Digitales Stricken: Der Pulli kommt künftig aus dem Netz

Digitales Stricken: Der Pulli kommt künftig aus dem Netz

von Pascal Moser

Mit Open-Source-Software und einem umgebauten Webstuhl kann jeder zum Kleidungsfabrikanten werden. Auch Drucker könnten bald Kleidung herstellen.

Ob in Cafés oder in der Bahn - man sieht es seit längerem: Jüngere Menschen, die stricken. Doch das Bild von Frauen und Männern, die ihre Freizeit mit Nadel und Wollknäuel verbringen, könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Denn jetzt kommt schon der nächste Trend: Mode, ganz aus der Maschine.

Mit dem amerikanischen Projekt OpenKnit kann man seine Pullis, Schals und Mützen stricken lassen. Auf seiner Homepage bietet die Initiative die Werkzeuge, um im Wohnzimmer oder der Garage eine kleine Modemanufaktur aufzubauen. Kleidung lässt sich dann automatisiert herstellen - auf einem selbstgebastelten Drucker-ähnlichen 3D-Webstuhl.

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Doch dabei wird nichts gedruckt: Die Maschine besteht aus Stricknadeln, die wie ein Druckkopf Nähgarn zusammenweben. Besondere Kenntnisse im Stricken braucht man dazu nicht. Denn mit OpenKnit erarbeitet man seine Modeideen digital und schickt diese dann über ein 3D-Drucker-Format (STL file) an den Webstuhl. Der Rest geschieht fast von selbst.

Ein digitaler 3D-WebstuhlDigitales Do-It-Yourself (DIY) ist in der Mode längst kein Fremdwort mehr: Seit 2009 versucht das Knitic-Projekt des Künstlerduos Varvara Guljajeva und Mar Canet, ganz ähnlich wie OpenKnit, digitale Technologie und kreative Mode zu verbinden.

Dabei werden traditionelle Strickmaschinen auf Basis der Programmierplattform Arduino weiterentwickelt: Alte Strickmaschinen der Marke Brother lassen sich mit Arduino-Modulen verknüpfen und so digital steuern. Dafür haben die Künstler mit Knitic eine Open-Source-Software entwickelt, mit der sich Kleidungsstücke digital designen und an den Webstuhl schicken lassen.

Auch OpenKnit funktioniert so. Nur, dass man jetzt keine spezielle Software mehr braucht, sondern gängige 3D-Druckfiles an den Webstuhl sendet. Zwar braucht OpenKnit (wie man im Video unten sehen kann) ab und zu noch menschliche Hände, die beim Umlegen der Garnfäden mithelfen. Doch als Open Source-Projekt soll OpenKnit von der Online Community zu einem 3D-Webstuhl weiterentwickelt werden, der bald schon tragfertige Kleider ausspuckt. Prêt-à-porter per Knopfdruck, sozusagen.

Auf der Homepage findet man eine Anleitung, die sämtliche Schritte vom Aufbau über Installation und Programmieren des Webstuhls erklärt. OpenKnit rechnet für den Ankauf der alten Webmaschinen und das Verbinden mit dem Computer mit Kosten von 550 Euro. Die erste Winterkollektion kann man dann gratis herunterladen und auf dem Webstuhl herstellen.

Mode und 3D-DruckerBisher galten oft richtige 3D-Drucker als zukünftige Produktionsform für die Bekleidungsindustrie. Das britische Forschungsinstitut Big Innovation Center erachtete es 2012 in einer Studie (hier als PDF), als realistisch, dass Printer in der Textilproduktion die Massenproduktion per Hand bald ersetzen könnten.

Anders sieht dies das Öko-Institut in Darmstadt. In einer aktuellen Studie zu „3D-Druckern: Hype oder Chance?“ (hier als PDF) weisen die Experten darauf hin, dass bisher kein Drucker fähig ist, Naturprodukte zu verarbeiten. Dabei sind Leder und Baumwolle wichtige Grundstoffe in der Herstellung von Kleidern. Doch diese Materialien lassen sich (noch) nicht schichtweise zusammenführen, wie dies 3D-Drucker mit Kunststoff und Metall tun. In der Massenproduktion ist die Textilverarbeitung zudem relativ günstig, so dass der zusätzliche Nutzen von 3D-Druckern unklar ist.

Am ehesten Anwendung könnten 3D-Drucker zur Kleiderproduktion in der Herstellung von Outdoor und Sportswear finden. Diese funktionalen Textilien basieren oft auf künstlichen Polymeren und können deshalb einfacher gedruckt werden. Mit dem Electroloom wird gegenwärtig ein solcher 3D-Drucker auch für die Privatanwendung entwickelt.

Die Heimproduktion könnte jetzt aber stärker auf die 3D-Webstühle setzen. Der Erfinder von OpenKnit, Gerard Rubio, will Menschen mit seinem Open Source Webstuhl von der oftmals wenig nachhaltigen Massenproduktion der Modeindustrie unabhängiger machen. Die Do-It-Yourself-Bewegung jedenfalls freuts: Digitales Designen von Kleidern und Stricken auf dem eigenen Webstuhl sind jetzt so einfach wie nie - und das auch mit Garn aus natürlicher Baumwolle.

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