Baustoffe: Die unerwartete Rohstoffschwemme

Baustoffe: Die unerwartete Rohstoffschwemme

von Stefan Bringezu

Eine neue Materialquelle dürfte die Nachfrage nach Metallen wie Stahl langfristig senken: Recycelte Rohstoffe aus abgenutzten Gebäuden und Maschinen.

Wenn es um Rohstoffe geht, werden Investoren zurückhaltend. Das überrascht nicht, seit die Preise, besonders für Rohöl, auf ein historisches Tief gefallen sind. Doch seit 2011 sind auch viele andere international gehandelte Metalle deutlich billiger geworden.

Zwar liegt das Niveau immer noch über dem der Jahrhundertwende, aber die Hausse auf dem Rohstoffmarkt ist vorbei. Erklärt wird das häufig mit dem „Superzyklus“, wonach die zunächst steigenden Preise zu erhöhten Investitionen in Exploration und Förderung geführt haben, das steigende Angebot nun aber zeitverzögert auf die Preise drückt.

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Recycling beeinflusst RohstoffpreiseDoch es gibt einen weiteren Faktor, der die Preisentwicklung bei den mineralischen Rohstoffen, insbesondere den Metallen, langfristig entscheidend beeinflussen dürfte: eine deutliche Zunahme von rezyklierbarem Material.

Mit „Rohstoffen“ sind meist Primärrohstoffe gemeint, die durch Bergbau, Land- und Forstwirtschaft der natürlichen Umwelt entnommen werden. Doch es gibt auch „Sekundärrohstoffe“ -  diese werden durch Recycling gewonnen. Bislang dominierten die Primärrohstoffe, doch das wird nicht so bleiben.

Der Grund liegt in der Dynamik des „anthropogenen Lagers“, also dem Bestand an langlebigen Gütern wie Gebäuden, Infrastrukturen, Maschinen und den Materialien, die sie enthalten. Dieses Materiallager wächst in den meisten Ländern der Welt. So nimmt es in Deutschland jährlich um etwa zehn Tonnen pro Person zu.

 In Ostdeutschland bleiben leere Gebäude zurückIn dieser Wachstumsphase könnte selbst eine Recyclingrate von 100 Prozent den Bedarf an Materialien für die Produktion jener langlebigen Güter nicht decken, da mehr Abfall entsteht, als wiederverwertet wird. Doch dieses physische Wachstum – das nicht mit dem ökonomischen Wachstum verwechselt werden darf – wird früher oder später zurückgehen. Dann wird es ein dynamisches Gleichgewicht von Zubau und Rückbau ablösen. Dabei wird es regionale Unterschiede von Wachstumszentren insbesondere in urbanen Regionen und Schrumpfungszonen vorwiegend in ländlichen Räumen geben.

In Deutschland gibt es solche Schrumpfungszonen des Gebäude- und Infrastrukturbestandes schon, etwa in den neuen Bundesländern, wo Plattenbausiedlungen im Zuge von Renovierungen und Umgestaltungen gezielt zurückgebaut wurden.

In den ländlichen Regionen, aus denen die Bevölkerung abwandert, bleiben leere Gebäude zurück. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Wohnraum in den Ballungszentren. Erste Berechnungen haben ergeben, dass in den neuen Bundesländern der Abgang von recyclingrelevanten Materialien (Beton und Ziegel) den Zugang bereits vor 2020 übersteigen dürfte, und dass für Deutschland insgesamt ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Zu- und Abgang noch vor 2050 zu erwarten ist. Das heißt zum einen, dass die Verfügbarkeit von Sekundärrohstoffen deutlich steigen wird. Zum anderen geht es beim Baubestand immer mehr um Austausch und Renovation und weniger um Zubau.

China verbraucht mehr als die Hälfteder weltweiten Zement-ProduktionEs gibt viele Gründe, weshalb das "physische Bestandswachstum" zurückgeht. Betrachtet man die Entwicklung der Wohnfläche oder die Straßenlänge pro Person in den Ländern Westeuropas, so ist diese am oberen Ende einer Sättigungskurve angekommen, wenngleich auf jeweils unterschiedlichem Niveau.

