Coase-Theorem: Warum von Umweltschäden alle profitieren

Coase-Theorem: Warum von Umweltschäden alle profitieren

von Jürgen Klöckner

Der Ökonom Ronald Coase legte mit einer genialen Idee den Grundstein des heutigen Emissionshandels. Sie ist der Nukleus moderner Klimarettung.

Eigentlich müsste Bundesumweltminister Peter Altmeier zum Telefon greifen und eine Nummer in Chicago, USA, wählen, es ist die 001-773-702-7342. Da erreicht er den Ökonomen Ronald H. Coase. Der 102-jährige Nobelpreisträger hatte eine Idee, mit der sich Altmeier nun rumschlagen muss: den der sozialen Kosten. Besser - und vielleicht auch Altmeier - bekannt als Coase-Theorem. 

Es die Grundlage des heutigen Emissionshandels in der EU, also dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten für Unternehmen. Grob gesagt erhofft sich Altmeier, damit das Klima zu retten und Geld zu verdienen. Doch das funktioniert einfach nicht. Vielleicht könnte Coase beispringen.

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Für ihn ist sein Theorem ein alter Hut, schon vierzig Jahre ist es alt. Bevor es ein wesentlicher Bestandteil der Umweltökonomie wurde und auf Basis dessen die ersten CO2-Zertifikate ausgegeben wurden, hat es kaum jemanden interessiert. Heute gilt es als eine der wichtigsten Ideen der Wirtschaftswissenschaften und Nukleus moderner Klimarettung. 

1910 in Willesden bei London geboren, war Coase der Erste seiner Familie, der eine Universität besuchte. An der renommierten London School of Economics studierte er Wirtschaftswissenschaften und erhielt wenig später eine Professur in den USA. In den folgenden Jahren arbeitete und forschte er an den Universitäten Buffalo, Virginia und Chicago. In den USA schrieb er 1960 das Essay "The Problem of Social Cost", das zusammen mit seiner Arbeit "The nature of the firm" (über die Entstehungsgründe von Unternehmen) seinen Ruhm begründete.

Was besagt das Coase-Theorem genau? Coase illustriert dies gern mit einer Geschichte. Ein Unternehmen leitet Abwässer in einen Fluss, den auch eine Fischerei nutzt. Sie leidet unter der Verschmutzung der Fabrik, weil dadurch der Fang zurückgeht. Das zentrale Problem: Beide nutzen den Fluss, obwohl er ihnen nicht gehört. Doch keiner bezahlt dafür.

Ökonomen sprechen in einem solchen Fall von externen Effekten. Der klassische Marktmechanismus versagt, das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage führt nicht zu einem optimalen Ergebnis. Die entscheidende Frage ist nun: Wie hoch ist der Nutzen und Schaden der Beteiligten und wie könnte man ihn "internalisieren", also verrechnen? "Wir müssen uns entscheiden: Ist der ausbleibende Fang mehr oder weniger wert als die Produkte, die die Fabrik mit der kritischen Menge Schadstoffe produziert", schreibt Coase.

Der Ökonom Arthur-Cecil Pigou schlug für einen solchen Fall vor, dass Unternehmen eine Steuer für ihre Verschmutzung zahlen sollten - ähnlich funktioniert in Deutschland die Ökosteuer. Weil aber niemand weiß, wie viel Schäden eine Einheit "Verschmutzung" nun genau verursacht, ist die Höhe der Steuer eine rein politische Entscheidung und erfüllt am Ende allenfalls einen fiskalischen Zweck - nämlich die Staatskasse zu füllen.

Effiziente Ergebnisse zu niedrigsten KostenCoase schlägt denn auch einen anderen Weg vor. Fischer und Fabrikant sollten selbst und ohne staatlichen Einfluss über den Preis der Abwässer entscheiden und einen Vertrag darüber schließen, wer das Nutzungsrecht für den Fluss erhält. Verhandlungen zwischen Fischer und Fabrikbesitzer würden dazu führen, dass entweder der Fischer vom Unternehmen für den ausbleibenden Fang entschädigt wird - oder aber das Unternehmen vom Fischer eine Prämie erhält, damit es die Verschmutzung des Wassers eindämmt.

