Architekt über Wolkenkratzer: Ich habe Mist gebaut

Architekt über Wolkenkratzer: Ich habe Mist gebaut

von Benjamin Reuter

Ein Wolkenkratzer in London schmort Autoteile und brät Spiegeleier. Stadtplaner sollten von dem Vorfall lernen.

Vielleicht ist der neue "Walkie Talkie" genannte Wolkenkratzer in London ein Sympton dafür, was in unseren Städten alles schief läuft. Die Fassade des 73 Stockwerke hohen Gebäudes ist mit verspiegeltem Glas verkleidet. Das reflektiert die Sonne so stark, dass in den Straßen darunter Autolack schmilzt und mit englischem Humor begabte Journalisten Spiegeleier braten.

Verstärkt wird der Spiegeleffekt noch dadurch, dass die Fassade nach innen gekrümmt ist - normalerweise nutzen Solarthermieanlagen diese Krümmung, um mehr Strom zu erzeugen.

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Nun hat der Architekt des Riesenbräters, Rafael Viñoly, im britischen Guardian zugegeben, bei dem Gebäude "viele Fehler gemacht zu haben". Zum einen habe er die Sonneneinstrahlung unterschätzt, zum anderen hätten die sparsamen Auftraggeber die Jalousinen an den Außenwänden aus Kostengründen gestrichen.

Die Ironie dabei: Nun schmoren die Jaguare (also die Autos) der Auftraggeber in Londons Financial District im Sonnenstrahl des Gebäudes.

Die weitere Erklärung des Architekten ist es wert, im Original wiedergegeben zu werden:

"When it was spotted (der reflektierte Sonnenstrahl, Anm. d. Red.) on a second design iteration, we judged the temperature was going to be about 36 degrees." ... "But it's turned out to be more like 72 degrees. They are calling it the 'death ray', because if you go there you might die. It is phenomenal, this thing."

Also: Statt der erwarteten 36 Grad war der Strahl auf einmal 72 Grad heiß. In China plant der Architekt derzeit ein Gebäude, das den Sonnenstrahl tatsächlich zur Energieerzeugung nutzt.

Was lehrt uns also die Geschichte des "Walkie Scorchie", wie das Haus bei Londonern inzwischen heißt?

Ersteinmal: Stadtplaner sollten genauer hinsehen, was gebaut wird - das sollte man ihnen aber auch nicht extra sagen müssen. Was aber entscheidender ist: Großprojekte wie der Scorchie beschäftigen hunderte Planer, Architekten, Ingenieure und Beamte.

Würde man nur mit einem Teil von ihnen eine Taskforce zusammenstellen, die viele kleine Projekte unterstützt und vorantreibt, dann wären unsere Städte im Handumdrehen ein Stück lebenswerter - sei es durch kommunale Gärten, verkehrsberuhigte Straßen oder die Unterstützung von Bürgervereinen, die sich um Probleme in den Vierteln kümmern.

Die Lebensqualität einer Stadt macht nämlich nicht ein einzelnes Großprojekt aus, sondern vielmehr jede einzelne Straßenecke.

Hier gibt es noch ein Video, das den Spiegeleffekt in London anschaulich erklärt:



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