Artensterben: Auf Kuschelkurs mit dem Löwenrudel

Artensterben: Auf Kuschelkurs mit dem Löwenrudel

von Thiemo Bräutigam

Die Populationen frei lebender Löwenrudel sinken seit Jahren rapide. Der Zoologe Kevin Richardson kämpft dagegen - indem er mit den Raubkatzen kuschelt.

Er wird 'lion whisperer' genannt, der Löwenflüsterer. Ein Mann, der sich zwar nicht in die sprichwörtliche Höhle, doch wohl in die Pranken des Löwen begibt. Kevin Richardson ist Zoologe, Tierschützer und Inhaber des Kingdom-of-the-White-Lion-Parks in der südafrikanischen Gauteng-Provinz. Sich selbst bezeichnet er außerdem als anerkanntes Mitglied einer Gruppe von Hyänen und eines Löwenrudels. Was vollkommen verrückt, sogar lebensmüde klingt, ist in Wahrheit das Resultat von jahrelanger, autodidaktischer Verhaltensforschung.

Es ist purer Nervenkitzel, wenn Richardson, mit einer GoPro-Kamera ausgerüstet, in seinem Jeep in die südafrikanische Savanne hinausfährt. Er hält an - für den Zuschauer scheinbar grundlos - irgendwo im Nirgendwo. Seinem Team gibt er noch den Rat, das Auto nicht zu verlassen, während er selbst die Tür öffnet und aus dem Wagen steigt. Nach wenigen Metern tauchen aus dem Unterholz Löwen auf. Die geduckte, pirschende Haltung der Tiere lässt nichts Gutes erahnen - innerlich schließt der Zuschauer bereits mit dem Mann ab.

Anzeige

Doch dann passiert etwas, dass unwirklich, atemberaubend und auf eine ursprüngliche Art und Weise schön ist: Die Löwen begrüßen den Zoologen wie einen Verwandten. Ein schmerzlich vermisstes Familienmitglied, dass jetzt endlich wieder zu Hause ist. So wirkt es tatsächlich wie eine herzliche Umarmung, als ein imposantes, gut 180 Kilogramm schweres Männchen sich auf die Hinterbeine stellt und Richardson in der Mähne des Tieres verschwindet. Kevin Richardson ist Teil der Familie. Er kuschelt, krault und streichelt die Raubtiere, als seien sie kleine, harmlose Kätzchen.

"Natürlich realisiert man die Gefahren, wenn man mit Tieren dieses Kalibers arbeitet; ich habe die Vorteile und die Nachteile abgewogen, und die Vorteile überwiegen die Nachteile bei weitem", sagt Richardson angesichts der Risiken seiner Arbeit. Ihm ist es wichtig zu zeigen, dass diese Tiere liebevolle und häufig missverstandene Großkatzen sind. Die Löwenpopulation Afrikas steht unter erheblichem Druck. Großwildjagd, Verstädterung und nicht ausreichende Schutzmaßnahmen ließen die Zahl der Löwen rapide sinken.

Kevin Richardson hofft, die Öffentlichkeit durch seine faszinierende Arbeit aufzurütteln. Heute gibt es nach Schätzungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) höchstens noch 30.000 frei lebende Löwen. In nur zwanzig Jahren seien die Populationen um bis zu 50 Prozent geschrumpft. Löwen gelten als gefährdete, in einigen Ländern Afrikas sogar als vom Aussterben bedrohte Tierart. Wer sieht, wie Richardson die Großkatzen zum Schnurren bringt, versteht, weshalb ihm der Schutz dieser Tiere so am Herzen liegt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%