Kolumne: Ikea, das schrecklich schöne Möbelhaus

Kolumne: Ikea, das schrecklich schöne Möbelhaus

Das Ikea-Prinzip ist längst der Studentenbude entwachsen und ein Welterfolg. Ein Grund zur Freude ist das nicht, meint unser Gastautor Elmar Schüller.

Von Elmar Schüller. Der Autor leitet als Initiator und Gründer das ILI Innovative Living Institute, eine interdisziplinäre Wissensplattform, die Unternehmen strategisch und operativ berät, weiterbildet und neue Konzepte und Produkte für die Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsformen von morgen entwickelt. Zuvor hat er den renommierten „red dot“ Design Award über viele Jahre als geschäftsführender Gesellschafter mitentwickelt.

Muss Design wirklich demokratisch sein? Muss Innovation auf neuen Idee beruhen? Huldigen Kopien nicht dem Original? All diese Fragen betreffen ein Möbelhaus, das der Schwede Ingvar Kamprad einst nach seinen Initialen und seiner Herkunft einfach IKEA genannt hat. Heute gibt es IKEA überall. Elmar Schüller bezweifelt, dass dies ein Fortschritt für die Menschheit ist.

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Ikea ist wahrhaftig ein Phänomen. Kaum ein anderes Unternehmen hat unsere westliche Wohnkultur derart stark beeinflusst. Trotzdem darf die Frage gestellt werden, ob das von Ikea Mitte der 90er Jahre so betitelte „demokratische Design“ des nach eigenem Bekunden so nachhaltigen Unternehmens wirklich so gut, innovativ oder gar nachhaltig ist – oder ist es eher die sympathische Verführung des Ikea Marketings, deren Charme wir immer wieder erliegen?

Aber der Reihe nach.

Beginnen wir mit dem Unternehmen selbst. Das Kürzel IKEA bildete Gründer Ingvar Kamprad aus den Anfangsbuchstaben seines Namens, seines elterlichen Bauernhofs Elmtaryd und seines Heimatorts Agunnard. Anno 1943 begann die junge Firma mit dem Vertrieb von Nylonstrümpfen und Schreibwaren, ein Versandgeschäft, das sich fünf Jahre später, nach dem Erscheinen des ersten Bestellkatalogs, überregional erweiterte.

Erfolg durch flach verpackte MöbelIn den frühen 50er Jahren vergrößerte der gelernte Tischler Kamprad sein Sortiment um Möbel und Einrichtungsgegenstände, die er nach dem bald als typisch bekannten IKEA-Design in Auftragsarbeit herstellen ließ.

Bereits 1951 hatte Kamprad die einfache, aber geniale Idee, Möbel nicht als singuläre Produkte zu betrachten, sondern im Kontext des Gesamtinterieurs und der darin lebenden Menschen.

Dass IKEA ab 1956 mit dem Tisch „Lövet“ (Bild hier) dazu übergehen konnte, via Katalog bestellte Möbel erstmals flach verpackt zu versenden, ist dem Werbegrafiker und Designer Gillis Lundgren, einem der ersten Mitarbeiter Kamprads, zu verdanken.

Mit dem Problem konfrontiert, einen Tisch zu verpacken, war er auf den findigen Gedanken gekommen, dessen Beine abzuschrauben und dem Paket beizulegen. Fortan galt er als Erfinder vorgefertigter, zusammenbaubarer Möbel.

Die Aufnahmen für den ansprechend gestalteten IKEA Katalog, der jährlich in 28 Sprachen und einer globalen Auflage von 200 Millionen Exemplaren erscheint, entstehen nach wie vor in den mittlerweile mehr als 8.000 qm großen Fotostudios der schwedischen Unternehmenszentrale. Dass der Möbelriese inzwischen längst schon multikulturell ausgerichtet ist, zeigt sich nicht nur an der Wahl der Models, sondern spiegelt sich auch in der Globalität des IKEA-Filialnetzes wider.

Ob Dortmund oder Singapur, München oder New York: Weltweit animiert uns zwischen Markthalle und Hochregallagern, Restaurant und Kinderparadies die kunterbunte Welt von IKEA in Musterinterieurkojen zum Kauf. Auf diese Weise erwirtschaftete das Unternehmen im Geschäftsjahr 2009-10 allein in Deutschland, dem zweitstärksten Absatzmarkt nach den USA, einen Umsatz von 3,48 Milliarden Euro.

Das Online-Geschäft spielt noch immer eine untergeordnete Rolle. Viel interessanter ist, dass von den 99,1 Millionen Kunden in den deutschen Filialen gut die Hälfte durchschnittlich knapp 76 Euro ausgab. Davon waren nur rund 60 Prozent für Möbel, der Rest für sonstige Artikel aus dem Sortiment.

