CO2-Ausstoß: Klimagas verursacht 965 Milliarden Dollar Schaden pro Jahr

CO2-Ausstoß: Klimagas verursacht 965 Milliarden Dollar Schaden pro Jahr

von Jan Willmroth

Studien zeigen: Klimaschäden werden extrem teuer - bisher aber wird niemand dafür zur Kasse gebeten.

Das Treffen der EU-Staatschefs Ende vergangener Woche in Brüssel ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich Prioritäten ändern können. Eines der wichtigsten Themen sollten die europäischen Klimaschutzziele für die Zeit nach 2020 werden – doch die Verhandlungen darüber vertagten die Staats- und Regierungslenker kurzfristig. Die Krim-Krise war wichtiger.

Was aber jetzt schon sicher ist: Konsensfähig ist für das Jahr 2030 aktuell nur eine Senkung des Ausstoßes von Treibhausgasen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990. Hinzu kommt ein Anteil der erneuerbaren Energien von 27 Prozent an der EU-weiten Stromversorgung. Das bedeutet, dass es keine nationalen Ziele für Wind- und Sonnenstrom mehr gibt und keine Ziele für Energieeffizienz.

Anzeige

Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund neuer Berechnungen zu den Kosten des Klimawandels durchaus bedenklich: Denn ein CO2-Preis, der alle in den heutigen Klimamodellen abschätzbaren externen Kosten des Kohlendioxid-Ausstoßes einberechnet, müsste bei mindestens 37 US-Dollar (ca. 27 Euro) liegen.

Das zeigt eine aktuelle Analyse einer Arbeitsgruppe der US-Regierung in der Ökonomen, Klimaforscher, Energie- und Umweltexperten staatlicher Institutionen zusammenarbeiten (hier als PDF). Mit den externen Kosten des CO2-Ausstoßes versuchen Wissenschaftler, die damit verbundenen Klimafolgen und Umweltschäden abzubilden, für die heute noch niemand bezahlen muss.

In ihrer Analyse berechnen die Experten unter anderem, wie der Klimawandel die landwirtschaftliche Produktivität beeinträchtigt oder welche finanziellen Schäden der steigende Meeresspiegel an Privateigentum verursacht.

Dramatisch unterschätzte KostenNimmt man die Menge von 36 Milliarden Tonnen CO2, die das Global Carbon Project an weltweiten Emissionen für 2013 errechnet hat, kommt mit den CO2-Kosten der US-Arbeitsgruppe die unglaubliche Summe von 965,5 Milliarden Dollar heraus – der Gegenwert von mehr als 27 Millionen Elektro-Golf in nur einem Jahr.

Das ist zwar extrem vereinfacht, weil nicht jede Tonne CO2 einen Preis haben muss, um das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung einzuhalten. Es zeigt aber doch: Der Schaden, für den die Verursacher von Treibhausgasen derzeit nichts bezahlen, ist immens.

Andere Schätzungen gehen noch weiter. Die Kalkulation der US-Arbeitsgruppe lasse zu vieles außer Acht, kritisiert ein aktueller Report des Cost of Carbon Project, einem Zusammenschluss von mehreren Umweltgruppen in den USA. 29 wichtige Einflussfaktoren seien in den Berechnungen nur wenig oder gar nicht beachtet, schreiben sie.

Darunter sei vieles, was den Klimawandel erst so richtig teuer mache: Die Versauerung der Meere, Mega-Stürme, häufigere Waldbrände, zunehmende Verwüstung und immer länger andauernde extreme Wetterlagen – um nur ein paar Beispiele zu nennen. All diese Effekte hätten auch direkte Folgen für etliche Wirtschaftssektoren wie etwa den Transport, die Energieversorgung oder die öffentliche Gesundheit und damit die Arbeitsproduktivität.

Das Problem: Kein Klimawissenschaftler kann die Entwicklung bei Extremwettern für die nächsten Jahrzehnte derzeit seriös vorhersagen. Das macht es fast unmöglich, ihre Kosten zu berechnen.

Ökonomische Modelle, die Kosten des Klimawandels abschätzen, lassen diese Klimafolgen deshalb meist aus. Das vereinfacht zwar die Rechnungen, führe aber dazu, dass die Kosten des Klimawandels dramatisch unterschätzt werden, sagen die Cost-of-Carbon-Experten.

Klimapolitik mit falschen ZahlenZum Problem wird das vor allem, weil die geschätzten Kosten des CO2-Ausstoßes eine wichtige Grundlage der Klimapolitik sind. Auf ihrer Basis definieren Regierungen wie die der europäischen Staaten Ziele, etwa Obergrenzen für den Klimagas-Ausstoß im Stromsektor.

Zwar hat die EU gerade Nachbesserungen bei ihrem Emissionshandelssystem angestoßen, doch das reicht bei weitem nicht. So wurden nach der Abstimmung des europäischen Rats vom 24. Februar in Europa 400 Millionen CO2-Zertifikate weniger versteigert, um den CO2-Preis anzuheben.

Just an diesem Tag hatte dieser mit 7,10 Euro pro Tonne Kohlendioxid sogar den höchsten Stand seit langem erreicht. Von den 37 Dollar Schadenskosten ist das aber immer noch weit entfernt.

Doch selbst wenn der Emissionshandel allein stünde – der Kohlendioxid-Preis wäre noch immer zu niedrig, um die wirklichen Kosten zu spiegeln.

Höhere Preise nur bei stärkerer VernetzungFür die EU wäre ein angemessener Preis aber auch wenig vorteilhaft: Solange es kein weltweit verknüpftes CO2-Handelssystem gibt, das die wichtigsten Klimagas-Verursacher wie China und die USA abdeckt, würde er nur zu Problemen führen. Etwa zur Verlagerung von Emissionen in Länder, in denen Verschmutzung nichts kostet.

Ein Anfang wäre, die bestehenden CO2-Preissysteme stärker miteinander zu verknüpfen. In einem aktuellen Beitrag für das Wissenschaftsmagazin Science analysieren die Ökonomen Richard Newell und William A. Pizer von der Duke-Universität in den USA die Perspektiven dafür.

Ihr Urteil: Ein weltweites Emissionshandelssystem wird es nicht mehr geben, dafür ist die Klimaschutzpolitik verschiedener Länder schon zu unterschiedlich.

Das heißt: Wenn in der Klimapolitik weiterhin alle ihr eigenes Süppchen kochen und die verschiedenen Ansätze nicht sinnvoll verknüpfen, wird es nichts mehr mit dem Klimaschutz. Und das könnte am Ende teuer werden.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%