Bodybuilder-Kühe: Wollen wir diese Tiere wirklich noch essen?

Bodybuilder-Kühe: Wollen wir diese Tiere wirklich noch essen?

von Julia Schulte

Weißblaue Belgier haben einen Gendefekt, der Fleisch-Produzenten Traumerträge beschert. Doch die Tiere leiden.

Die Weißblauen Belgier sehen aus, als würden sie mehr Zeit im Fitness-Studio als im Stall verbringen. Das liegt aber nicht daran, dass sie mit Anabolika gemästet würden. Eine natürliche Genmutation macht es möglich: Das Protein Myostatin, das eigentlich das Muskelwachstum hemmen soll, ist bei dieser Rasse verkümmert. Deswegen setzen die Tiere weniger Fett an und produzieren bis zu 20 Prozent mehr Muskelmasse bei zehn Prozent weniger Knochen.

Die Muskelkühe sind beliebt, denn aus ihnen kann man massenweise magere Steaks machen. In Belgien sind sie die führende Fleischrasse. Auf 87 Prozent beziffert Piere Mallieu, der Generalsekretär der Züchterorganisation Herd-Book Blanc-Bleu Belge,  den Anteil am heimischen Fleischmarkt. Das sind 365.000 Weißblaue Belgier und auch in Frankreich steigt die Zahl der Tiere.

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Natürliche Geburt kaum noch möglichDoch das ist nur ein Teil der Geschichte. Da sich die Muskelmasse der Tiere um ein Vielfaches schneller entwickelt als die Knochen, leiden sie unter Stressanfälligkeit, Atem-, Lungen- und vor allem Geburtsschwierigkeiten. Die Beckenmasse der Kühe ist gering und die Kälber sind durch den beschleunigten Muskelaufbau so breit, dass eine natürliche Geburt meist nicht möglich ist. Die Kälber kommen oft per Kaiserschnitt zur Welt.

Weitere Zuchtfolgen sind Zungenvergrößerungen, Kieferverkürzungen, Kehlkopfverengung und Klauenprobleme. Schmerzhafte Schwergeburten nehmen vor allem bei auf Frühreife gezüchteten Tieren zu, die eine "schnellere Nutzung" ermöglichen sollen. In Deutschland ist man mit der Züchtung bisher zurückhaltend. Von "Qualzucht" war in einer Anfrage der Grünen im Bundestag schon 2010 die Rede.

"Man muss sich natürlich fragen, ob das nicht zu weit geht. Normalerweise sollten die Kühe in der Lage sein, alleine zu kalben", sagt Friedrich Ostendorff von den Grünen, selbst Landwirt und stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im Bundestag.

Gibt es bald mehr Muskelkühe in Deutschland?Die Kaiserschnitte sind nicht nur eine Belastung für die Kühe - in Belgien behilft man sich deshalb mittlerweile schon mit Leihmutterschaften bei anderen Rassen. Sie sind auch teuer. 90 Euro zahlen die belgischen Bauern laut Mallieu pro Operation an den Tierarzt.

Noch sind Weißblaue Belgier in Deutschland selten – ihre Zahl liegt im zweistelligen Bereich. Zudem werden die Tiere hauptsächlich für Kreuzungen eingesetzt, bei denen die Geburtsprobleme nicht auftreten. Dass aber auch in Deutschland die Herden anwachsen, ist keineswegs auszuschließen. "Früher war die Rasse ganz selten, jetzt sind die Rinder am Markt sehr begehrt", sagt Ostendorff.

Denn der weltweite Bedarf an Fleisch und tierischen Produkten nimmt zu. Mit 58 Millionen geschlachteten Schweinen pro Jahr ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. Doch nicht nur die Anzahl steigt, auch die Leistung muss stimmen. Wogen die Tiere 1991 im Schnitt noch knapp 87 Kilo, waren es 2012 schon 94,6 Kilo. Auch die Milchkühe haben ihre Produktivität kräftig gesteigert (siehe Grafik), während jedes Huhn 2012 296 Eier legte, statt wie 20 Jahre zuvor 259.

Da kommen die vermeintlichen Super-Rinder mit ihrer gewaltigen Ertragsquote gerade recht. Schenkt man Mallieu Glauben, ist ihr Fleisch auch noch umweltfreundlicher. Denn man benötigt viel weniger Tiere als sonst, um die gleiche Menge Fleisch zu produzieren. Die Frage bleibt, ob dieses "Mehr", "Schneller", "Saftiger" im Verhältnis zum Wohl der Tiere und letztlich dem der Menschen steht.

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