Biomöbel: Nach der Ernährung folgt jetzt der Ökoboom im trauten Heim

Biomöbel: Nach der Ernährung folgt jetzt der Ökoboom im trauten Heim

von Peter Vollmer

Schon etwa fünf Prozent der verkauften Tische, Stühle und Betten in Deutschland sind Biomöbel. Was bringt der Öko-Trend?

Jeder Deutsche liegt im Schnitt sieben Stunden täglich im Bett und sitzt weitere sieben Stunden auf anderen Möbelstücken. Einrichtung umgibt uns im Büro, bei Freunden und zuhause sowieso. Eigentlich überraschend, dass der Bio-Trend ausgerechnet die Möbelindustrie erst jetzt erreicht.

Denn bei Möbeln geht es nicht nur um Geschmack, Tier- und Landschaftsschutz wie beim Essen, sondern herkömmliche Billigmöbel können tatsächlich gesundheitsschädlich sein.

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Bereits in den 80er-Jahren kam es zum Billy-Skandal. Käufer des beliebten Regals klagten über Schleimhautreizungen. Aus den Pressholzplatten trat das Gas Formaldehyd aus, Teil eines verarbeiteten Harzes im Leim.

Zuvor hatten Tester bereits hohe Konzentrationen an Holzschutzmitteln in Bauholz gefunden, welches auch für den Möbelbau genutzt worden war. Die Symptome der Betroffenen reichten von Kopfschmerzen über Atembeschwerden bis hin zu Haarausfall. Die Regierung erließ schließlich ein Emissionsgesetz, das bis heute gültig und bis heute umstritten ist.

Nur Rohstoffe auf natürlicher BasisIn der Öko-Bewegung begannen damals die Ersten, sich für biologische Möbel zu interessieren. Ihnen waren die gesetzlichen Grenzwerte nicht hoch genug. Beispiel Formaldehyd: Der Stoff reizt nicht nur die Atemwege, sondern steht auch im Verdacht, in hohen Dosen krebserregend zu sein.

In Deutschland sind Möbel-Hölzer deshalb nur in der Emissionskategorie 1 (E1) zugelassen, dürfen einen Wert von 0,1 ppm nicht überschreiten. Ppm steht in diesem Fall für „parts per million“, also Molekülteile in der Luft (mehr Informationen zu Formaldehyd gibt das Grüne Kreuz).

Das Holz für Biomöbel wird schonender behandelt: Nur Lasuren, Naturharzöle und Wachse auf natürlicher Basis dürfen zum Einsatz kommen, Kleber nur äußerst sparsam oder gar nicht. Gerade Allergiker können so vielen, wenn auch nicht allen Risiken aus dem Weg gehen.

Über klobige und nur zweckmäßige Möbel müssen sich Käufer dabei längst nicht mehr ärgern, denn die Zielgruppe ist vielfältiger und anspruchsvoller geworden. Und sie wächst, erklärt Otto Bauer vom Möbelhändlerverband ÖkoControl: „Realistisch gesehen ist der Bio-Trend bei uns erst in den letzten zwei Jahren angekommen.“

Gesünder, aber teurerSeriöse Zahlen über die Branche gibt es deshalb nur wenige. Bauer schätzt, dass der Biomöbelmarkt etwa fünf Prozent des Gesamtmarktes für Massivholzmobiliar ausmacht. Immerhin ist das heute schon ein Millionengeschäft.

Vor fünf Jahren waren es noch vier Prozent und Bauer rechnet mit einem weiteren Wachstum. Gute Zahlen für eine Branche, die auch bei einem stetigen Kundenzuwachs nicht zwangsläufig hohe Marktanteile gewinnt. „Wer sich ein Bio-Bett kauft, braucht auch zehn Jahre später kein neues“, sagt Bauer.

Außerdem kann sich die höheren Preise für Biomöbel in Zweifel auch nicht jeder Kunde alle fünf Jahre leisten, denn nicht nur die schonende Behandlung des Materials ist teuer: Viele Anbieter nutzen zertifiziertes Holz aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung, das vergleichsweise viel kostet.

Dabei liegt Holz in Deutschland eigentlich auf der Straße: Über eine Million Tonnen Holz-Sperrmüll fallen jährlich an. Der größte Teil wird „energetisch verwertet“, also verbrannt – knapp 15 Kilo pro Kopf. In der Baubranche fällt noch mehr an, das ebenfalls zu großen Teilen verfeuert wird. Denn die Abfälle sind ein sehr günstiger und effizienter Brennstoff, die Sortierung und Weiterverarbeitung hingegen ist teuer.

Doch nun gibt es auch immer mehr Designer und Holzverarbeiter, die Recycling-Möbel anbieten. Allerdings ist es bei altem Holz schwierig festzustellen, wie es behandelt wurde. Formaldehyd etwa kann auch nach 30 Jahren noch aus dem Holz entweichen, wenn Reste des Leimes existieren. Und der Begriff „Bio-Möbel“ ist nicht geschützt – weder bei gebrauchter, noch bei neuer Einrichtung. Hier ist man auf Kennzeichen angewiesen, von denen es allerdings zahlreiche gibt.

Ganz ohne Formaldehyd geht es nichtDas bekannteste Siegel dürfte der Blaue Engel sein. Das Holz von Möbeln, die dieses Symbol tragen, darf nicht aus dem Urwald kommen. Zudem sind eine Reihe potenziell gefährlicher Stoffe ausgeschlossen oder dürfen nur stark eingeschränkt vorhanden sein. Der Formaldehydwert beispielsweise muss weit unter dem staatlich angeordneten Niveau von E1 liegen.

Wobei Reinhard Grell, Holzwirt und Dekan des Fachbereichs Produktion und Wirtschaft der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, vor einem Unterbietungswettbewerb warnt: „Jedes Möbel hat einen eigenen Formaldehyd-Gehalt.“ Dieser Eigengehalt sei bei manchen Siegeln bereits fast erreicht.

Besonders streng ist das hauseigene Siegel des Möbelhändlerverbands „ÖkoControl“, der vor allem auf europäische Hölzer setzt (auf seiner Seite bietet der Verband auch ein praktisches Schadstofflexikon zum Download an). Andere Gütesiegel heißen „Goldenes M“ oder „Natureplus“. Die FSC-Zertifizierung des Forest Stewardship Council garantiert Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, während das Fair-Trade-Logo für gerechte Handelsbedingungen bürgt (eine Übersicht für die gängigsten Siegel finden Sie hier).

Grundsätzlich befürwortet Professor Grell die Siegel, gerade weil der Begriff „Biomöbel“ nicht geschützt sei: „Da haben sich Menschen Gedanken über ihre Produkte gemacht und wollen aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen etwas verändern. Das ist der richtige Weg.“

Mancher Marketing-Aktion der Bio-Einrichter sollten die Kunden aber eher kritisch begegnen, sagt Grell. Dass etwa ein Massivholz-Beistelltisch das Raumklima entscheidend verbessere, solle der Käufer besser nicht glauben.

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