Einfuhr von Monsanto-Soja: Bundesregierung duckt sich weg

Einfuhr von Monsanto-Soja: Bundesregierung duckt sich weg

von Peter Vollmer

Derzeit wird in Brüssel verhandelt, ob Monsanto genmanipuliertes Sojaöl nach Europa bringen darf.

Harald Ebner ist wütend. Er sitzt für die Grünen im Bundestag und ist ein erklärter Gegner der Gentechnik. "Im Koalitionsvertrag steht, man nehme die Sorgen der Bürger zu genmanipulierten Nahrungsmitteln wahr, tatsächlich winkt die Regierung aber den nächsten Import durch. Das ist ein Skandal."

Aufreger ist ein neues Produkt von Monsanto, über dessen Zulassung in Europa derzeit in Brüssel verhandelt wird. Der berüchtigte US-Saatgut-Konzern aus den USA, der für viele die Vermählung von Pest und Cholera darstellt, hat eine Soja-Bohne mit Algen-Genen entwickelt. "Soymega", die Monsanto als Sojaöl (MON 87769) vermarkten will, soll besonders reich an Omega-3-Fettsäuren sein. Ein sogenanntes "Gen-Functional-Food", das Herz-Kreislauferkrankungen vorbeugen soll.

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Monsanto-Bohne in der EU?Im zuständigen Ausschuss enthielt sich Deutschland, während etwa Österreich den Import der Monsanto-Sojabohne ablehnte. Eine qualifizierte Mehrheit kam daher, wie so oft, nicht zustande, wie der Informationsdienst Gentechnik aus Fachkreisen erfahren haben will. Damit liegt die endgültige Entscheidung über die Einführung der Monsanto-Bohne bei der EU-Kommission.

Auf eine Anfrage Ebners, weshalb sich Deutschland nicht eindeutig gegen die Einführung stelle, antwortete das Landwirtschaftsministerium, die Ressorts hätten "keine einheitliche Auffassung erreicht". Welche Ressorts das sind oder wie sie sich positioniert haben - dazu erfährt man nichts.

Bekannt ist, dass das Forschungsministerium den Anbau von Genfood weniger kritisch sieht. Für Ebner ist aber vor allem das Bundeskanzleramt "die massivste Bremse" einer gentechnik-freien Landwirtschaft. Im Bundestags-Wahlkampf und während der Regierungsbildung war das noch anders.

Genfood im KoalitionsvertragSo steht im Koalitionsvertrag: "Wir erkennen die Vorbehalte des Großteils der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik an. Wir treten für eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte von Tieren ein, die mit genveränderten Pflanzen gefüttert wurden. An der Nulltoleranz gegenüber nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebensmitteln halten wir fest - ebenso wie an der Saatgutreinheit." (S. 123 f.)

Eigentlich könnte sich Ebner zurücklehnen und abwarten, bis "Soymega" wieder vom Markt verschwindet. In Europa und gerade in Deutschland ist Genfood beliebt wie US-amerikanisches Bier: Regelmäßig sprechen sich bei Umfragen zwischen 75 und 80 Prozent der Deutschen gegen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in ihren Nahrungsmittel aus.

Ein Grund dafür ist für Ebner, die "große Gefahr, die solche Pflanzen für die Biodiversität" bedeuten. Vor allem aber haben Konsumenten Angst, dass GVO eben doch gesundheitliche Risiken bergen.

Würde genmanipuliertes Saatgut in Deutschland erlaubt, müssten zudem viele Landwirte, die konventionell anbauen, ihre Felder kostenintensiv schützen. Sie müssten ihre Produktion analysieren und auf getrennte Lagerung und Transport achten.

Denn würde ein gentechnisch verändertes Saatkorn von einem anderen Feld herüber geweht und daraus eine transgene Pflanze, wäre der "Image-Schaden" für den betroffenen Landwirt "immens", sagt Ebner. Im schlimmsten Fall könnten sich die Sorten vermischen.

Hitzige DebatteIn der Debatte um Genfood wird seit Jahren mit harten Bandagen gekämpft. Dass eine große Mehrheit gegen GVO ist, dürfte vor allem an den Saatgut-Konzernen selbst liegen.

Monsanto ist nicht nur durch eine aggressive Firmenpolitik, sondern auch durch umstrittene Patente auf Saatgut und massive Lobbyarbeit zu einem schlechten Ruf gekommen.

Auch bei "Soymega" sieht Ebner die "erfolgreiche Arbeit der Interessenvertreter" in Brüssel am Werke. Neben Monsanto haben aber auch die Chemiekonzerne Bayer und BASF ein großes Interesse daran, Genfood in Deutschland den Markt zu bereiten.

Hierzulande ist die Kennzeichnung von GV-Lebensmitteln Pflicht - diese sind meist Ladenhüter. Anders sieht das bei Tierfutter oder tierischen Produkten aus. Hier sind die Kennzeichnungsregeln weniger klar. (Mehr dazu hier.)

Gentechnik auch Thema bei TTIPIn den USA gehört Genfood zum Alltag - vielleicht lässt sich die Bundesregierung auch deshalb ungern an ihren Koalitionsvertrag erinnern.

Denn der Import genmanipulierter Produkte ist bei den Verhandlungen zur Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) ein wichtiges Thema. Für die Verhandlungsparteien aus den USA sei eine Mindestvoraussetzung, dass sich in der Gentechnik etwas bewege, meint Harald Ebner. Seine Fraktion hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben, die Anfang des Jahres erschienen ist.

Der Druck aus der forschenden Wirtschaft, den US-Unterhändlern bei den TTIP-Gesprächen und den Gentechnik-Lobbygruppen ist groß.

Für sie sind GVO eine Lösung für Klimawandel und Nahrungsmittelknappheit: Manipulierte Pflanzen seien günstiger, robuster, kombinierbar, leistungsfähiger. "Genfood bedient die Illusion, dass wir unseren Lebenswandel und unsere Ernährung nicht ändern müssen. Dass wir Probleme wie Land Grabbing weiter ignorieren können", so Ebner.

Er teilt die Meinung derjenigen, die den Einsatz von GVO kritisch sehen. Aus ihrer Sicht liege das Problem nicht in zu geringen Erträgen oder wenig nahrhaften Lebensmitteln, sondern in einer falschen Verteilung und einer nicht nachhaltigen Landwirtschaft. (Ein Streitgespräch über die Notwendigkeit von GVO findet sich hier).

In der Tat stellt sich die Frage, ob zumindest der europäische Markt "Soymega" wirklich braucht. Denn die wertvollen Omega-3-Fettsäuren finden sich in vielen Fischsorten, in Nüssen sowie in Lein- oder Rapsöl. Wer also hin und wieder Lachs isst oder mit Walnussöl kocht, kann besten Gewissens auf Monsantos Power-Öl verzichten.

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