"Circular-Economy" in NRW: Cradle-to-Cradle erreicht die Politik

"Circular-Economy" in NRW: Cradle-to-Cradle erreicht die Politik

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Muss nicht sein: Gerade Weißgeräte könnte man gut nach einem zirkulären Prinzip vor dem Müll bewahren, findet das Land NRW.

von Peter Vollmer

Die sogenannte Kreislaufwirtschaft will den Müll verbannen - das finden mittlerweile auch Bundesländer wie NRW spannend.

Wenn wir von Recycling sprechen, dann meinen wir das Wiederverwerten von Produkten. Allerdings handelt es sich dabei oft um sogenanntes "Downcycling", das neue Produkt ist also weniger wert als das alte. Das passiert beispielsweise, wenn aus teurem Papier eine einfache Klorolle wird.

Ideal wäre, wenn Produkte tatsächlich mehr oder weniger endlos wiederverwertet werden könnten. Dies ist das Ziel der Kreislaufwirtschaft, auch "Circular Economy". Viele fordern zum Verzicht auf, wenn es um die Nachhaltigkeit geht. Wir suchen die Möglichkeit, unseren Wohlstand trotzdem aufrechtzuerhalten", sagt Reinhold Rünker, der im Wirtschaftsministerium NRW die Gruppe "Gesellschaftspolitik, Finanzen" leitet.

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Reinhold Rünker will, dass Unternehmen sich mit der Circular Economy beschäftigen. (Foto: Privat)

Reinhold Rünker will, dass Unternehmen sich mit der Circular Economy beschäftigen. (Foto: Privat)

Hinter der Gruppe versteckt sich eine Art Think Tank, mitten im Ministerium. "Unser Plan ist, die Industrie weiterzuentwickeln. Wir versuchen, uns der Herausforderung zustellen, die Treibhausgase zu reduzieren, verantwortlich mit Ressourcen umzugehen und trotzdem zu wachsen – das sind immense Herausforderungen für die Wirtschaft", erklärt Rünker, warum sich das Ministerium mit dem Thema befasst.

Nutzen der Kreislaufwirtschaft erkannt

Immer mehr Unternehmen, ja ganze Branchen erkennen den Nutzen einer solchen Kreislaufwirtschaft. Auch über einen entsprechenden Online-Shop haben wir bereits berichtet. Rünker spricht lieber von "zirkulärer Wertschöpfung" – den Begriff Kreislaufwirtschaft haben die Abfallentsorger bereits besetzt.

Dabei geht es nicht darum, wie man Müll am besten verbrennt, sondern wie man Wertstoffe am besten vor dem Müll rettet. Und so den Menschen die Lust am Konsum zurückbringt.

Ein ungewöhnliches Beispiel für ein Unternehmen, das nach diesen Prinzipien arbeitet, ist Lego: Der dänische Spielzeughersteller ist einer der größten Kunststoffverarbeiter. Aber die Steine sind nahezu unzerstörbar – und das Unternehmen verspricht, dass sie immer kompatibel sein werden. Zudem sucht Lego nach Möglichkeiten, künftig auf Kunststoffe auf Erdöl-Basis zu verzichten.

Innovationskonzept soll der nächste Schritt sein

In NRW gab es in den vergangenen Jahren zunächst einen "Diskussionsprozess", wie Rünker es nennt. Mehrere Ministerien waren im Rahmen eines Diskussionsprozesses namens „Fortschritt gestalten“ gemeinsam auf gesellschaftliche Akteure zugegangen, um mit ihnen über die Zukunft des Landes zu diskutieren.

Es gehe nicht um ökonomische Vorteile für einzelne Unternehmen. Der studierte Ökonom und Historiker denkt langfristig: "Wir haben derzeit einen technischen Hype, wenn es um disruptive Technologien wie etwa den 3D-Druck geht. Aber was machen wir inhaltlich, wenn uns solche Technologien zur Verfügung stehen?"

Circular Economy Lab Spielplatz für Produkte mit sieben Leben

Viele Produkte werden produziert, benutzt, weggeschmissen. Damit sich das ändert, entsteht in Berlin ein 1.000 Quadratmeter großes Experimentierfeld für die Kreislaufwirtschaft.

