Bepflanzte Dächer statt Insektizide: Das eigene Wildblumen-Beet rettet Bienen

Bepflanzte Dächer statt Insektizide: Das eigene Wildblumen-Beet rettet Bienen

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Wegen fehlender Wildblumen fliegen immer mehr Bienen zur Nahrungssuche in die Städte.

von Peter Vollmer

Zwei neue Studie zeigen, dass führende Insektizide die Fruchtbarkeit von Bienen einschränken. Ausgerechnet in Städten könnten nun Refugien entstehen.

Schwindel, Orientierungslosigkeit und Anfälligkeit für Krankheiten – die Effekte mancher Pflanzenschutzmittel auf Bienen sind bedenklich. Deshalb hat die EU bereits 2013 beschlossen, die Ausbringung sogenannter Neonictotinoide einzuschränken.

Nun zeigen neue Studien, wie nötig dieser Schritt ist: Zum einen ein Beitrag aus dem Journal "Proceedings of the Royal Society B" mit dem Namen "Neonicotinoid insecticides can serve as inadvertent insect contraceptives", zu deutsch: Neonicotinoide Insektizide können für Insekten als unbeabsichtigte Verhütungsmittel dienen.

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"Neonicotinoide" sind eine Gruppe von Insektengiften, die auf die Nervenzellen von Insekten wirken. Und die Forscher der Uni Bern haben festgestellt, dass sich darüber hinaus auch die Spermamenge der männlichen Bienen um 39 Prozent reduziert, wenn diese den entsprechenden Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt sind. Zudem sank ihre Lebenserwartung. Schon 2012 hatten Forscher festgestellt, dass die Fruchtbarkeit der Königinnen der Honigbienen durch Neonicotinoide sinkt. Der entsprechende Report erschien im Fachmagazin Science. Auch das Magazin Nature veröffentlichte im vergangenen Jahr ähnliche Ergebnisse.

Bienensterben: Insektizide, Milben und Viren im Verdacht

Das Bienensterben ist seit Jahren ein großes Problem. Nachdem deutsche Imker im Winter 2002 Alarm geschlagen hatten zeigte ein Monitoringprogramm, dass die Bienenbestände jährlich zurückgingen. Und das ist auch für Landwirte gefährlich: Die Bienen bestäuben je nach Schätzung bis zu einem Drittel der deutschen Ernte.

Bislang gibt es kaum Anzeichen für eine Erholung – auch wenn es regional immer wieder Unterschiede gibt. Hierzulande gelten aber nicht die Pestizide als Hauptschuldiger, sondern die Varro- oder Varroa-Milben. Diese werden den Bienen in Kombination mit einem Virus gefährlich. Ob sie den Bienen aber nur so zusetzen können, weil diese durch Pestizide geschwächt sind, ist nicht geklärt.

Und als wäre das noch nicht genug, gehen den Bienen in vielen Regionen auch noch die Wildblumen aus. Laut MDR finden sich in diesem Sommer in ostdeutschen Großstädten zahlreiche tote Bienen, die wegen zu vieler Monokulturen auf den Feldern und zu weniger Wildblumen in die Städte geflogen und dort gestorben sind.

Auch Wildblumen-Pflanzungen schützen nicht vor Pestiziden

Die Landidylle bröckelt für die Bienenvölker. Wohlmeinende Umweltschützer im US-Staat South Dakota haben deshalb schon vor Jahren solche Pflanzen auf Feldern ausgesät, um den Bienen Nahrung zu bieten – und schädigten sie versehentlich noch mehr: Wissenschaftler beobachteten das Experiment über zwei Jahre und stellten zunehmende Verkrüppelungen unter den Bienen fest. Sogar auf Feldern von Bio-Bauern.

Pflanzen-Projekt London geht auf Bienenjagd

Während halb Deutschland Pokemon sucht, wollen britische Forscher in London eine Bienenjagd starten - es gibt sogar Amazon-Gutscheine zu gewinnen.

Bienenjagd mit der Kamera: Londoner Forscher wollen ihre Mitbürger zum bienenfreundlichen Gärtnern verlocken. (Foto: Joseph Woodgate / QMUL)

Denn die Pestizide, die die Landwirte auf Nachbarfeldern ausbrachten, wehten oder wanderten herüber. Die Menge reichte aus, um die Bienen zu schädigen. Gefunden haben die Forscher vor allem Clothianidin, ebenfalls ein Neonicotinoid, wie die Lokalzeitung Magic Valley berichtet.

Bienen, auf in die Städte!

Wenn die Bienen auf dem Land nicht mehr überleben können, müssen sie also in die Städte kommen? Vielerorts eine gar nicht so abwegige Idee: Wissenschaftler der Queen Mary University of London haben sogar einen Bienen -Wettbewerb gestartet: Die Londoner sollen möglichst bienenfreundliche Pflanzen auf ihre Balkone oder Fensterbretter stellen, die durchnummerierten Bienen fotografieren und so an einem Gewinnspiel teilnehmen:

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In Berlin fanden Bienen auf einem Fahrrad kurzzeitig ihre neue Heimat. Die Tiere wurden später von einem Imker wieder eingesammelt.

Die Stadt Zürich geht einen etwas anderen weg und hat ein Programm zur Dachbegrünung ins Leben gerufen, das insgesamt die Artenvielfalt auf den Dächern beleben soll. Tipps, gute Beispiele und alle rechtlichen Rahmenbedingungen hat sie auf einer übersichtlichen Seite gesammelt.

Neben dem Pflanzen von Wildblumen gibt es auch technische Möglichkeit, den Tieren zu helfen: Eine Bienensauna hilft ihnen dabei, vor den wärmeempfindlichen Varroa-Milben verschont zu bleiben. Für Stadt-Imker gibt es sogar eine spezielle Bienenbox, die den Traum vom eigenen Bienenstamm einfach möglich machen soll. Weitere Tipps zum bienenfreundlichen Gärtnern bietet auch der BUND an.

Big-Data-Forschung Das eigene Bienenvolk per Smartphone überwachen

Um dem Bienensterben auf die Schliche zu kommen, ermöglicht ein Start-up Patenschaften für ganze Völker - Smartphoneüberwachung inklusive.

Der intelligente Bienenstock. (Foto: Beeograph)

Bauern und Städter können also erstmals gemeinsam etwas gegen das Bienensterben unternehmen. Auf die Politik können sie dabei aber wohl nicht zählen: Während Frankreich laut SZ ein Verbot der Neonicotinoide ab 2017 prüft und sich auch für ein EU-weites Verbot einsetzen will, plant Agrarminister Christian Schmidt (CSU), das von ihm selbst erst im vergangenen Sommer erlassene Verbot dieser Stoffe wieder aufzuweichen.

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