Arktis: Die 60 Billionen Dollar Zeitbombe

Arktis: Die 60 Billionen Dollar Zeitbombe

von Andreas Menn

Im sibirischen Eis lauert eine Zeitbombe: Ein gefürchtetes Klimagas. Taut es auf, verursacht es, wie eine neue Studie zeigt, Billionschäden.

Eisfischer in Sibirien sollten vorsichtig sein, wenn sie sich eine Zigarette anzünden. Es könnte sein, dass ihnen ein Feuerball aus dem Eis entgegenkommt und ihnen die Haut versengt. Denn in zugefrorenen arktischen Seen steckt, genau wie in den Permafrostböden der Tundra, ein leicht entzündliches Gas: Methan. Und wer mit dem Eispickel ein Loch in den Boden schlägt, bahnt dem Gas den Weg ins Freie.

Was Bewohner der Arktis beunruhigt, alarmiert Klimaforscher umso mehr. Denn die eisigen Methanvorräte der Arktis sind eine tickende Zeitbombe: Tauen sie im Zuge der Erderwärmung auf, dann kurbeln sie den Treibhauseffekt erst richtig an. Erstmals haben Forscher nun berechnet, welche wirtschaftlichen Folgen dieses Szenario hätte - und kommen in ihrem Bericht, der heute im Fachmagazin "Nature" erschienen ist, auf eine astronomische Summe.

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60 Billionen Dollar kosten demnach die weltweiten Schäden, die allein das Methan unter dem Meereis von der sibirischen Küste auslösen dürfte. Der Großteil der Summe wird noch in diesem Jahrhundert fällig. Darunter fallen etwa Schäden in Folge von Stürmen, Missernten und vermehrt auftretende Krankheiten. Zum Vergleich: Pro Jahr erwirtschaftet die Menschheit insgesamt 70 Billionen Dollar.

"Die Klima in der Arktis verändert sich schneller, als die bisherigen wissenschaftlichen Modelle vorhergesagt haben", sagt Chris Hope, Ökonom an der britischen Cambridge-Universität und einer der Autoren der Studie. "Darauf wollen wir mit unserer Studie aufmerksam machen." Die Autoren gehen davon aus, dass zwischen 2015 und 2035 die Menge von 50 Gigatonnen Methan aus dem sibirischen Küstenbereich freigesetzt wird.

Arktis wird zur PlanetenheizungDie Konsequenz: Schon im Jahr 2035 werde das Weltklima im Schnitt zwei Grad wärmer sein als zu Beginn der Industrialisierung - und damit 15 bis 35 Jahre früher als in bisherigen Klimamodellen angenommen. Die Arktis wird zur Heizung des Planeten. Ein wenig Hoffnung gibt es der Studie zufolge dennoch: "Wenn wir die Treibhausgasemissionen weltweit begrenzen, können wir diesen Effekt begrenzen", sagt Hope. "Dann sinken die Kosten auf 37 Billionen Dollar."

Basis der Berechnung ist das so genannten PAGE09-Modell, das Ökonomen unter Hopes Leitung entwickelt haben. Es handelt sich um wissenschaftliches Instrument, mit dem Ökonomen die Folgen der Klimaerwärmung berechnen. Der Vorgänger des Modells war die Grundlage für den berühmten Stern-Report, der im Jahr 2006 erstmals die ökonomischen Folgen der Erderwärmung bezifferte.

Die aktuellsten Zahlen gingen davon aus, das die Menschheit bis zum Ende das Jahrhunderts 400 Billionen Euro für Folgen des Klimawandels berappen muss. Die neue Arktis-Studie addiert nun also 60 Billionen dazu. Aber das könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn das sibirische Küsteneis ist nur eine von vielen Methanbomben, die in der Arktis ticken. "Mittelfristig könnten noch viel größere Mengen Methan in der Arktis freigesetzt werden", sagt Hope.

Methan nämlich schlummert auch im Meer vor Alaska und Nordkanada - und auch im so genannten Permafrost, jenem Boden, der dauerhaft gefroren ist. Permafrost herrscht auf einem Viertel der Landmasse der nördlichen Erdhalbkugel. Ein Großteil davon entstand in der letzten Eiszeit. Er verschließt gewaltige Mengen organischen Materials, das aus früheren Epochen der Erdgeschichte stammt. Damals war die Arktis wärmer, Mammuts und sogar Kamele streiften durch die Graslandschaft.