Im Optimum entspricht der Preis der Verschmutzung genau deren Grenznutzen beziehungsweise -schaden. Für den Fabrikanten wäre es dann nicht mehr wirtschaftlich, mehr Dreck in den Fluss zu leiten, da eine weitere Einheit Abwasser weniger "wert" wäre als deren Preis. Das Coase-Theorem verbindet die externen Effekte also mit dem Preismechanismus - Angebot und Nachfrage führen zu einem effizienten Ergebnis zu niedrigsten Kosten.

Ähnlich ist es beim EU-Zertifikatehandel: Die Erdatmosphäre steht für den Fluss in der Coase-Geschichte, die Schäden sind die steigende Menge Kohlenstoffdioxid und der Klimawandel. Unternehmen kaufen Verschmutzungsrechte und halten für jede Tonne CO2, die sie in die Atmosphäre pusten, ein Zertifikat vor. In der Theorie soll der Ausstoß so auf eine klimafreundlichere Menge zurückgehen. Das Problem in der Realität: Weil zu viele Zertifikate zirkulieren, sind sie extrem billig: Emittieren ist günstiger, als CO2 zu vermeiden.

Umweltschäden sind in der Gedankenwelt des Coase-Theorems nicht per se schlecht, sondern haben durchaus einen wirtschaftlichen Nutzen - den Output der Fabriken und den damit zusammenhängenden Wohlstand. Aus Umweltgründen geschlossene Fabriken kosten Umsatz und Arbeitsplätze - und die Technologie, die nötig ist, um CO2 zu vermeiden, ist für das Unternehmen mit hohen Kosten verbunden.

 Instrument der goldenen MitteDerartige Kosten-Nutzen-Rechnungen hatte vor Coase niemand so klar formuliert.  Coase hat mit seinem Theorem ein ökonomisches Instrument für die goldene Mitte geliefert. Er macht freilich eine gewichtige Einschränkung für das reibungslose Funktionieren seiner Verhandlungslösung. Ein effizientes Ergebnis ist zum einen nur möglich, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Ökonomen nennen das vollständige Information. Erst dann führen Verhandlungen zu einem Ergebnis, das alle zufriedenstellt. Doch vollständige Information ist eine ziemlich ambitionierte Annahme, und Kritiker von Coase sagen: Sie ist völlig unrealistisch. Das könnte auch erklären, wieso der Emissionshandel bisher nicht richtig funktioniert: Der Staat hat den CO2-Ausstoß der Unternehmen überschätzt und deswegen zu viele Zertifikate ausgegeben. Deshalb sind sie jetzt so billig.

Zum anderen können bei den Verhandlungen hohe Transaktionskosten entstehen. Die Beteiligten müssen potenzielle Vertragspartner ausfindig machen, Rechtsanwälte einschalten, sie benötigen womöglich Dolmetscher und Techniker, sie müssen Verträge ausformulieren und später deren Einhaltung kontrollieren. "Das ist extrem teuer", schreibt Coase in seinem Essay. Werden die Reibungsverluste zu hoch, übersteigen mithin die Kosten einer Verhandlungslösung deren Nutzen, funktioniert das Coase-Theorem nicht mehr.

Um die Transaktionskosten zu minimieren, rät Coase, bei Verhandlungen notfalls eine dritte Partei hinzuzuziehen. Beim umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 etwa war dies im Coase'schen Sinne der Vermittler Heiner Geißler, der die streitenden Parteien an einen Tisch brachte und am Ende einen Kompromissvorschlag unterbreitete. Die Rolle kann laut Coase aber notfalls auch der Staat erfüllen. 

Trotz seines hohen Alters kann Coase bis heute nicht von den Wirtschaftswissenschaften lassen. Derzeit beschäftigt er sich mit China und erforscht als emeritierter Professor den Kapitalismus im Reich der Mitte. Dort ist er auf dem besten Weg, einer der bekanntesten westlichen Ökonomen zu werden - neben Karl Marx.

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