Bienensterben: Bayer verspricht neues „bienenfreundliches“ Pestizid

Bienensterben: Bayer verspricht neues „bienenfreundliches“ Pestizid

von Thiemo Bräutigam

Ein neues Mittel zur Schädlingsbekämpfung aus dem Hause Bayer soll Honigbienen schonen. Kritiker sind skeptisch.

In englischsprachigen Medien und der Blogosphäre kursiert ein neues Schlagwort zum Thema Bienensterben: Flupyradifurone. In Anlehnung an das wohl weltläufigste aller Schimpfwörter, bezeichnete David Suzuki, Umweltaktivist und Gründer der nach ihm benannten Naturschutzstiftung, dieses neuartige Pestizid aus dem Hause Bayer als das neue „F-Wort“.

Bayer hingegen vermarktet das Produkt unter dem Namen Sivanto, was freundlicher klingt als die sperrige Bezeichnung „Flupyradifurone“. „Gezielt gegen saugende Insekten“ lautet der dazugehörige Slogan. Der Chemiekonzern aus Leverkusen feiert das neue Pestizid als Durchbruch: „Das neue Mittel hat alle Erwartungen übertroffen – nicht zuletzt, was die Umwelteigenschaften betrifft“, schwärmt Klaus Kunz, der das Projekt bei Bayer CropScience leitete.

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Und weiter heißt es in der Werbe-Broschüre: „Es ist gut abbaubar und bei richtiger Anwendung ungefährlich für Menschen und die meisten Nützlinge.“ Eine Gefahr besteht laut Bayer also nur bei menschlichem Versagen. Das ist keine neue Lesart. Die Naturschutzorganisation Friends of the Earth nennt dieses Vorgehen in ihrem Bericht Follow the Honey – 7 ways pesticide companies are spinning the bee crisis to protect profits eine klassische „Schuldzuweisung“.

Unter Punkt 5 heißt es dort: „Landwirte und Imker, die sich nicht auf eine Partnerschaft mit den Unternehmen einlassen und stattdessen den Einsatz von Pestiziden rügen, werden diffamiert. Imkern wird beispielsweise falsche Haltung vorgeworfen. Landwirten der unsachgemäße Einsatz der Pestizide.“ Ist etwas dran an dem Vorwurf?

Bayer klagt gegen die EUBayer antwortete bei einer früheren Anfrage von WiWo Green zu den Vorwürfen: „Die Veröffentlichung von Friends of the Earth leistet keinerlei sinnvollen Beitrag zu dem Dialog über die Gesundheit von Bienen und rückt unsere Anstrengungen um Sensibilisierung für dieses wichtige Thema und wirkliche Lösungen zur Verbesserung der Bienengesundheit in ein falsches Licht.“

Genau solch eine Lösung zur Verbesserung der Bienengesundheit soll nun Sivanto werden. Es ist explizit als Alternative zu Imidacloprid (ebenfalls ein Bayer-Produkt) entwickelt worden, ein Pestizid aus der Klasse der Neonicotinoide, das derzeit einer strikten Regulierung durch die EU unterliegt. Solange das Ergebnis einer Klage gegen die EU-Entscheidung noch aussteht, schafft sich Bayer also eine weitere Marktoption.

Aber ist der neue Wirkstoff tatsächlich so harmlos? Im technischen Datenblatt von Sivanto heißt es: „Verglichen mit anderen Insektiziden, stellt sich Sivanto mit einem vielversprechenden Sicherheitsprofil dar.“ So weit so gut. Also zählt Sivanto wohl nicht zu den umstrittenen Neonicotinoiden, die häufig mit dem Bienensterben in Verbindung gebracht werden?

Ja und nein – denn ab hier stellt sich die Sache als kompliziert heraus. Bayer spricht nicht von der Stoffgruppe der Neonicotinoide, sondern von den sogenannten Butenoliden. Eine eigene, neue Stoffgruppe, die nichts mit Neonicotinoiden zu tun haben soll.

Nur gibt es bei der Wirkungsweise anscheinend keinerlei Unterschiede zwischen den Stoffgruppen. Genau wie bei den Neonicotinoiden dockt die Substanz an den Nikotinrezeptoren (genauer den nikotinischen Acetylcholinrezeptoren) des Insekts an, führt dort zu einer Fehlfunktion des Nervensystems und schließlich zum Tod.

Sivanto ist ein Wolf im SchafspelzEs ist eben dieser Widerspruch, auf den es Umweltschützer wie David Suzuki abgesehen haben, wenn sie das neue als „bienenfreundlich“ beworbene Bayer-Pestizid kritisieren.

In einem Kommentar an die amerikanische Umweltbehörde EPA, die derzeit an der Freigabe für das neue Pestizid arbeitet, kritisiert auch Michele Colopy, Programmdirektorin der Bienenschutzorganisation Pollinator Stewardship Council, das Vorhaben scharf: „Die Forschungsergebnisse weisen vielleicht auf keine akute toxische Wirkung bei der ersten Anwendung hin, aber Zweit- und Drittanwendung zeigen eindeutige Effekte auf die Bienensterblichkeit, das Verhalten, die Brutentwicklung sowie Pollen und Nektar.“

Auch bei der kanadischen Gesundheitsbehörde, die mit der Zulassung des Produkts beschäftigt ist, gibt es zumindest indirekt Grund zur Sorge. Die Behörde kommt zu dem Ergebnis, dass das Pestizid „bei richtiger Anwendung von Wert ist und kein unzumutbares Risiko für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt darstellt.“ Ein Risiko besteht also, aber es ist eben „zumutbar“.

Und noch ein anderer Teil aus der Stellungnahme der Behörde hat die Kritiker auf den Plan gerufen. „Insgesamt stellen sich Flupyradifurone und seine Abbauprodukte als vernachlässigbares Risiko für Bodenorganismen, Pflanzen, Algen, Fische und Amphibien dar. Allerdings könnte Flupyradifurone bei der Blatt- und Bodenbehandlung einige aquatisch-lebende wirbellose Tiere beeinträchtigen. Die Blattbehandlung mit Flupyradifurone könnte außerdem nützliche Gliederfüßer und Bienen schädigen.“

Dieses Risiko ist keinesfalls neu. Bei der Sichtung und Auswertung von mehr als 800 Studien stellte zuletzt die Weltnaturschutzunion (IUCN) fest, dass nicht nur nützliche Bestäuber wie Bienen von den negativen Auswirkungen von Pestiziden betroffen sind, sondern durch subletale Effekte (fehlende Futterquellen) auch kleine Säugetiere, Wirbeltiere, Amphibien und Vögel. Auch wenn Bayer also beteuert, dass neue Produkt sei weniger schädlich, bleiben die Zweifel groß.

Zuletzt hatte eine Studie der EPA einigen Pesitziden sogar den wirtschaftlichen Nutzen abgesprochen. Die Gewinnsteigerungen beim Einsatz von Pestiziden seien marginal und alternative Behandlungsmethoden überdies konkurrenzfähig. Wissenschaftler und Umweltinitiativen auf der ganzen Welt arbeiten derzeit fieberhaft an Alternativen zu den herkömmlichen Pestiziden.

Der Einsatz von Pestiziden ist also vielleicht bald gar nicht nötig – aber er ist lukrativ. Allein das Geschäft mit den Neonicotinoiden ist mehrere Milliarden pro Jahr wert. Was auf der Verpackung steht, dass ist dabei möglicherweise zweitrangig.

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Eine Übersicht alternativer Behandlungsmethoden im Pflanzenschutz stellen wir Ihnen nächste Woche vor. Erster Lesetipp: Käfer gegen Obstmaden.

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