Tickende Zeitbombe im PermafrostDeren Überreste werden heute zum Problem. Denn sie enthalten Kohlenstoff, jene Substanz, die als Methan und CO2 in der Atmosphäre den Treibhauseffekt auslöst. Die Permafrostböden der Tundra enthalten laut einem Bericht der UN-Umweltbehörde UNEP 1700 Gigatonnen an Kohlenstoff - doppelt so viel wie derzeit in der Atmosphäre vorhanden ist.

Je schneller das Meereis und der methanhaltige Permafrost auftauen, desto mehr Kohlenstoff gelangt also in die Atmosphäre. Und das sind schlechte Nachrichten. Denn die Arktis erwärmt sich schneller, als viele Prognosen bisher vorhergesagt haben.

In den vergangenen Jahrzehnten stieg die durchschnittliche Lufttemperatur in der Arktis doppelt so schnell wie im Rest des Planeten. Der Grund: Das Eis, das die Sonnenstrahlen besonders gut reflektiert, schwindet zunehmend, und die Land- und Wassermassen nehmen mehr Wärme auf.

Im September 2012 schmolz die Eiskappe auf dem Arktischen Ozean ein Rekord-Minimum zurück. Gegenüber dem Schnitt der Jahre 1979 bis 2000 hat sie sich halbiert - mehr als die elffache Fläche Deutschlands ist verloren gegangen. Auch in den ersten beiden Juli-Wochen ging das Eis überdurchschnittlich stark zurück.

Die Folgen sind im hohen Norden schon heute sichtbar. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wandern Jahr für Jahr weiter nördlich, um der Wärme zu entkommen. Gletscher schmelzen im Rekordtempo, abbrechende Eismassen drohen Fluten auszulösen und Dörfer zu überschwemmen. Eisstraßen in Nordkanada sind im Frühjahr immer früher unbefahrbar, Häuser versinken im Schlamm.

Kettenreaktion im PolarmeerLaut dem Intergovernmental Panel of Climate Change wird sich die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu sechs Grad erwärmen - doppelt so stark wie der Rest der Welt. Forscher wie der Geograph Lawrence C. Smith von der University of California gehen davon aus, dass das Nordpolarmeer schon im Jahr 2050 im Sommer komplett eisfrei sein wird.

Die Situation könnte sich noch verschärfen, sollte es zu einer klimatischen Kettenreaktion kommen. Der Ozeanphysiker Peter Wadhams von der britischen Cambridge-Universität - einer der drei Autoren der Nature-Studie - warnte schon im vergangenen Jahr vor einer solchen Entwicklung: Je weniger Eis auf dem Nordpolarmeer schwimme, desto mehr dunkler Ozean sei vorhanden, der entsprechend mehr Sonnenlicht absorbiere.

Die mögliche Folge: Das Nordpolarmeer wird noch schneller wärmer, mehr Seeboden taut auf - und noch mehr Methan wird in Massen frei. Das Methan wiederum wärmt das Klima stärker auf, wodurch noch mehr Eis schmilzt, wodurch noch mehr Seeboden auftaut - und so fort. Für den Kampf gegen die Erderwärmung wäre das ein Horrorszenario.

Eine weitere Folge des arktischen Warmzeit haben die Deutschen möglicherweise bereits diesen Winter erlebt. Denn wie Metereologen vermuten, hat die Seeisschmelze im Norden dazu geführt, dass mehr feuchte Luft nach Europa gelangt und dort für viel Schnee sorgt. Und selbst im März könne die Sonne den Schnee kaum aufheizen, so dass Boden und die Luft kalt blieben.

Die Schmelze im Permafrost könnte in Mitteleuropa also paradoxerweise für lange, verschneite Winter sorgen. Aber das ist wohl nur ein Randproblem im Vergleich zu Hochwassern und Orkanen, mit denen wir künftig häufiger rechnen müssen.

Mehr über die Entwicklungen in der Arktis lesen Sie in unseren Heft "Goldgrube Arktis", das Sie für 2,59 Euro online herunterladen können.

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