Cittaslow-Bewegung: Deutsche Kleinstädte entschleunigen sich

Cittaslow-Bewegung: Deutsche Kleinstädte entschleunigen sich

Das internationale Städtenetzwerk „Cittàslow“ setzt mit Regionalwirtschaft einen Gegentrend zur Globalisierung.

Jedes Gespräch mit Herwig Danzer beginnt mit einem Werkstattgang. In den zweiten Stock der „Möbelmacher“ in Hersbruck bei Nürnberg führt eine Holzstiege, dort liegt die „Schaulandschaft“. Hier stehen die fertigen Möbel: Massivholz-Küchen aus heimischen Hölzern, aus Forstbeständen der Region. In Einzel- und Maßanfertigung, von Hand entrindet.

„Gemessert, nicht gesägt“, betont Danzer. Gäste bittet er dann an einen Tresen, wo er bei fränkischem Wein Maße und Stilelemente diskutiert und sich statt Notizen Skizzen macht. Von Hand und auf Malerkarton. Wie beiläufig greift er danach in eine Schublade, zieht eine Handvoll Kartoffeln hervor und zieht den Knollen feine Scheiben ab, die er auf der Arbeitsfläche vor sich effektvoll in Öl ausbackt. Und mit dem Bio-Snack ganz nebenbei zeigt, wie gut seine Öko-Küchen funktionieren.

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Was „bio“ für Lebensmittel und „öko“ fürs Handwerk, ist „Cittàslow“ für Städte: ein internationales Siegel für naturnahes Wirtschaften. „Città“ ist italienisch für Stadt, „slow“ englisch für langsam. Als Ende der 90er Jahre Fast-Food-Ketten Schnellrestaurants auch im ländlichen Raum eröffneten – so die Gründungslegende –, setzten traditionsbewusste Italiener einen Gegentrend: regionale Küche aus regionalem Anbau, in Direktvermarktung. Zuerst in Orvieto, später wanderte der Trend nach Deutschland. Hersbruck war 2001 die erste Stadt, die sich hierzulande zertifizieren ließ.

Das können aber nur Kleinstädte im ländlichen Raum. In England heißen sie „Home Towns“, in Deutschland „lebenswerte Städte“, in der Türkei – wörtlich übersetzt - „Orte, wo man einfach lebt.“ Den Akzent setzt jede Region anders, doch eines gilt für alle: Sie begegnen der großstädtischen Monokultur aus Einzelhandelsketten, Discountern und Backshops mit regional gewachsenen Strukturen.

Bald 200 Cittaslow-StädteDie langsamen Städte pflegen Naturräume, statt sie Investoren preiszugeben, beleben den Stadtkern, statt auf die grüne Wiese zu bauen und setzen auf Regionalwirtschaft statt auf Weltmarkt. Damit entscheiden sie den Wettbewerb um Bürger und Betriebe immer häufiger für sich. Mehr als 195 Städte zählt das Netzwerk heute, weltweit, in mehr als 30 Ländern. Und es werden jährlich mehr

Eine Autostunde von Hamburg entfernt, bringt Monika Tiedemann das Cittàslow-Wappentier in den Ort Meldorf. Bildlich gesprochen. Sie hat ein Holzrelief dabei, mit einer Schnecke darauf. Meldorf ist der jüngste Beitritts-Kandidat und Tiedemann eine Befürworterin. Die Künstlerin aus Norddeich stellt das Relief bei den Traumausstattern aus, einem Veranstaltungsraum, dessen aktuelle Kunstausstellung Teil des Konzepts zur Stadtentwicklung in Meldorf ist. In dem Eckhaus in der Fußgängerzone finden sonst Bürger-Workshops statt, Vorträge, Lesungen oder Upcycling-Kurse.

Der Laden nebenan steht leer, er ist nicht der einzige. Zwar springt der Leerstand in Meldorf nicht sofort ins Auge, trotzdem hat er die Händler der Innenstadt mobil gemacht. 2014 luden der hiesige Gewerbeverein und das Existenzgründungszentrum CAT gemeinsam mit der Bürgermeisterin Anke Cornelius-Heide zu einer Gründungs- und Leerstands-Führung ein. „Die Idee war einerseits, mit erfolgreichen Gründern über die Vorteile des Gründens mitten in der Stadt ins Gespräch zu kommen. Andererseits wollten wir Eigentümer und Interessenten zusammenbringen und Fördermöglichkeiten vorstellen“, erklärt Cornelius-Heide. Sie verstand das Leerstands-Management auch als Baustein zur Cittàslow-Bewerbung.

