Lebenswerte Städte: Wir brauchen eine Fußgänger-Revolution!

Lebenswerte Städte: Wir brauchen eine Fußgänger-Revolution!

Die Beine sind das am meisten unterschätzte Verkehrsmittel, schreibt unsere Gastautorin. Lasst sie uns nutzen!

Von Jutta Deffner, Mobilitäts- und Stadtforscherin am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main

Morgen startet in München die größte internationale Fachveranstaltung zum Thema Fußverkehr – die WALK 21. Dort treffen sich nicht nur Wissenschaftler, sondern vor allem Multiplikatoren aus Planung, Politik um über das Gehen zu reden.

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„Was?!“ werden Sie sagen, für Fußgänger braucht es einen Fachkongress? Aber ja, auf jeden Fall!

Zwar ist uns das Gehen selbstverständlich: es ist die natürlichste und gesündeste Art sich fortzubewegen, und wir alle gehen täglich. Aber zu  wenig, um die Fehlkonstruktion unseres Körpers auszugleichen, sodass wir nicht unter Rückenschmerzen oder Ähnlichem leiden.

Leider ist unser Skelett ja so konstruiert, dass wir pro Tag mehrere Kilometer gehen müssten. Denn wir haben noch die Kondition der frühen Menschen „in den Knochen“, die durch weite Steppen wanderten. Das ist uns aber nicht bewusst.

Verkehrs- und Stadtplaner/innen haben erkannnt, dass es Sinn macht, das zu Fuß gehen zu fördern. Nicht nur wegen unseres Rückens, nicht nur wegen der Umwelt und dem Klima, und auch nicht nur, weil unsere Kinder per pedes besser lernen, sich im Raum zu orientieren und selbständig zu sein.

Sondern vor allem deshalb, weil uns durch die motorisierte Verkehrsmittel in unseren Städten etwas abhanden gekommen ist. Das  Zauberwort heißt „Aufenthaltsqualität“.

Den Städten fehlt Planung - ändern wir das!Jahrzehntelang haben wir es den Freiraumplanern überlassen, dafür Sorge zu tragen, dass Gehen schön bleibt. Aber leider waren sie meist nur für einzelne Grünanlagen, Parks und Bundesgartenschauen zuständig – ein Gesamtkonzept für eine ganze Stadt konnten sie selten realisieren.

Heute ist für die Freiraumplaner in den Kommunen kaum noch Geld da. Und selbst wenn: es gibt ja nur noch wenig Freiraum, an dem was zu planen wäre. Bleibt also das Gehen auf und neben der Straße. Und das ist in der Regel Sache der Verkehrsplaner/innen, die Vieles berücksichtigen müssen. Zum Beispiel sogenannte Lichtraumprofile von Fahrzeugen, Sichtdreiecke an Kreuzungen und Räumzeiten an Lichtsignalanalgen (sprich: Ampeln). Sie haben sich an die Empfehlungen und Richtlinien zur Anlage von Straßen, Radwegen und Kreisverkehrsanlagen und Ähnliches mehr zu halten. Wie sollen sie da noch an Aufenthaltsqualität denken?

Aber warum wird das Gehen eigentlich so vernachlässigt? Kapitalismuskritiker vermuten, es liegt daran, dass sich damit kein Geld verdienen lässt. Man braucht halt keine millionenschwere Infrastruktur dafür.  Verschwörungstheoretiker sagen, dahinter steckt die Öl-Lobby – mehr Autos sind nun mal erwünscht.

Lichte Orte gegen böse BubenKommunal- und Staatspolitiker können mit dem Gehen auch keine Erfolge feiern: Keine roten Bänder, die man vor einer klatschenden Menge pressewirksam wie bei der Eröffnung großtechnischer Ingenieursleistungen durchschneiden könnte. Zukunftspessimisten meinen: erst müssen wir wieder völlig degenerieren, ehe wir den Wert des Gehens neu entdecken können. Und Feministinnen wettern, die männlichen Planer seien schuld. Protestfans haben das Thema offenbar noch nicht entdeckt.

Die Krux: Bei der praktischen Umsetzung sind es im Fußverkehr die kleinen handwerklichen Details, die zum Gehen einladen. Das heißt, es muss darauf geachtet werden, dass keine Barrieren entstehen. Umwege oder lange Wartezeiten an Fußgängerampeln müssen vermieden werden, ebenso wie Lärm, Gestank und Müll am Wegesrand. Bitte keine Wege entlang dunkler Ecken und enger Durchgänge planen, wo sich dann keiner durchtraut, weil sich dort die bösen Buben treffen.

Was die Qualität einer Stadt ausmacht, klingt im Fachjargon so: „Eine attraktive  Aufenthaltsqualität wird erreicht durch Direktheit, Sicherheit und Kohäsion von Fußwegenetzen und städtebauliche Ästhetik und Abwechslung.“ Das alles lässt sich rechtlich schwer verordnen. Und dennoch gibt es Ansätze, die diese Anforderungen aufnehmen, wie z.B. das Konzept einer Begegnungszone „Shared Space“ oder das sogenannte „Inclusive Street Design“ zeigen.

Aufenthaltsqualität, es gibt sie schonEin gutes Beispiel dafür ist die die Stadt Zürich. Ruedi Ott vom Tiefbauamt dort sagt: “Ohne Fußverkehr ist auch die Stadt tot. Keine Urbanität, keine Lebensqualität. (…) der Fußverkehr hält das ganze Verkehrssystem zusammen. Öffentliche Räume müssen deshalb in erster Linie aus Sicht zu Fuß Gehender geplant werden.“ So ist das!

Was also tun?  Zum Beispiel an der Europäische Woche der Mobilität teilnehmen. Sie findet jedes Jahr Ende September statt. Oder die Fachkonferenz WALK 21 veranstalten, um Diskussion und Bewusstsein zu fördern. Auf der Konferenz  in München gibt es deshalb zum Beispiel auch Walkshops (statt Workshops). Oder anders gesagt: Laien, Politiker und Fachplaner unterschiedlicher Richtungen müssen ins Gespräch kommen – denn es  „geht“ um sehr viel.

Sollten Sie also gerade in München sein, wenn Sie dies hier lesen, dann GEHEN Sie doch mal vorbei – es gibt viele öffentliche Veranstaltungen.  Allen anderen empfehle ich, nach den Orten Ausschau zu halten, wo man gehen, sitzen, joggen, rasten, ratschen, lauschen kann. Es  gibt sie, diese Orte mit Aufenthaltsqualität: für mich ist es übrigens das Frankfurter Mainufer.

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