Aquaponik: Neue Chance für Kleinbauern

Aquaponik: Neue Chance für Kleinbauern

Bei der sogenannten Aquaponik wächst das Gemüse in Wasser statt Erde - für US-Kleinbetriebe eine Chance, mit den großen Konzernen mithalten zu können.

Es gibt nur zwei Dinge, die Ruth Elkins wirklich Respekt einflößen. Das eine ist die Natur, das andere ist Gott. Letzterer, weil er es gewesen sei, der ihr und ihrer Geschäftspartnerin Linda Bailey den Weg in die Landwirtschaft gewiesen habe. „Der Herr hat uns Hinweis für Hinweis gegeben“, sagt sie. Erstere, die Natur, ist nun so etwas wie ihr Handwerkszeug.

Gottes Hinweise kamen zum rechten Zeitpunkt: Die ehemaligen Sekretärinnen hatten im Rahmen der Finanzkrise ihre Jobs verloren. Daraufhin begannen sie, ein kleines Grundstück an einer Hauptstraße zu bepflanzen. Mit Lavendel, weil das so üblich ist in Palisade, einem Städtchen im Westen des US-Bundesstaats Colorado. Lavendel pflanzt fast jeder Farmer, dessen Gelände im Schatten des riesigen, sandigen Mount Lincolns liegt.

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Elkins und Bailey mussten sich zunächst mit den Pflanzzyklen und den Ansprüchen mehrerer Lavendelsorten bekannt machen. Das war Phase eins, befanden sie, als das Geschäft ins Laufen gekommen war, nun war Salat dran. Doch für diesen musste eine Antwort auf den Wassermangel her, der hier am Rand der Rocky Mountains chronisch ist. Die Lösung war ein Kreislauf, in dem das Wasser nicht im Boden versickert, sondern immer wieder verwendet werden kann.

Hydroponik heißen solche Systeme. Sie entstehen derzeit vereinzelt in Deutschland, massenweise in den Vereinigten Staaten. Nach der letzten Erhebung züchteten Landwirte mit den Wassersystemen Gemüse im Wert von 10 Millionen Dollar (knapp 9 Millionen Euro), eine Verdreifachung innerhalb von fünf Jahren. Auf dem gigantischen US-Agrarmarkt ist das freilich eine Nische.

Der Wasseranbau geschieht im kleinen Maßstab. Auf Elkins‘ Farm liegt er weit ab von den hübschen Lavendelreihen, die die Besucher zu sehen bekommen. Eine Treppe führt in einen Raum, der gut gekühlt halb unter der Erde liegt. Darin befinden sich die Container mit dem Gemüse. In den ersten beiden wächst Salat zwischen braunen Tonkügelchen. In zwei anderen Containern liegen Styroporplatten, in die winzige Erdportionen mit den Setzlingen eingelassen sind. Die Platten verhindern, dass das darunter fließende Wasser verdunstet. Es ist ein Wachstumsturbo: Permanent gepäppelt mit Sauerstoff und Nährstoffen ist der Salat nach einem Monat erntereif – doppelt so schnell wie auf dem Feld.

Die Fischzucht reinigt das WasserDamit das System funktioniert, muss das Wasser ständig in Bewegung sein, um Sauerstoff aufzunehmen. Eine Pumpe transportiert es in die Scheune, wo es in riesigen Bottichen mit der Luft in Kontakt kommt. Im nächsten Schritt baut Elkins die Gefäße zu Aquarien aus, in denen Fische das Wasser reinigen und in einer Symbiose mit den Pflanzen selbst zum Farmprodukt werden – Aquaponik heißt der kombinierte Kreislauf.

„Das ist unser Mikrobusiness“, sagt die Farmerin. Für sie ist der Wasseranbau ein riesiges Experiment, selbst gezimmert nach Anleitungen aus dem Internet. Noch sind die Anlagen zu speziell, als dass man sie schlüsselfertig auf den Bauernhof geliefert bekäme. Zudem ist ihr Bau teurer als bei einem Beet aus Erde. Elkins hat die Finanzierung angeschoben, indem sie die Bürger der Stadt zu Investoren gemacht hat: Nach dem Prinzip der Ökokiste zahlen die Kunden einen Jahresbeitrag, um einmal im Monat Gemüse aller Art zu bekommen, auch traditionell gezogenes. Fällt eine Ernte aus, gilt das als unternehmerisches Risiko. Der Salat aus dem Wasser-Gewächshaus hingegen ist abgeschirmt gegen äußere Einflüsse.

Tatsächlich sind es die Tüftler und die experimentierfreudigen Kleinunternehmer, die derzeit das Geschäft mit den Hydroponik- und Aquaponik-Gewächsen antreiben. Die meisten US-Betriebe verdienen damit weniger als 5000 Dollar, wie Forscher der Johns Hopkins University in Baltimore in einer Studie herausfanden – wobei langsam der Anteil derer wächst, für die der innovative Anbau die einzige Einnahmequelle ist. Hauptansatzmärkte sind dementsprechend der Verkauf direkt auf der Farm oder auf örtlichen Bauernmärkten.

Genau so arbeiten auch die beiden ehemaligen Sekretärinnen auf ihrer Farm in Colorado. Wenn es langfristig gelingt, dass die Fische in den Tanks das Wasser durch ihre Ausscheidungen mit Ammoniak anreichern und die Pflanzen so zusätzlich düngen, hat Ruth Elkins ihr System perfektioniert. Was in der Bibel steht, weiß Elkins natürlich auch: Dass es am Ende des Tages ohnehin Gott ist, der die Pflanzen wachsen lässt.

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