Kampf gegen LeerstandDenn Abwanderung und Leerstand – nicht Fast Food – sind die eigentliche Herausforderung im ländlichen Raum. Paul Knox und Heike Mayer, ein deutsch-amerikanisches Forscherteam, das auch im wissenschaftlichen Beirat des Netzwerks sitzt, rechnen es vor: Geschäftsaufgaben führen zu Abwanderung, Abwanderung zu Umsatzverlusten und geringeren Einkommen, geringere Einkommen zu schwächeren Haushalten, geringere Budgets zu Investitions- und Sanierungsstau.

„Wenn der Eigentümer Interessenten kennenlernt, hat er vielleicht mehr Anreiz, sein Gebäude zu sanieren und Pächtern zur Verfügung zu stellen“, fährt Cornelius-Heide fort. Der ungewöhnliche Stadtspaziergang habe den Zusammenhalt gestärkt, seither verbinde man „Cittàslow“ mit Gemeinsinn, bestätigen die Händler. Feinkosthändler Axel Roskors spricht scherzhaft von „Pop up“-Stores, die „überall aufploppen“. Er weiß um die Magnetfunktion, die solche Initiativen haben.

Der Erlebnismarkt, den er mit Unterstützung der Stadtverwaltung am Südermarkt einquartierte, ist das wohl bekannteste Leerstandsprojekt in Meldorf: ein regionaler Markt auf Zeit.

„Shop in Shop“-Modelle sind eine weitere Variante des Standort-Marketings. Buchhändler Jan Klabunde verkauft auch Weine und Accessoires des guten Lebens. Seine Buchhandlung im sanierten Altbau führt hinaus in ein Hofcafé, das er sich mit der benachbarten Kulturkneipe als Ausschank- und Leseinsel teilt. „Die Akzeptanz für neue Modelle ist gewachsen“, resümiert die freie Architektin Christiane Feist, die für den Umbau verantwortlich war. Freiberufler und Selbstständige; neben den beteiligten Lokalpolitikern sind sie es, die das Netzwerk tragen.

Jeder Bestandteil ist G.O.T.S.-zertifiziert. Der Global Organic Textile Standard, kurz G.O.T.S., ist wiederum für Kleidung, was Cittàslow für Städte ist: ein Zertifikat für überschaubare, ökologisch und sozial verträgliche Wertschöpfungsketten.

Die Baumwolle für loud + proud kommt aus Europa und der Türkei. Genäht wird unter anderem in Sachsen, das bis zur Wende noch selbst eine Textil-Hochburg war. Die Etiketten druckt ein Betrieb in Hersbruck, für den Modekatalog fotografiert ein Geschäftsnachbar aus dem Atelier gegenüber. Die Models sind Kinder von Freunden. Als Kulisse der Sommer-Kollektion diente zuletzt eine Streuobstwiese.

 Prozesse anstoßenEntstanden ist das Label als Garagenfirma im Nachbarort Happurg. Vor zweieinhalb Jahren siedelte die Firma über nach Hersbruck, in ein leerstehendes Wohn- und Geschäftshaus: denkmalgeschützt, im historischen Scheunenviertel, mit Bausubstanz aus dem 17. Jahrhundert. Die Sanierung stemmt Schüsselbauer selbst, 2016 will die Stadtverwaltung ebenfalls Teile des Viertels sanieren.

Dieses Ineinandergreifen von unternehmerischer und politischer Initiative ist es, was Cittàslow-Kandidatin Anke Cornelius-Heide an dem Netzwerk interessiert: der „stärkenorientierte Ansatz“. „Nachhaltig sind Prozesse, welche die Bürger selbst anstoßen“, sagt sie.

Auch Hersbrucks ehemaliger Bürgermeister Wolfgang Plattmeier sieht Cittàslow als „einen Prozess“, allerdings einen, „der sich auch in die nächste Generation noch erstrecken wird. Bis dahin braucht es einzelne, die vorangehen.“Buchtipp: Paul Knox/ Heike Mayer: Kleinstädte und Nachhaltigkeit: Konzepte für Wirtschaft, Umwelt und soziales Leben. Birkhäuser 2012, Brochur, ISBN 978-3-7643-8579-8, 192 Seiten, 37,95 Euro***

Dieser Text ist Teil der Reihe “Die Zukunft vor der Haustür: Grüne Innovationen aus den Regionen”, die im Rahmen einer Kooperation zwischen WiWo Green und dem Studium Nachhaltigkeit und Journalismus der Leuphana Universität Lüneburg entstanden ist. Eine Übersicht über alle Beiträge finden Sie hier.

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