Eine stille Wette: Klimapolitiker verlassen sich auf CO2-Speicherung

Eine stille Wette: Klimapolitiker verlassen sich auf CO2-Speicherung

Die Hoffnung der Weltgemeinschaft auf geeignete Speichertechnologien ist riskant. Ein Gastkommentar von Jan Minx.

Jan Minx ist Professor for Science Policy and Sustainable Development an der Hertie School of Governance und leitet die Forschungsgruppe „Angewandte Nachhaltigkeitsforschung” am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Minx ist Mitautor der Studie Biophysical and economic limits to negative CO2 emissions, erschienen am 7. Dezember in der Fachzeitschrift Nature Climate Change.

Die Klimaschutzdebatte in Deutschland läuft nach einem einfachen Prinzip: Ungewünschte Technologien werden ausgeklammert. Die Atomkraft hat ausgedient, Demonstrationsprojekte zur Abspaltung und Einlagerung von CO2 sind mittlerweile faktisch tot, die Biomassenutzung zur Energieproduktion soll stark beschränkt bleiben und auch Windkraft ist nur dann erwünscht, wenn sie nicht zu dicht an unsere Siedlungen heranrückt.

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All dies mag gute Gründe haben. Die Frage, ob das, was übrig bleibt, ausreicht, um die Klimaziele zu erreichen, wird selten gestellt.

So sind auch Technologien, die der Atmosphäre CO2 entziehen und damit sogenannte „negative Emissionen“ generieren, unpopulär in der Klimaschutzdiskussion. Dazu gehören vergleichsweise gewöhnliche Optionen wie etwa Aufforstungsprogramme, denn wachsende Bäume binden CO2. Darunter fallen aber auch Ideen wie künstliche Bäume oder die Düngung der Ozeane.

Eine der wichtigsten Techniken dieser Art ist „Bioenergy with Carbon Capture and Storage“. Dabei wird Biomasse in Kraftwerken verbrannt oder vergast und das frei werdende CO2 umgehend abgeschieden und in geologischen Tiefenlagern gespeichert. Diskutiert werden solche Optionen bestenfalls als Plan B des Klimaschutzes. Dass der Weltklimarat in seinem letzten wissenschaftlichen Sachstandsbericht auf die große Bedeutung dieser Technologien in ambitionierten Klimaschutzszenarien hingewiesen hat, ändert daran nichts.

Klimaziele nicht erreichbarSchon heute sind die gerade neu gesetzten Klimaziele ohne negative Emissionen nicht erreichbar: Mit dem Beschluss der UN-Klimakonferenz in Paris den Klimawandel deutlich unter zwei Grad zu beschränken, hat die Staatengemeinschaft die begrenzte Aufnahmekapazität der Atmosphäre akzeptiert. Noch ungefähr 1000Gt CO2 können ausgestoßen werden, um dieses Ziel einzuhalten. Dann muss die Weltwirtschaft völlig dekarbonisiert sein. So steht das zurechterweise nun ausdrücklich im neuen Klimavertrag.

Die Zeit läuft. Jedes Jahr verbraucht die Menschheit derzeit ungefähr vier Prozent des verbleibenden Kohlenstoffbudgets durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas – also schon 20 Prozent seit 2010. Negative Emissionen sollen uns Zeit kaufen, weil wir mittlerweile spät dran sind mit dem Klimaschutz: Wir überziehen unser Kohlenstoffbudget kurzfristig und zahlen es danach verzinst zurück – wie beim Bankkredit. Die Gesamtkosten sind höher, aber wenn wir den größeren Spielraum klug nutzen, werden Dinge ermöglicht, die nur durch Sparen schwer zu erreichen sind.

Desweiteren sollen uns diese CO2-absorbierenden Technologien helfen, die Treibhausgasemission zu kompensieren, die wir nur schwer vermeiden können: Methanemissionen von Kühen und anderen Wiederkäuern, Stickstoffemissionen vom Düngemitteleinsatz oder bestimmte CO2-Emissionen im Transportsektor. Ohne solche Kompensationsmöglichkeiten ist eine volle Dekarbonisierung menschlicher Aktivitäten momentan nicht denkbar.