Alte Idee, neu aufgelegtMan kauft im geschickt geführten Rundgang ja keineswegs nur die ursprünglich gesuchten Produkte, vielmehr ist die IKEA-Leihtasche am Ende stets gefüllt mit Utensilien, die wir alle immer schon mal haben wollten, aber nie wirklich brauchen werden. So viel zum Thema Verführung.

Zurück zur Ursprungsidee, Möbel flach zu verpacken und zu versenden. Die war fraglos gut – aber nicht neu! Sie wurde nämlich bereits 150 Jahren davor im Zuge der Produktion des bis heute als Design-Ikone geltenden Kaffeehausstuhls „Konsumstuhl No. 14“ von Michael Thonet umgesetzt.

Thonet perfektionierte die damals neue Technik des Biegens von massivem Holz und ermöglichte damit eine Serienproduktion. Die Vertriebsidee war ebenso genial: In eine Kiste von einem Kubikmeter wurden 36 zerlegte Stühle verpackt und in alle Welt exportiert.

Die Montage erfolgte vor Ort. Das erste zerlegbare und versendbare Möbel war geboren. 1964 entwarf dann der Designer Lundgren für IKEA den Stuhl „Ögla“ (Bild hier), den die Schweden überdies im polnischen Radomsko beim Bugholzhersteller Fameg produzieren ließen, einem von den Gebrüdern Thonet gegründeten Werk, das die entsprechenden Biegeformen immer noch besaß. Wie neu, einzigartig und innovativ ist IKEA also wirklich?

Billy wird zum Welterfolg

Eine weitere, ebenfalls von Lundgren gestaltete IKEA-Ikone ist Billy – das Regal. Es steht für IKEAS Anspruch, gute Gestaltung durch hohe Auflagen für jedermann erschwinglich zu machen. Seit 1979 wurde es über 42 Millionen Mal in alle Welt verkauft, lächelt uns in Arztpraxen, Studierstuben, Privatbibliotheken, ja mittlerweile selbst in Museen an.

Ich will es nicht leugnen: Auch ich bin mit Billy befreundet. Aber – ist das Regal wirklich gut gestaltet? Ein großer Teil meiner Bücher steht ob der mangelnden Tiefe der Bretter vorne über. Zudem halten die liebevoll selbst montierten Regalböden dem Büchergewicht nicht stand und biegen sich mit der Zeit ebenso unschön wie unpraktisch durch. Bei allen Rekorden, die Billy quantitativ erreicht hat, stellt sich die Frage, wie viel Prozent dieser Spezies eigentlich eigenständig, also ohne zusätzliche Wanddübel, stehen kann?

Ob ich von solch einem Regal erwarten darf, dass mich auch sein Rücken entzückt, diese Frage habe ich noch nicht für mich beantwortet. Aber was Billy uns da sehen lässt, ist schon unseriös. Vor allem für den Selbstmontierer, der die – warum auch immer – zweigeteilte Hartfaserplattenrückwand mittels mikroskopisch kleiner Nägel mit Billys Korpus verbinden muss. Da hilft auch keine Demokratie im Design.

Apropos Demokratie: Ein Großteil der Billy-Produktion oblag schon zu DDR-Zeiten der IKEA-Tochter Swedwood (die früher auch Tropenholz verwendete), die im sachsen-anhaltischen Gardelage begann und 2009 geschlossen werden musste. Es bleiben eben immer die kleinen Unebenheiten dieses Unternehmens, das sich selbst so gerne als sozial betrachtet.

Idee des Bauhaus vollendet?Nähern wir uns IKEA und seinem Design von der skandinavischen Seite. Schon die Reformbewegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhoben den Anspruch, funktionale Alltagsprodukte aus dem Elefantenturm der Reichen und Mächtigen zu verbannen und für die Allgemeinheit erschwinglich zu machen.

Auch das Bauhaus verfolgte diesen politischen Anspruch, obwohl es aus gestalterischer Sicht mit dem Erfolg eher bescheiden verlief, da die Entwürfe nie bei denen ankamen, für die sie eigentlich gedacht waren.

Im Skandinavien der 50er Jahre war die Zeit reif dafür. Einerseits entstand eine skandinavische Form der Sozialdemokratie, andererseits waren die Massenproduktionsmethoden fortgeschritten und die verfügbaren Materialien, etwa Holz, Plastik oder Pressstahl, preisgünstig. IKEAS Erfolg basiert auch heute noch auf der Stärke und Strahlkraft des skandinavischen Designs.

