Kolumne: Wie nachhaltig ist der Handykonzern Nokia wirklich?

Kolumne: Wie nachhaltig ist der Handykonzern Nokia wirklich?

Vom früheren Glanz ist der finnische Handybauer Nokia weit entfernt. Wie steht es aber um seine Nachhaltigkeit? Unsere Mittagskolumne klärt auf.

Frank Wiebe ist Autor des Buches “Wie fair sind Apple & Co? – 50 Weltkonzerne im Ethik-Test”. Wiebe ist Redakteur und Kolumnist des “Handelsblatts” und lebt in New York. Bei WiWo Green lesen Sie Auszüge aus seinem Buch. Im Buch wird der Text ergänzt durch Kennzahlen, ein exklusives Rating von Oekom Research und andere Einschätzungen sowie eine eigene Bewertung des Autors nach einem fünfstufigen System.

Eine wichtige Funktion von Unternehmen ist auch, für ihre Aktionäre einen ordentlichen Gewinn zu erwirtschaften. Denn viele Leute kaufen Aktien, um damit fürs Alter vorzusorgen. Oder sie hoffen auf Renten aus Pensionskassen, Fonds oder Lebensversicherungen – und diese Unternehmen stecken das Geld ebenfalls zum Teil in Aktiengesellschaften.

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Es geht bei Gewinnen also nicht nur um Spekulation, sondern auch um Sicherheit und Wohlstand im Alter. Wer zur falschen Zeit mit Nokia-Aktien vorsorgen wollte, hat allerdings mit Zitronen gehandelt. Vor der Jahrtausendwende notierten sie noch über 50 Euro (umgerechnet, der Euro wurde erst später eingeführt). Seither sind sie beinahe ins Nichts abgestürzt.

Im Mai 2012 verklagte ein amerikanischer Aktionär das Management des Unternehmens sogar wegen Erfolglosigkeit. Man kann aus grundsätzlicher Perspektive fragen: Ist der geschäftliche Misserfolg von Nokia wirklich eine Frage der Ethik? Denn er wurde ja keineswegs absichtlich herbeigeführt. Es gibt tatsächlich Ethiker, allen voran Immanuel Kant, die allein die gute oder böse Absicht bewerten. Auch im alltäglichen Leben vergibt man ja einen Fehler eher, der trotz bester Absichten passiert ist, als einen, der billigend in Kauf genommen oder absichtlich begangen wurde.

Bei Geschäftszahlen glanzlos, bei Nachhaltigkeit bemühtTrotzdem wäre es aber ein sehr enges Verständnis von Ethik, wenn man die Frage des guten Gelingens völlig ausklammern würde. Aber wie kann es überhaupt zu einem derartigen Misserfolg wie bei Nokia kommen? Handys sind ein ausgesprochenes Mode-Erzeugnis. Nur wer zur richtigen Zeit die richtigen Produkte bringt, kann sie so teuer verkaufen, dass ein guter Gewinn und damit ein hoher Aktienkurs herausspringt.

Wer aus dem Tritt kommt, produziert und verkauft zwar vielleicht noch sehr viel, kann aber keine guten Preise mehr durchsetzen. Die Folge: Die Gewinne schmelzen, und die Aktienkurse schwinden dahin. Aber verlassen wir jetzt dieses für Nokia so unerfreuliche Thema und konzentrieren uns auf die Bereiche Umwelt und Soziales. Dort können die Finnen einiges vorweisen, was die Bewertung mit vier Sternen rechtfertigt.

Einmal sind die Handys der Finnen in Schwellenländern weitverbreitet, und es ist kein Geheimnis, dass Mobilfunk gerade in entlegenen Gegenden zu den besten Voraussetzungen für eine bessere Entwicklung gehört. Der Konzern unterstützt dies durch spezielle Programme, etwa durch Bezahldienste, Bildungsprogramme, zum Beispiel für den Mathematikunterricht oder auch für den Informationsaustausch im medizinischen Bereich.

Handys helfen, Krankheiten aufzuspürenSo wurde in Brasilien mit Nokia-Technik eine Datei zur Erfassung von Dengue-Fieber eingerichtet. Eine wichtige Rolle spielen auch Marktinformationen, die per Handy abgerufen werden können, weil sie Kleinbauern eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Zwischenhändlern geben. Der Konzern hat sich zum Ziel gesetzt, in armen Regionen rund einer Milliarde Menschen den Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Auffällig ist zudem, dass Nokia sehr genau berichtet, woraus und wie die Handys produziert werden, jedes Modell hat ein »Eco-Profil«, in dem zahlreiche Fragen vom Materialeinsatz über die Energieeffizienz bis zur Wiederverwertbarkeit erfasst sind. 2011 kommt das Nokia 700 neu heraus, das einen besonders hohen Anteil an umweltfreundlichem Material enthält. Es soll zu 100 Prozent recycelbar sein und enthält besondere Energiesparfunktionen.

Der Konzern bietet weltweit die Möglichkeit an, alte Handys fachgerecht entsorgen zu lassen – räumt aber ein, dass davon zu wenige Kunden Gebrauch machen. Es gibt außerdem eine Überwachung der Rohstoff-Zulieferungen, um zu verhindern, dass sie aus politischen Konfliktgebieten stammen oder aus Regionen, in denen keine menschenwürdigen Arbeitsbedingungen gegeben sind. Dies ist für einen Handyhersteller wichtig, weil zum Beispiel Coltan für Handys unverzichtbar ist und unter anderem im Kongo abgebaut wird – einem seit Jahrzehnten von internen Kämpfen zerrissenen Land.

Probleme in den WerkenGreenpeace gibt Nokia im November 2011 in einem Öko-Rating von Elektronikkonzernen den dritten Platz hinter HP und Dell. Vor allem, weil die Energiebilanz nicht ganz überzeugte, war der Konzern vom ersten Platz abgerutscht. Ein weiterer Pluspunkt ist aber, dass Nokia auch spezielle Geräte für Leute mit Hör- oder Sehproblemen entwickelt hat, und zwar schon seit den 90er-Jahren: auch ein Beispiel dafür, dass geschäftliche und soziale Ziele durchaus in Einklang zu bringen sind.

Denn gerade bei der zunehmenden Elekronisierung der Welt ist es wichtig, dass keine Gruppe davon ausgeschlossen bleibt. Wichtig auch: Die Finnen haben traditionell relativ viel in eigenen Fabriken produziert. Das gab ihnen eine größere Kontrolle über die Arbeitsbedingungen, als dies bei Zulieferern der Fall ist. 2012 vollzieht der Konzern unter dem Druck der wirtschaftlichen Probleme allerdings einen Schwenk und lagert die Produktion weitgehend aus nach Fernost.

Für die Lieferanten gibt es aber ein ausgefeiltes Kontrollsystem. Das alles hat den Konzern nicht davor geschützt, auch Ziel von Kritik an Arbeitsverhältnissen zu werden, zum Beispiel bei einem Werk, das zeitweise in Rumänien betrieben wurde. In diesem Fall hat Nokia den Vorwurf, Höchstarbeitszeiten nicht einzuhalten, aber zurückgewiesen. In Deutschland ist noch die Schließung des Werks in Bochum im Jahr 2008 in Erinnerung. Damals wurde dem Konzern vorgeworfen, trotz guter Gewinne Menschen in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Allerdings war Nokia damals der einzige Handykonzern, der überhaupt noch in Deutschland produzierte, außerdem war der Druck auf die Gewinnmargen im Massengeschäft bereits abzusehen.

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