Berlin wird Vorbild für Metropolen der Zukunft

Living: Berlin wird Vorbild für Metropolen der Zukunft

von Dieter Dürand

Architekten entwickeln die klimaneutrale Stadt - und wählen dafür einen radikal neuen Ansatz.

Anzug, rote Fliege, graues Haar, Dreitagebart - wie ein Revolutionär sieht er nicht aus. Und doch schlüpft Reinhard Müller gerade genau in diese Rolle. Der Architekt will beweisen, dass Berlin mehr kann, als die Eröffnung eines Großflughafens zu vermasseln. Berlin, so glaubt er, könne der Welt zeigen, wie Städte sparsamer, sauberer und grüner werden können. Und er will dabei noch die holprig gestartete Energiewende voranbringen. "Praktikabel und bezahlbar", wie er sagt.

Dafür baut er im Bezirk Schöneberg einen neuen Stadtteil, der europaweit seinesgleichen sucht. 600 Millionen Euro Investorengelder hat er für den großen Plan eingesammelt. Die wird er auch brauchen: Auf 55 000 Quadratmeter Fläche - einem Gebiet so groß wie acht Fußballfelder - sollen Menschen wohnen, Wissenschaftler forschen und Unternehmen ihr Geschäft aufbauen. Euref-Campus heißt das Projekt. Stadtplaner sollen hier erkunden, wie Städte Technologie, Architektur und Infrastruktur miteinander verknüpfen müssen, um wirklich nachhaltig zu werden.

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Ohne ein Gegenrezept, da sind sich die Experten einig, drohen die Wiegen der Zivilisation zum Zerstörer des Planeten zu werden. Der Frankfurter Stararchitekt Albert Speer, der in Kairo und Shanghai Ökoquartiere baut, formuliert es drastisch: "Die Welt hat nur Bestand, wenn die Städte weitgehend autark und nachhaltig werden." Sein Büro hat ausgerechnet, dass sie ihren Ressourcenbedarf halbieren könnten und die Lebensqualität dabei laut Speer, sogar "deutlich steigen würde".

Das aber lässt sich nur mit radikal neuem Denken und dem Bruch mit Traditionen erreichen. Lange haben sich die Baumeister darauf konzentriert, die einzelnen Gebäude sparsamer zu machen. Sie haben Fassaden gedämmt, Solarpaneele auf die Dächer geschraubt und Regenwasser für die Toilettenspülung aufgefangen. Das nannten sie dann grüne Architektur.

Doch jetzt wird vielen klar: Um wirklich etwas zu bewegen, müssen Architekten viel größer denken. Sie müssen die Häuser als Teil eines Gesamtsystems aus übergeordneter Stadtplanung, neuesten Technologien, vernetzter Kommunikation und integriertem Verkehr begreifen. Für Manfred Hegger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), ist das der Schlüssel, um mit dem ökologischen Stadtumbau voranzukommen. Die isolierte energetische Optimierung einzelner Gebäude verstellt seiner Meinung nach allzu oft den Blick auf bessere Lösungen. Für wirkungsvoller hält es der Architekt, ganze Quartiere auf Energie- und Ressourceneffizienz zu trimmen. "Das bringt weit bessere Ergebnisse", sagt Hegger.

Das zeigen auch die Entwürfe, die weltweit renommierte Architekten exklusiv für die WirtschaftsWoche Green Economy angefertigt haben (Bildergalerie!). Der Dresdner Gunter Henn, das Berliner Duo Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch sowie der Stuttgarter Werner Sobek haben eine Fabrik, ein Bürogebäude und ein Wohnhaus entwickelt, die sich nicht nur optisch ihrem Umfeld öffnen.

Ihre Gebäude verstehen sich geradezu als zentrale Elemente einer neuen nachhaltigen und aufregenden Stadtkultur. Sie bieten Raum für soziale Kontakte und Wissensaustausch, sind Zentren der Innovation und versorgen teilweise auch ihre mitunter weniger sparsamen - Nachbargebäude mit Energie.

