Abkehr von der Öko-Landwirtschaft: Einmal Biobauer und zurück

Abkehr von der Öko-Landwirtschaft: Einmal Biobauer und zurück

Der romantische Traum vom Öko-Bauern ist schnell ausgeträumt, wenn zahlungsbereite Kunden fehlen.

Hans Hinrich Hatje steht vor dem Düngerstreuer, den er vor drei Jahren angeschafft hat. Mit diesem kann er synthetischen Dünger in größeren Mengen ausbringen. Mit dem Kauf ging eine Entscheidung einher, die damals sein Berufsleben verändert hat. Eine Entscheidung, die aufhorchen lässt, weil sie so gar nicht dem Zeitgeist entspricht.

Über 20 Jahre hatte der 59-Jährige seinen Betrieb nach Bio-Richtlinien beackert, seit 2012 wirtschaftet er wieder konventionell. Das heißt: Pflanzenschutzmittel statt mechanischer Unkrautbekämpfung, synthetischer Dünger statt natürlichem Nährstoffkreislauf. Aber eben auch höhere Erträge pro Hektar.

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„Ich bereue diesen Schritt nicht. Ich habe das mit meinem Sohn bilanziert. Die letzten fünf Jahre liefen einfach zu schlecht, uns blieb nur die Wahl, konventionell weiterzumachen.“ Gab es keine Alternative? „Doch: aufgeben und das Land verpachten.“

Hatje betreibt im schleswig-holsteinischen Gothendorf mit seinem Ein-Mann-Betrieb seit über 30 Jahren Ackerbau. 1991, als es noch keine EU-Bioverordnung gab, stellte er seine 150 Hektar auf ökologische Landwirtschaft um: „Ich war damals Ökopionier, auch wenn ich nicht aus der Ökoszene kam.“ Er baute Getreide und Ackerbohnen an, experimentierte mit Bio-Kartoffeln und Flachsanbau, der in dieser Gegend einmal Tradition hatte. Anfangs mit wirtschaftlichem Erfolg.

Verschärfter WettbewerbDoch mit der EU-Osterweiterung verschärfte sich die Wettbewerbssituation, günstige Bioproduzenten aus Osteuropa drängten auf den Markt. Zeitweilig erzielte Hatje für sein Biogetreide kaum einen besseren Preis: „Wir haben teilweise unser Getreide konventionell verschachert.“

Seine bisherigen Abnehmer aus Dänemark kauften ihr Bio-Futtergetreide lieber in Polen oder Tschechien ein. „Das ist zwar etwas absurd, aber auch der Biomarkt ist mittlerweile global.“ Von regionaler Wirtschaft, wie Hatje sie anfangs im Sinne hatte, war das meilenweit entfernt.

Nach 15 Jahren Biolandwirtschaft war seine Euphorie verflogen. Am Ende der fünfjährigen Periode, in der sein Anbau gefördert worden war, stieg er aus. Nun arbeitet er wieder konventionell. Und Hatje ist nicht der Einzige – jedes Jahr kehrt eine beachtliche Anzahl von Landwirten dem Bio-Anbau den Rücken.

Hier erklärt Hatje, wie es für ihn weitergeht:



Nach einer Studie des staatlichen Thünen-Instituts in Braunschweig von 2013 geben jährlich über 600 Betriebe auf oder wechseln zur konventionellen Landwirtschaft – so genannte Rückumsteller.

Generell geht der Bioboom an den deutschen Öko-Landwirten vorbei. Obwohl die Nachfrage nach Biolebensmitteln ständig wächst, im vergangenen Jahr um 4,7 Prozent, blieb die Anbaufläche 2014 mit einem Zuwachs von 0,6 Prozent nahezu unverändert.