Einer der bedeutendsten Vertreter dieses Gestaltungsstils war der finnische Architekt und Designer Alvar Aalto. Beeindruckt von den Bauhaus-Ideen, transferierte er jene Visionen auf seine skandinavische Kultur. Schon in den 20er Jahren beginnend, entwarf er 1935 bis 1939 den aus hellem Birken-Schichtholz hergestellten Freischwinger Nr. 406 (Bild hier) und erlangte damit als Designer Weltruhm.

Bei diesem Freischwinger, den heute die Firma Artek produziert, standen Wärme und Weichheit des Materials im Gegensatz zum kalten, kantigen Stahlrohr der Bauhausmöbel. 1977 machte dann der Designer Noboru Nakamura für IKEA den Freischwingersessel „Poäng“ (Bild hier) daraus. Mit Innovation und Design hat das wenig gemein, die Stärke des Entwurf von Nakamura lag höchstens darin, Aaltos Entwurf so abzuändern, dass keine justiziablen Plagiatsvorwürfe erhoben werden konnten.

Die Skandinavier sind Meister im kopierenWeiter im Demokratieverständnis à la IKEA. 2001 prozessierte der deutsche Designer und Möbelhersteller Nils Holger Moormann spektakulär und sehr erfolgreich gegen den Möbelgiganten, der daraufhin seinen allzu offensichtlich dem Moormann-Entwurf „Taurus“ (Bild hier) nachempfundenen Tischbock „Sture“ vom Markt nehmen musste.

IKEA wäre aber nicht IKEA, wenn es nicht auch seine eigene Kaderschmiede für "eigenständiges" und "innovatives" Design hätte. Dafür steht bereits seit 1995 die "PS Kollektion". In gewissen zeitlichen Abständen beauftragt IKEA arrivierte Designer und auch die Junioren der Zunft mit der Entwicklung neuer Produkte und neuer Ideen.

Das ist löblich! Oder wäre löblich – wenn nicht immer Zweifel auftauchen würden, was sich wirklich dahinter verbirgt.

Betrachten wir beispielsweise den Sessel Gullhomen (Bild hier) aus der PS Serie. Der Sessel wird aus Bananenfasern produziert, einem ansonsten ungenutzten Abfall, und das Unternehmen verspricht auch noch: „Leichtes Schaukeln hilft Körper und Geist beim Entspannen.“ So einfach ist das mit der Nachhaltigkeit bei IKEA.

Der Sitzkomfort dieses Stuhles liegt allerdings auf dem Niveau einer asketischen Mönchszelle. Wie bei so einer Rückenlehne Entspannung aufkommen soll, bleibt mir rätselhaft. Und was an einem derart unbrauchbaren Produkt nachhaltig sein soll, hat sich mir auch noch nicht erschlossen.

Wie nachhaltig ist Ikea wirklich?Ein weiteres Beispiel der wahrhaft innovativ gestalteten PS Serie ist der PS Schrank (Bild hier), den Nicholai Wiig Hansen 1998 für IKEA entwarf. Es handelt sich um einen umgelegten Spind. Das ist schon sehr speziell. Für die PS Kollektion PS 09 beauftragte IKEA auch die inzwischen recht bekannte schwedische Designgruppe front und die holländische Designerin Hella Jongerius mit dem Schwerpunktthema Nachhaltigkeit.

Beim Blick auf die Bedeutung der in Auftrag gegebenen Produkte – Vasen und Lampen – für das Gesamtsortiment, wird auch die Bedeutung des Projektes klar. Es gibt aber auch eine für das IKEA UNICEF Programm entstandene Wandteppichkollektion.

Die Produkte werden sogar von den indischen Handwerkerinnen signiert – natürlich gemeinsam mit Hella Jongerius. Aber reicht all das wirklich aus, um durch wahrhaft gutes, innovatives Design zu überzeugen? Hat hier nicht vielmehr der Geltungs- den Gebrauchsnutzen verdrängt, wie der legendäre Otl Aicher einst fürchtete: Styling statt Design?

Das führt letztendlich zu der Frage: Sollte Ikea als Unternehmen nicht den Mut haben, innovativer und eigenständiger zu agieren und damit selbst zum Trendsetter in Design und Nachhaltigkeit zu werden?

Nun kann man es demokratisch finden, gut gestaltete Produkte für jeden preiswert und erschwinglich werden zu lassen. Aber ist es erstrebenswert, sich mit Produkten zu umgeben, deren Funktion ihrem äußeren Charme nicht mehr folgen kann? Die Älteren unter uns erinnern sich noch daran, dass man ganz schön reich sein musste, um sich billige Produkte leisten zu können.

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