Afrika: Waldzerstörung befeuert Krieg und Terror

Afrika: Waldzerstörung befeuert Krieg und Terror

von Jonas Gerding

Noch mehr als vom Elfenbeinhandel profitieren Milizen in Afrika von der Waldzerstörung – ein ignoriertes Problem.

Es sind schreckliche Bilder: Die Körper der einst so kräftigen Elefanten sind erschlafft, sie liegen tot inmitten der Steppe. Tiefe Wunden zeugen von der Gewalt, mit der Wilderer ihnen die Stoßzähne entfernt haben. Achtlos haben sie die Kadaver zurückgelassen.

Mit solchen Bildern wollen Umwelt- und Tierschützer auf ein wachsendes Problem aufmerksam machen: die brutale und illegale Jagd auf die Elefanten und Nashörner Afrikas.

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Ein von Wilderern getöteter Elefant in Garamba in der der Demokratischen Republik Kongo (Copyright: Enough Project)[/caption]

Elfenbein für Kalaschnikows

In ihren Kampagnen appellieren die Tierschützer aber nicht mehr nur an das Mitgefühl für die Tiere, sondern führen auch ein sicherheitspolitisches Argument auf: Der Elfenbeinhandel sei eine der Haupteinnahmequellen von Terroristen, Milizen und organisierten Banden aller Art, die in afrikanischen Ländern ihr Unwesen treiben, warnen sie.

"Denen könnte man den Geldhahn faktisch zu drehen, wenn man den Handel (mit Elfenbein) illegal machen würde", formuliert es der deutsche Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke in einem Interview. "Nicht nur der Handel, sondern auch der Besitz von Elfenbein muss illegal werden."

Grundsätzlich ist es ein berechtigtes und ehrenwertes Anliegen, sich für die Tiere einzusetzen. Doch Jaenickes Aussage steht beispielhaft für eine Verzerrung der Tatsachen: In Wahrheit decken die Terroristen meist einen vergleichsweise geringen Teil ihrer Einnahmen durch den Handel mit Elfenbein.

Zwar ist es den Tierschützern zu verdanken, die Wilderei auf die internationale Agenda gesetzt zu haben. Gleichzeitig wird so ein Umweltproblem überschattet, dessen Schäden ähnlich verheerend wie die Wilderei sind: Die Rodung der Wälder für den illegalen Handel mit Holz und Kohle.

Dieser spült weitaus mehr Geld in die Kassen der Terroristen als die Wilderei; nur lässt sich dieses Thema bei weitem nicht so medienwirksam vermarkten.

UN-Report: Rodung schlimmer als Wilderei

Den derzeit umfassendsten Bericht über das Ausmaß der Tier- und Umweltschäden, die aus der Finanzierung von Kriegen und Terrorismus entstehen, haben die Vereinten Nationen im vergangenen Sommer veröffentlicht.

Demnach ist die illegale Jagd auf Elefanten und Nashörner insgesamt durchaus lukrativ mit einem geschätzten Jahresumsatz zwischen sieben und 23 Milliarden Dollar. Auf den globalen Schwarzmärkten bringt ein Kilo Elfenbein etwa 750 Dollar.

Der Report lässt keine Zweifel daran, dass auch Terroristen tief in das schmutzige Geschäft verstrickt sind - Boko Haram im Westen im Afrikas zum Beispiel, die Lord Resistance Army im Zentrum und die al-Shabaab-Milizen im Osten. Aber das meiste Geld aus dem illegalen Handel mit Horn und Elfenbein fließt nicht in die Taschen der Terroristen.

In der Untersuchung wird die Rolle der Wilderei bei der Finanzierung der Terroristen relativiert: "Der Umfang der Einnahmen durch kriminelle Wilderei ist winzig im Vergleich zur illegalen Abholzung und der Waldkriminalität."

Dazu zählt die Rodung von Wäldern für edle Mahagony-Hölzer, Plantagen und Papier. Was nach der Lektüre des UN-Berichtes klar wird: Trotz internationaler Abkommen, die die Abholzung weiter Teile der Regenwälder verbietet, werden regelmäßig ganze Landstriche entwaldet.

90 Prozent des afrikanischen Holzes wird dabei in Form von Holzkohle als Brennstoff genutzt. Die Terrorgruppen machen ihr Geschäft vor allem mit der illegalen Besteuerung des Brennstoffs.