Die Nachfrage der Haushalte passt sich dem Energieangebot anStadtplaner Müller würde all das sofort unterschreiben. Doch das genügt ihm nicht. Auf dem Euref-Campus will der Architekt als Erster demonstrieren, wie die vielen Mosaiksteine zusammenpassen. Dafür nutzt er Techniken, über die anderswo bisher nur geredet wird: ein intelligentes Stromnetz etwa, das exakt erfasst, wie viel Strom die Bewohner gerade verbrauchen und zugleich die Nachfrage der Haushalte an das Energieangebot anpasst.

Dieses System speist sich aus den unterschiedlichsten Quellen. Zwei Fußminuten vom Gasometer entfernt, im Keller des bereits fertiggestellten "Science Centers", brummen zwei Blockheizkraftwerke. Sie verbrennen Biogas und versorgen das Energienetz des Quartiers kontinuierlich mit Wärme und Elektrizität. Auch Solarflächen und sechs vertikal rotierende Kleinwindräder auf den Dächern liefern einen Beitrag. Damit erzeugt der Euref-Campus schon jetzt an manchen Stunden mehr Energie, als seine Bewohner verbrauchen.

Doch das wird nicht reichen, um die 5000 Menschen, die 2018 in den 20 Gebäude leben und arbeiten sollen, mit Energie zu versorgen. Daher hat Müller sein komplexes Energiesystem um einen weiteren Baustein erweitert. In zwei Jahren soll eine Sonde in 1700 Meter Tiefe 55 Grad warmes Wasser anzapfen und damit die Gebäude heizen. Mittels Kraft-Wärme-Kopplung lässt sich mithilfe des temperierten Wassers auch Strom produzieren.

Müllers fein aufeinander abgestimmtes Energiesystem ist weltweit einmalig. Es zeigt, wie sehr Stadtplaner und Architekten künftig in Netzwerken denken müssen. Netzwerke aus Stromproduzenten, Verbrauchern und Energiespeichern.

Um für Zeiten vorzusorgen, in denen die Sonne nicht scheint, will der Energieversorger Vattenfall auf dem Euref-Campus eine ehemalige Teergrube zu einem riesigen, gut isolierten Wärmespeicher umfunktionieren. Produzieren Sonne und Wind mehr Strom als benötigt, heizt darin eine Art überdimensionaler Tauchsieder Wasser auf. Die Wärme kann zum Heizen genutzt oder in Strom verwandelt werden.

Eine weitere Säule von Müllers Energiekonzept ist Europas größte Elektrotankstelle mit 30 Ladesäulen, versorgt ausschließlich mit grünem Strom. Vor allem Flinkster, die Carsharing-Tochter der Deutschen Bahn, füllt hier die Batterien ihrer Elektroautoflotte auf.

Eine geniale Idee - wenn sie ihren ersten Praxistest besteht. Würden solche Schläuche in nur zehn Prozent der 1,7 Millionen Hektar Äcker verlegt, könnte das System nach Berechnung seiner Erfinder alle deutschen Wohnungen beheizen - und zudem noch genügend warmes Wasser für ihre Bewohner liefern.

Energie kommt vom AckerDenn im Idealfall werden die Äcker seiner Stadt dank der Agrothermie doppelt genutzt: Oben sprießt das Getreide, darunter läuft die Wärmeproduktion. Klar ist allerdings auch, dass Klimaneutralität und neue urbane Lebensqualität nicht allein mit Technologie zu erreichen sind. Mit dem Massenerfolg des Autos und der industriellen Massenproduktion sind die Metropolen in Gewerbegebiete, Einkaufsmeilen und Wohnviertel zerfasert. Die Folge: mehr Verkehr, mehr Lärm und mehr Schadstoffe.

Das neue Ideal ist die Stadt der kurzen Wege. Alles, was ihre Bewohner zum Leben und Wohlfühlen brauchen, erreichen sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad: Behörden, Freizeiteinrichtungen, Kulturangebote, Läden, Kneipen - und am besten auch ihren Arbeitsplatz. Ein Beispiel für eine solche Stadt der Zukunft ist das Europaviertel West in Frankfurt am Main. Es basiert auf Plänen des Architekten Speer und wächst zwischen Hauptbahnhof und Messe auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs heran. 3000 Menschen sollen hier bis 2015 einziehen, zugleich entstehen 10 000 Jobs. Es ist eine erste Blaupause für die Zukunft.

 

Erstmals erschienen in WirtschaftsWoche NR. 39 vom 24.09.2012

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