden-Württemberg.

In dem Laufschuh befindet sich ein winziger Energiegenerator, der Strom für ein lokales Mikro-Funksensorsystem erzeugt, das Daten wie zum Beispiel die Temperatur des Fußes an ein übergeordnetes System überträgt.

Aus Atem wird beim Laufen StromAber da hören die Möglichkeiten noch nicht auf, aus dem Körper eine Energiequelle zu machen: So gibt es weitere Forschungsansätze, bei der zum Beispiel der menschliche Atem zur Stromgewinnung genutzt wird. Außerdem existieren bereits erste Grundlagenforschungen, die aus menschlichem Sauerstoff und Blutzucker ausreichend Energie gewinnen, um Implantate wie Herzschrittmacher kontinuierlich zu betreiben.

Natürlich betreffen Energy-Harvesting-Anwendungen nicht nur biologisch-medizinische Themenfelder, sondern auch in Unternehmen und der Industrie können energieautarke Sensoren, Kabel und Batterien die Verbindungen zur Steckdose teilweise oder sogar ganz ersetzen. An schwer zugänglichen Stellen (wie zum Beispiel in der Luft- und Schiffsfracht) leisten energieautarke Sensoren wertvolle Dienste bezüglich der Sicherheit, sowie der lückenlosen Zustandsüberwachung von verschiedensten Produkten. Außerdem unterstützen energieautarke Sensorlösungen technische Systeme, Anlagen und Produkte in der Steigerung ihrer Energieeffizienz.

Gedankenversunken blicke ich während des rhytmischen Laufens nach oben. Lichter tauchen aus der Dunkelheit auf. Meine Arbeit ist in Sichtweite. Jetzt wird ersteinmal gefrühstückt.

In meiner nächsten Kolumne erfahren Sie, warum auch der Profisport nachhaltiger werden muss.

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