Das bedeutet, dass es zwar noch Zuwächse geben wird, diese sind aber deutlich kleiner als in der Vergangenheit, und sie sind deutlich geringer als in Ländern, die ihre Infrastruktursysteme noch aufbauen. China verbraucht aktuell mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion von Zement und Baustahl, um Satellitenstädte für die Millionen von Menschen hochzuziehen, die vom Land in die regionalen Metropolen ziehen. Die Nutzungsdauer der neu errichteten Gebäude ist dabei teilweise recht kurz, weil neuere, höhere und komfortablere Häuser jene aus der jüngeren Vergangenheit ersetzen.

Die künftige Entwicklung des Baubestandes, die damit verbundenen Stoffströme sowie die aus dem Abbruch resultierenden Abfallmengen, die je nach Material rezykliert werden können, lassen sich durch Modellrechnungen abschätzen. Diese zeigen, dass es insbesondere die Entwicklungen in Chinas Bausektor wahrscheinlich machen, dass die Häuser des aktuellen Baubooms circa um das Jahr 2025 abgenutzt sein werden.

Statt Peakoil, Peak EisenerzDurch ihren Rückbau werden enorme Menge an Stahlschrott frei, der die Nachfrage nach Primärstahl weltweit reduzieren dürfte. Man könnte in Analogie zu „Peakoil“ – womit der Höhepunkt der weltweiten Ölproduktion gemeint ist – auch vom „Peak Eisenerz“ sprechen.

Dieser Peak wird aber nicht deshalb erreicht, weil das Eisenerz zu Ende geht, sondern weil das energetisch und kostenmäßig günstigere Recyclingmaterial in größerem Maße als heute zur Verfügung stehen wird. Für die Umwelt wird dies – zumindest relativ betrachtet – eine Entlastung bedeuten, da jede Tonne Recyclingstahl, die eisenerzbasierten Hochofenstahl ersetzt, im Schnitt zum einen 1,5 Tonnen CO2 Emissionen und zum anderen 6,5 Tonnen TMR (TMR: Total Material Requirement -der globale Materialaufwand) Primärmaterialextraktion spart, die nicht mehr der Erde entnommen werden müssen.

Freilich wird nach den Modellrechnungen der Gesamtbedarf an Stahl bis ans Ende des Jahrhunderts weiter steigen. Doch ab circa 2050 wird die Versorgung über Recycling mehr als 50 Prozent ausmachen. Der Bedarf an Eisenerz und an Hochofenkapazität wird nach den vorliegenden Berechnungen bereits ab 2025 abnehmen. Da Hochöfen eine Laufzeit von mindestens zehn Jahren haben, wird es höchste Zeit, solche langfristigen Trends bei anstehenden Investitionsplanungen ins Kalkül zu ziehen.

Ähnliche Entwicklungen sind auch bei anderen Massenmetallen zu erwarten, die zu erheblichen Teilen in Gebäuden und Infrastrukturen eingesetzt werden. Der Höhepunkt der Primärproduktion bei Kupfer wird 2030 bis 2035, der für Aluminium bei verschiedenen Szenarien zwischen 2040 und 2070 erwartet.

Das bedeutet, dass Investoren künftig nicht nur auf konjunkturelle Schwankungen bei Rohstoffen gefasst sein sollten, sondern dass die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärrohstoffen immer wichtiger wird. Um verlässliche Aussagen über die künftige Verfügbarkeit von Rohstoffen treffen zu können, müssen sie wissen, wie sich der Bestand  langlebiger Güter entwickelt.

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Stefan Bringezu leitet die Forschungsgruppe Stoffströme und Ressourcenmanagement am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Seit 2011 ist er außerdem Professor für Nachhaltiges Ressourcenmanagement beim Center for Environmental Systems Research (CESR) an der Universität Kassel. Stefan Bringezu beschreibt in einer Artikelserie bei WiWo Green, welche Herausforderung im Bereich der Rohstoffversorgung auf uns warten und wie wir sie meistern können. 

Bisher ist von Stefan Bringezu auf WiWo Green erschienen:

1. Bei Rohstoffen beginnt die Ära der Hochrisiko-Förderung

2. Warum wir von Biosprit und Biodiesel die Finger lassen sollten

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