Artenschutz: Hummer sollen an Windparks neues Zuhause finden

Artenschutz: Hummer sollen an Windparks neues Zuhause finden

von Lara Sogorski

Hummer sind vor Deutschlands Küsten vom Aussterben bedroht. Ein ungewöhnliches Projekt vor Helgoland soll das jetzt ändern.

Seit mehreren Jahrzehnten leben nur noch sehr wenige Hummer in der Deutschen Bucht. Forscher der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) versuchen seit vielen Jahren, die Bestände wieder aufzupäppeln, indem sie Tiere aufziehen und auswildern. Der durchbrechende Erfolg ihrer Arbeit steht allerdings noch aus. Ein neues Projekt könnte die Lösung sein: Man will den Hummer an Windparks ansiedeln. Projektleiter Heinz-Dieter Franke spricht im Interview mit WiWo Green darüber, wie das gelingen soll.

Herr Franke, ein Offshore-Windpark als Hummer-Heim klingt erst einmal kurios. Warum kann das funktionieren?

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Franke: Hummer brauchen zum Leben einen felsigen Untergrund. In Windparks werden Steinaufschüttungen ausgebracht, die eine Unterspülung der Fundamente der einzelnen Anlagen verhindern sollen. Diese eignen sich hervorragend als Lebensraum für Hummer.

Wie sind Sie und ihr Team überhaupt auf die Windmühlen gekommen?

Franke: Nach unseren Vorarbeiten am natürlichen Hummervorkommen bei Helgoland konzentrieren wir uns im Moment auf den Offshore-Windpark Borkum-Riffgat in der Nordsee. Da dieser Park relativ küstennah liegt, mussten die Betreiber an das Land Niedersachsen eine Ausgleichszahlung für den Eingriff ins Ökosystem leisten. Als klar war, dass wir dieses Geld für unsere Arbeit nutzen können, nahm unser Plan Form an. Wir sind für solche Projekte auf finanzielle Unterstützung angewiesen. So bekommen wir jetzt 700.000 Euro für unser Pilotprojekt.

Brauchen wir denn den Hummer überhaupt vor unseren Küsten? Sein herausragendes Merkmal scheint ja eher zu sein, dass er gut schmeckt.

Franke: Es geht dabei um die ökologische Rolle der Tiere. Der Hummer ist wahrscheinlich der wichtigste Regulator für die Artenvielfalt mariner Hartbodengesellschaften. Als Allesfresser sorgt er dafür, dass keine Art die Oberhand gewinnt und dadurch andere Arten verdrängt. Er fördert also eine ausgewogene und reichhaltige Artengemeinschaft.

Wie viele der Krustentiere gibt es denn in der Deutschen Bucht überhaupt noch?

Franke: Im Vergleich zu den 1930er Jahren leben momentan nur noch sehr wenige Tiere in der Deutschen Bucht – wobei sich die Population auf niedrigem Niveau aber weitgehend stabil hält. Vor dem Krieg konnten die Helgoländer Fischer noch bis zu 80.000 Hummer pro Saison fangen, heute sind es nur noch einige wenige 100 pro Jahr als Beifang der Taschenkrebsfischerei. Wir konnten bislang nicht eindeutig herausfinden, warum der Bestand in den 50er/60er Jahren so dramatisch eingebrochen ist. In den vergangenen 15 Jahren unserer Arbeit konnten wir fast 15.000 Hummer auswildern und dadurch Kenntnisse über Machbarkeit und Erfolgschancen von Auswilderungsprojekten gewinnen. In jüngster Zeit mussten wir diese Arbeit allerdings stark reduzieren, weil uns das Geld fehlte.

Das soll sich mit dem neuen Pilotprojekt rund um den Windpark Riffgat ändern. Worum geht es dabei?

Franke: Wir wollen im Spätsommer 2014 die ersten Hummer am Windpark auswildern. Im Moment ziehen wir die 3000 dafür bestimmten Tiere auf Helgoland heran. Denn erst wenn sie etwa zehn bis zwölf Zentimeter groß sind, haben sie gute Überlebenschancen. Dann besetzen wir einige der Steinfelder mit Tieren in unterschiedlicher Dichte. So können wir untersuchen, wie sich die Lebensgemeinschaften der Steinfelder mit beziehungsweise ohne Hummerbesatz entwickeln und welche Besatzgröße für einen Erfolg notwendig ist. Dieses Projekt läuft zunächst über drei Jahre. Aber ich denke, da das Ganze sehr viel Potenzial verspricht, wird es Anschlussstudien geben.

Sie bemühen sich auf Helgoland seit mehr als zehn Jahren um die Hummer-Aufzucht. Was sind dabei die größten Herausforderungen?

Franke: Hummer sind Einzelgänger und müssen deshalb bei der Aufzucht auch einzeln gehalten werden. Anderenfalls würde es ständig zu Kämpfen zwischen den Tieren kommen, und am Ende würde in jedem Aufzuchtbecken nur ein Hummer überleben. Im Freiland kommen sie auch nur zur Fortpflanzung zusammen, halten sich ansonsten in Felsspalten versteckt und gehen sich aus dem Weg, bevor es zur Auseinandersetzung kommt. Die Einzel-Haltung macht die Aufzucht sehr teuer.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von Seiten der Politik für Ihre Arbeit?

Franke: Ich denke, für private Investoren wäre eine Förderung wenig attraktiv, da kommerzielle Erfolge sich frühestens nach etwa 15 Jahren einstellen würden. Eine Förderung, die den Bestand der bedrohten Hummer-Population in der Deutschen Bucht dauerhaft sichern könnte, kann wohl nur von der öffentlichen Hand oder potenten Naturschutzstiftungen kommen. Aus eigener Kraft hat sich diese Population über Jahrzehnte hin nicht erholen können, und zwar weil es einfach zu wenige Tiere gibt. Wir stehen mit der Politik auf Landes- und Bundesebene in Kontakt. Vielleicht können wir bald schon ein neues Aufzuchtprojekt auch für Helgoland starten. Ziel ist eine Population, die sich wieder aus eigener Kraft auf hohem Niveau erhalten und auch wieder ertragreich befischt werden kann.

Wäre es nicht auch ein wichtiger Schritt, den Hummerfang erst einmal komplett zu verbieten?

Franke: Nein, ich denke, das hätte kaum Auswirkungen auf den Bestand. Ich bin mir auch sicher, dass der dramatische Rückgang nicht Folge einer Überfischung war. Es gibt heute außerdem sehr strenge Regeln, was den Hummerfang betrifft. Zum Beispiel sind eiertragende Weibchen grundsätzlich geschützt, es gibt eine Mindestfanggröße für die Tiere und schließlich auch ein Fangverbot während der Fortpflanzungszeit im Sommer. Es liegt nicht in unserem Interesse, dass das Know-how der traditionellen Helgoländer Hummerfischerei verloren geht, denn ein Aufstockungsprogramm wird nur in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Fischern erfolgreich sein.

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