Abfall-Statistik: Recherche im Zahlenmüll

Abfall-Statistik: Recherche im Zahlenmüll

von Michael Billig

Deutschland sieht sich als Recyclingweltmeister. Doch das ist weit gefhelt, denn die Statistiken führen in die Irre.

Wie viel Müll fällt in Deutschland an? Wie viel wird recycelt? Einfache Fragen, auf die es nur auf den ersten Blick auch einfache Antworten gibt. So beziffert das Bundesamt für Statistik das gesamte Abfallaufkommen im Jahr 2012 mit 380 Millionen Tonnen. In Wahrheit sind es aber 50 Millionen Tonnen weniger (hier die deutsche Abfallbilanz als PDF).

Das Rechenprinzip ist so simpel wie irreführend: Die Statistiker rechnen alles zusammen, was ihnen die Entsorgungsanlagen als Eingang melden. Müll durchläuft oftmals aber mehrere Stationen. Deshalb zählen die Statistiker ihn auch mehrfach.

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Ein Joghurtbecher kann zum Beispiel über eine Sortieranlage zu einem Recylcer weiter zu einer Abfallbehandlungsanlage wandern – und am Ende in einer Verbrennungsanlage landen. Jedes Mal erfasst ihn die Statistik – solang, bis er aus diesem sogenannten Abfallregime heraus ist. Entweder, weil er recycelt oder weil er verbrannt wurde. So häufen die Bundesstatistiker den Abfallberg künstlich an. „Nettoaufkommen“ nennen sie die Müllmenge, die tatsächlich in Deutschland anfällt. Und die liegt bei 330 Millionen Tonnen.

Aber hier hören die Ungereimtheiten noch nicht auf:

- 80 Prozent des gesamten Abfalls in Deutschland wird verwertet. Anders als landläufig angenommen wird, heißt das aber nicht, dass auch so viel recycelt wird. Gewinnt die Müllverbrennung Energie aus Abfall, gilt das ebenfalls als Verwertung.

- Die Recyclingquote liegt in Deutschland offiziell bei 65 Prozent. Aber auch hier führt die Statistik in die Irre. Sie zählt wieder all das, was in die Sortieranlagen hineingeht. Sie zählt aber nicht, was am Ende tatsächlich recycelt wird. Führen die Behörden eine Anlage als Recycler, gilt auch der komplette Eingang als recycelt. Bei getrennt gesammeltem Glas oder Papier mag die Annahme stimmen, denn hier werden tatsächlich knapp 100 Prozent des Eingangs zu neuem Papier oder Glas.

Doch bei Verpackungsabfällen aus dem gelben Sack klafft zwischen Statistik und Realität eine riesige Lücke. Selbst Recycler geben tausende Tonnen in die Verbrennung. Eigentlich müssten diese Mengen von den Recyclingmengen abgezogen werden. Stattdessen schlagen sie die Statistiker aber noch auf das Abfallaufkommen oben drauf. Die Recyclingquote wird damit in doppelter Weise verzerrt.

- Papier und Glas werden in Deutschland zu 100 Prozent recycelt. Diese vielfach gehörte Behauptung gilt nur mit Einschränkung. Sie bezieht sich lediglich auf die in den blauen Tonnen und Glascontainern gesammelten Abfälle, die dann auch getrennt bei den Entsorgern ankommen. Die Verbraucher entsorgen aber noch immer große Mengen dieser Stoffe in ihren Restmülltonnen und deren Inhalt landet zu mehr als 80 Prozent in der Verbrennung.

- Völlig unklar ist, welche Sorten Müll die Statistiker unter dem Posten „Übrige Abfälle“ verbuchen. Dieser Posten nimmt in den Zahlenreihen immerhin eine Menge von rund 50 Millionen Tonnen aus Produktion und Gewerbe ein. Die Recyclingquote soll hier bei 55 Prozent liegen. Wie sich dieser Abfall zusammensetzt, dazu gibt es keine solide Datengrundlage.

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Dieser Text ist Teil eines größeren Features zum Thema Abfall in Deutschland. Hier gelangen Sie zum Text.

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