Biosprit: EU will weniger Nahrungsmittel im Tank

Biosprit: EU will weniger Nahrungsmittel im Tank

von Benjamin Reuter

Heute hat der Umweltausschuss des EU-Parlaments entschieden, den Anteil von Nahrung beim Sprit zu begrenzen. 2020 könnte dann endgültig Schluss sein.

Nach Jahren des politischen Stillstands bahnt sich endlich eine Entscheidung an: Heute hat der Umweltausschuss des Europaparlaments in Brüssel beschlossen, den Anteil von Biosprit aus Nahrungsmitteln zu begrenzen. Gesetz ist das damit noch lange nicht - endgültig wird der Europäische Rat wohl erst im kommenden Jahr über eine neue Richtlinie für grüne Treibstoffe entscheiden. Aber dann könnten die EU-Bürokraten einen der größten Fehler in der Erneuerbaren-Energien-Politik der vergangenen Jahre korrigieren.

Darum geht es: Bis 2020, so die Vorgabe aus Brüssel bisher, soll zehn Prozent des Treibstoffbedarfs in der EU durch erneuerbare Quellen gedeckt werden. Die möglichen Treibstoffe könnten von Solarstrom, über den Wasserstoff bis zum Biosprit reichen.

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Was vor Jahren als vermeintlich gute Idee begann, hat sich aber nun zu einer Katastrophe entwickelt. Verantwortlich dafür: der Boom bei Biosprit und hier vor allem bei grünem Diesel.

Denn unzählige Studien (hier zwei aktuelle der Europäischen Umweltagentur und der FAO) haben inzwischen nachgewiesen, dass der Boom von Sprit aus Mais, Raps und Soja im Tank weltweit die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treibt und andere Nahrungspflanzen von den Äckern verdrängt. Das Ergebnis: Das, was im Tank landet, fehlt auf den Tellern - zumeist der ärmsten Menschen in Entwicklungsländern.

In den vergangenen Jahren haben Experten zudem einen weiteren, etwas komplexeren, Effekt erforscht: diesen bezeichnen sie als Indirect Land Use Change (ILUC). Gemeint ist damit, dass wenn Pflanzen für Biosprit auf Äckern angebaut werden, dafür an anderer Stelle neues Ackerland geschaffen wird, um Nahrung anzubauen. Das klingt ersteinmal wenig dramatisch.

Allerdings wird es zum Problem, wenn man weiß, dass die verfügbaren Ackerflächen auf der Welt rapide zur Neige gehen und für Äcker auf der Südhalbkugel der Erde häufig Regenwald weichen muss.

Umweltkatastrophe mit dem Segen aus Brüssel

Zwar gibt es unter Forschern noch Streit um die genauen Auswirkungen von ILUC. Aber ab 2020 sollen, so hat es jetzt der Umweltausschuss entschieden, diese indirekten Auswirkungen beim Biosprit mit einbezogen werden - das könnte dann das Aus für den Biodiesel aus Nahrungsmitteln bedeuten, wie die Grafik links zeigt, denn er ist umweltschädlicher als herkömmlicher Treibstoff.

Verschärfend kommt hinzu: Durch die aufwendige Ackerwirtschaft, die Unmengen Energie, Wasser und Dünger verbraucht, sind auch Ethanol basierte Treibstoffe (z.B. E10) oft auch nicht sehr viel umweltfreundlicher als Benzin auf Erdölbasis.

Nach rund einem Jahrzehnt Biotreibstoffpolitik steht also ein Versagen auf der ganzen Linie.

Bleibt die Frage: Warum kommt die Politik erst jetzt zur Vernunft? Weil inzwischen ein ganzer Industriezweig entstanden ist, der fürstlich davon lebt, Essen in den Tank zu befördern.

Die EU-Biospritindustrie macht mittlerweile einen Umsatz von rund 15 Milliarden Euro jährlich (darunter rund 10 Milliarden Euro Subventionen, laut dem Umweltausschuss des Parlaments). Umweltschützer und Politiker hatten es deshalb bisher schwer, Salz in die grüne Treibstoffsuppe zu streuen. Die Lobbyisten der vermeintlichen Biosprit-Industrie waren lange in den Hinterzimmern der Entscheidungsträger sehr erfolgreich.

Abfallsprit als LösungNun aber sind die Warnungen und die Ergebnisse der Wissenschaft nicht mehr zu überhören und die Politik reagiert - ein wenig zumindest. Bis 2020, so sieht es derzeit aus, soll die Menge an Biosprit aus Nahrungsmitteln auf 5,5 Prozent begrenzt werden. Immerhin ein Anfang!

Zwei Prozent des Biosprits sollen dann aus Biosprit der 2. und 3. Generation kommen. Das bedeutet, dass künftig mehr Abfallstoffe im Tank landen werden. Das beinhaltet Pflanzenabfälle wie Stroh von Feldern (in der Grafik als Cellulosic bezeichnet), Forstabfälle, nicht recycelbares Plastik, Schlachtabfälle, altes Bratfett und vieles andere. Zwei Prozent des "Sprits" soll zudem grüner Strom in Elektroautos decken.

Dass in wenigen Jahren schon viel mehr als die zwei Prozent Abfalltreibstoff möglich wären, werden wir in der kommenden Woche bei WiWo Green in einer Reihe von Artikeln zeigen. Denn Nahrung im Tank - das muss bald nicht mehr sein.

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