Wetten statt handelnDie von den Staaten in Paris vorgeschlagenen kurzfristigen Emissionsreduktionen reichen noch nicht einmal aus, um die Emissionen im Jahr 2030 auf heutigem Niveau zu stabilisieren: sie wachsen weiter, wenn auch stark verlangsamt. Kommt es so, verblieben danach noch bestenfalls 15-20 Prozent des Kohlenstoffbudgets. Ohne CO2-Absorption müssten Emissionen in den folgenden Jahren um weit mehr als zehn Prozent pro Jahr gesenkt werden, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Letztendlich hat die internationale Klimapolitik mit dem Abkommen von Paris still und leise auf die umfassende Verfügbarkeit von negativen Emissionstechnologien gewettet, weil Staaten kurzfristig nicht zu mutigeren Emissionsreduktionen bereit waren. Darüber wird nicht gesprochen – stattdessen nun sehr konkret über ein noch ambitionierteres 1.5°C-Ziel mit einem noch viel geringerem Kohlenstoffbudget, das ebenfalls den Weg in das Abkommen gefunden hat. Das kann man als mutig oder schizophren bezeichnen. Denn schon die Einhaltung des 2°C -Ziels ist spätestens nach Paris ohne die ungeliebten negativen Emissionen nicht mehr denkbar – sie sind nun Teil von Plan A des Klimaschutzes.

Eines ist klar: die Wette der Diplomaten ist riskant. Je länger wir warten mit nachhaltigen globalen Emissionsreduktionen, desto mehr sind wir auf negative Emissionen angewiesen, um unsere Klimaziele einzuhalten. Und der Einsatz dieser Negativemissionstechnologien birgt viele Risiken und Unwägbarkeiten. Der wissenschaftliche Sachstand ist sehr lückenhaft. Viele dieser Technologien sind noch nicht umfassend erprobt und noch weit entfernt von jedweder Marktreife. Auch wenn sich die einzelnen Technologien in Risiko- und Kostenprofil sowie Entwicklungsstand unterscheiden, sie haben eines gemeinsam: ihre Ausbaumöglichkeiten weisen deutliche Grenzen auf, wenn auch auf sehr unterschiedlichem Niveau. So benötigen einige Technologien beispielsweise große Landflächen, andere sind sehr energieintensiv.

Viele Klimaschutzszenarien mit geringen kurzfristigen Emissionsreduktionen erfordern große Kompensationen durch negative Emissionen in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die aktuelle Forschung zeigt, dass negative Emissionen möglich sind, aber ob in solch großen Mengen, ist sehr fraglich. Wir hoffen also auf ein Kohlenstoff-Kredit von der Atmosphäre, ohne das Kleingedruckte und unsere Rückzahlungsfähigkeit genauer zu beleuchten. Was privat keiner verantworten würde, bleibt auf der großen Bühne der Klimadiplomatie erstmal ohne Folgen.

Klimapoltik auf Kosten unserer EnkelEinige werden nun argumentieren, dass wir wegen der Risiken und Unsicherheiten rund um CO2-absorbierende Technologien das Zwei-Grad-Ziel durch ein weniger ambitioniertes Langfristziel ersetzen sollten. Diese Sichtweise ist verfehlt, weil die größten Risiken von der zunehmenden Erwärmung unseres Planeten ausgehen. Stattdessen müssen wir darüber nachdenken, wie wir zu einem ambitionierteren kurzfristigen Klimaschutz kommen können, damit wir langfristig möglichst wenig von diesen recht unsicheren und teilweise riskanten Technologien abhängig sind. Sonst gehen wir eine riskante Wette auf Kosten unserer Enkelkinder ein.

Aber vor allem müssen wir aufhören, die genannten Technologien aus der Debatte auszuklammern. Sie sind ein Teil der Lösung geworden. Sie müssen aktiv beforscht und erprobt werden. Nur so können wir über ihre Möglichkeiten, Risiken und Grenzen lernen und ihr Potential besser einschätzen. Klimaschutz ist ein iterativer Prozess des Abwägens von Risiken. Dies erfordert einen offenen gesellschaftlichen Diskurs ohne verfrühten Ausschluss irgendeiner Technologie. Wenn die Staatengemeinschaft es wirklich ernst meint mit dem Klimaschutz, muss sie beherzter Emissionen reduzieren und die technologische Scheuklappen ablegen.

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