Ein Flugzeug aus Dosen. Quelle: dpa

Eine fast schon rhetorische Frage, die sein Ministerium nun mit einem Innovationskonzept "Zirkuläre Wertschöpfung" beantworten will. Derzeit schauen sich die Unternehmensberatung Kienbaum und das mit dem Thema bestens vertraute Forschungsinstitut EPEA das Potenzial des Konzeptes an, das bald veröffentlicht werden soll.

Auch wenn EPEA von Michael Braungart gegründet worden ist, der als geistiger Vater des Konzeptes "Cradle to Cradle" gilt (und damit gutes Geld verdient), wolle sich das Ministerum den Begriff C2C nicht zu Eigen machen, betont Rünker. Dem Ministerium gehe es nicht nur um einzelne Produkte, sondern idealerweise die ganze NRW-Wirtschaft: "Die Unternehmen müssen neue Produkte, neue Designs und Verfahren entwickeln, bei denen kein 'Abfall' mehr entsteht, sondern die Werkstoffe nach ihrem Gebrauch wieder in einen neuen Wertschöpfungsprozess gehen."

Cradle to Cradle noch in wenigen Bundesländern

Das Land im tiefen Westen ist damit ein Vorreiter, bislang ist Cradle to Cradle vor allem in den USA und den Niederlanden bekannt. Im Müllverbrennungsland Deutschland dauert es länger, aber es kommt: So wollte die SPD in Baden-Württemberg nach der Wahl im entsprechende Ideen in ihr Regierungsprogramm einfließen lassen – was sich nach dem schwarz-grünen Wahlsieg erst einmal erledigt hat.

Auch die EU-Kommission arbeitet an Plänen, entsprechende Elemente künftig in ihre Gesetzgebung einfließen zu lassen. Konkret soll es um die Bereiche Produktgestaltung, Garantien und Maßnahmen gegen geplante Obszoleszenzen gehen.

Konkrete Potenziale sieht Rünker im Baubereich, wenn Gebäude so errichtet werden, dass ihre wertvollen Bestandteile nach einem Abriss oder einer Sanierung möglichst ohne Qualitätsverlust wieder eingesetzt werden können. Konzepte wie Urban Mining werden sich zunehmend durchsetzen.

Auch bei sogenannter weißer Ware, also größeren Haushaltsgeräten, könnte er sich vorstellen, dass diese künftig geleast und bei Defekten nur einzelne Teile getauscht werden. Der Bereich 3D-Druck sei ebenfalls eine große Chance – "aber da muss man einfach sehr viel ausprobieren. Wir wollen Unternehmen unterstützen, hier mutiger zu sein."

"Zirkuläre Konzepte lassen sich nur umsetzen, wenn Unternehmen von 'möglichst billig' zu 'möglichst besser' umdenken. Die Rolle des Ministeriums sei deshalb nicht nur, regulatorische Hemmnisse zu beseitigen und Gesetze so anzupassen, dass sich eine zirkuläre Wertschöpfung auch durchsetzen kann. Dazu diskutiere man mit gesellschaftlichen Akteuren aus Unternehmen, Gewerkschaften und Wissenschaft.

Kreislaufwirtschaft Deshalb braucht die Circular Economy mehr Start-ups

Brauchen wir mehr grüne Gründer? Auf jeden Fall, fordert Miriam Kehl vom Start-up-Förderer Green Alley in einem Gastbeitrag - der Markt wäre da.

Die Kreislaufwirtschaft kennt keinen Müll - alles kann wieder genutzt werden. (Trotzdem ein Symbolbild.) Quelle: AP

Diese von einer zirkulären Wirtschaftsweise zu überzeugen, falle dem Ministerium vielleicht leichter, "weil unser Interesse nicht gewinnorientiert ist, sondern am Wohl der Gesellschaft ausgerichtet ist." Doch trotz aller politischer Initiative - am Ende dürften es Verbraucher und Unternehmen sein, die über den Erfolg von zirkulärer Wirtschaft entscheiden.

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Sie wollen sich zur zirkulären Wirtschaft informieren oder persönlich mit Reinhold Rünker diskutieren? Dann sollten Sie sich den 23. und 24 September frei halten. An diesem Wochenende findet in Lüneburg der Cradle-to-Cradle-Kongress 2016 statt – präsentiert von WiWo Green.

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