Schäden für Umwelt und Gesundheit

In den von ihnen kontrollierten Gebieten errichten sie Straßensperren und verlangen Gebühren in einer Höhe von rund 30 Prozent für den Handel mit dem Material. In den umkämpften Regionen schätzen die Vereinten Nationen die Einnahmen aus dem Handel mit Holzkohle auf 111 bis 289 Millionen Dollar jährlich. Zum Vergleich: Elfenbein würde nur zwischen vier und 12,2 Millionen Dollar einbringen.

Immer noch sind viele afrikanische Haushalte auf Holzkohle angewiesen. Schreitet die Elektrifizierung Afrikas nicht schneller voran, fürchten die Vereinten Nationen, dass sich die Nachfrage nach dem Brennstoff in den kommenden drei Jahrzehnten verdreifachen wird.

"Das wird schlimme Folgen wie die Waldzerstörung im großen Stil haben, Luftverschmutzung und damit einhergehende Gesundheitsprobleme in Slums, vor allem für Frauen", heißt es in dem Bericht.

Die Frauen nutzen die Holzkohle, um zu kochen – meist in geschlossenen Räumen, in denen sie dann giftige Partikel aus der Verbrennung einatmen.

Auch für das Klima der Erde ist der Handel mit Holzkohle ein Problem: Zum einen gibt es weniger Fläche Regenwald, die das Klimagas CO² aufnehmen kann. Zum anderen gelangt durch die Verbrennung der Holzkohle zusätzliches CO² in die Atmosphäre.

Tierschutzkampagnen mit zweifelhaften Zahlen

Weshalb also kursieren immer wieder Zahlen, die belegen sollen, dass die Wilderei die entscheidende Einnahmequelle der Terroristen sei?

Für eine Kampagne hat zum Beispiel die Organisation "WildAid" die US-amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow angeheuert. In einem Kurzfilm zeigt die Oscar-Gewinnerin, wie der Elfenbeinhandel die somalische Terrorgruppe al-Shabaab finanziert.

International machten die ostafrikanischen Islamisten vor allem Schlagzeilen, als sie 2013 ein Einkaufszentrum in Kenia stürmten, Geiseln nahmen und 67 Menschen töteten. 600.000 Dollar würde die Terrorgruppe monatlich durch die illegale Wilderei eintreiben, heißt es im Film.

Die Einnahmen der al-Shabaab aus dem Handel mit Elfenbein wirken gigantisch. Verglichen mit ihren Einnahmen durch die Kontrolle des Geschäfts mit der Holzkohle sind sie jedoch gering: Jährlich spült die illegale Tätigkeit bis zu 56 Millionen Dollar in ihre Kassen.

Hier der Kurzfilm "Last Days" der Kampagne von "WildAid"

Die Tierschützer der "Elephant Action League" wollen sogar recherchiert haben, dass 40 Prozent der Einnahmen der Gruppe auf den Handel mit Elfenbein zurückgehen. Als Beleg liefern sie jedoch keine umfassende Studie, sondern ein Treffen mit Insidern und grobe Schätzungen.

Als "höchst unzuverlässig" bezeichnet der Report der Vereinten Nationen deren Behauptungen. Denn sie würden bedeuten, dass die al-Shabaab-Milizen fast das ganze Elfenbein aus West-, Zentral- und Ostafrika an einen einzigen Hafen in Somalia bringt und von dort verschifft.

Es ist gut und wichtig, dass sich Tierschützer gegen die illegale Jagd auf Elefanten und Nashörnern stemmen. Doch dabei müssen sie sich an Fakten halten. Sonst überschatten ihre Hilferufe das gesamte Ausmaß des Raubzugs gegen die Umwelt und setzen ihre und die Glaubwürdigkeit anderer Organisationen aufs Spiel.

In ihrem Report geben die Vereinten Nationen Empfehlungen, wie die Weltgemeinschaft nun reagieren soll. Die erste lautet: "Nehmt die vielfältigen Aspekte der Umweltkriminalität wahr." Ein guter Ansatz.

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Bildquellen:



Photo by ENOUGH Project / CC BY-NC-NS 2.0 

Photo by Serge Melki / CC BY 2.0

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