Ökologische Landwirtschaft ohne Förderung unmöglich?Die Entwicklung ist dabei regional unterschiedlich: Während die süddeutschen Bundesländer und Nordrhein-Westfalen Zuwächse verzeichneten, gab es in Nord- und Ostdeutschland überwiegend einen Rückgang der Flächen. Insgesamt werden unverändert 6,3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland nach Biorichtlinien bewirtschaftet.Bio-Anbauflächen in Deutschland: Sehr langsames Wachstum

2011: 1.015.626 Hektar (+ 2,5 Prozent)

2012: 1.034.355 Hektar (+ 1,8 Prozent)

2013: 1.041.514 Hektar (+ 0,7 Prozent)

2014: 1.047.633 Hektar (+ 0,6 Prozent)Bei Hatje hatte die Rückumstellung auf konventionellen Anbau in erster Linie wirtschaftliche Gründe: „Die Preise stimmten einfach nicht mehr. Zwischen 2007 und 2012 war der Abstand zwischen konventionellem Anbau und ökologischer Landwirtschaft einfach zu gering. Ich hätte den doppelten Preis erzielen müssen, um mit den konventionellen Landwirten mitzuhalten“, so Hatje. Dort sind die Ernteerträge durch Dünger- und Pestizideinsatz im Schnitt dreimal so hoch wie im Ökolandbau. „Ich war mit meinem Betrieb im Prinzip von den staatlichen Förderprämien abhängig.“

2012 strich die damalige Landesregierung in Schleswig-Holstein dann auch noch die Beibehaltungsprämie für den Ökolandbau. Für Hatje der entscheidende Grund, die Reißleine zu ziehen.

Die Gründe für die Aufgabe sind nach Ansicht von Jürn Sanders vielfältig. Der Wissenschaftler vom Thünen-Institut ist Mitverfasser der Studie über Aussteiger und Rückumsteller. „Ökolandbau ist kein Selbstläufer. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, also die Preise am Markt und damit die Erträge. Aber die Landwirte sind für ihren wirtschaftlichen Erfolg selbst verantwortlich“, sagt Sanders: „Es reicht heute nicht, sich in der Produktion auszukennen, man muss auch ein Gefühl für Vermarktung und Betriebswirtschaft haben.“

Dazu kommt, dass sich Märkte und Förderbedingungen schnell verändern können. Ein Beispiel ist die Milchwirtschaft. „Hier kann es für Ökobetriebe sinnvoll sein, Teile der Wertschöpfungskette selbst zu übernehmen“, so Sanders. Also zum Beispiel eine eigene Käserei zu etablieren und die Produkte direkt zu vermarkten. So ein Modell funktioniert dort besonders gut, wo viele Kunden sind, zum Beispiel in der Nähe von Großstädten oder in Urlaubsregionen, taugt aber nicht für jeden Biobetrieb.

Ein Beruf "wie Urlaub"Für Florian Gleißner käme Aussteigen nicht in Frage. Der 43-Jährige hat Ökolandbau studiert und ist einer von acht Betriebsleitern auf der Domäne Fredeburg, einem ehemaligen Gutsbetrieb in Schleswig-Holstein, südlich von Lübeck. Von Mai bis Oktober treibt er 30 Kühe jeden Morgen um kurz vor sechs von der Weide zum Melken in den Stall. „Wenn ich morgens die Tiere hole, ist das für mich wie Urlaub.“

Die Domäne Fredeburg verfolgt das Prinzip der Kreislaufwirtschaft: Die Tiere sorgen für den Dünger, der auf die Äcker gebracht wird, umgekehrt bekommen die Milchkühe und die 50 Zuchtschweine ausschließlich Futter aus eigenem Anbau. Neben Kleegras, das als Tierfutter dient, werden Getreide, Kartoffeln und Gemüse angebaut. Außerdem gehören eine Käserei und ein Hofladen zum Betrieb, auf dem derzeit 30 Menschen arbeiten.

„Die Kreislaufwirtschaft ist die Basis für unseren Betrieb. Ich könnte mir nicht vorstellen, 2.000 Schweine zu halten und dann die Gülle durch die Gegend zu fahren“, so Gleißner. Allerdings schränkt er ein: „Was wir hier machen, ist sehr speziell, aber kein Modell für andere Biobetriebe.“ Denn die Domäne habe einen entscheidenden Vorteil.

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