Energieverbrauch: Steigt er trotz sparsamerer Technik und Autos?

Energieverbrauch: Steigt er trotz sparsamerer Technik und Autos?

von Benjamin Reuter

Sparsamere Technik, dennoch mehr Energieverbrauch: Wie stark ist der sogennante Rebound-Effekt wirklich?

Es ist einer der Mythen, die das Energiesparen seit Jahren begleitet: Kauft man sich ein neues Auto, das besonders wenig Sprit verbraucht, oder eine neue Waschmaschine, deren Wasser- und Stromhunger vorbildlich gering ist, steigt die Tank- und Energierechnung durch Mehrverbrauch trotzdem.

Für das, was auf den ersten Blick widersinnig klingt, gibt es eine vermeintlich einfache Erklärung. Denn wenn das Auto weniger Sprit verbraucht, kann man für das gleiche Geld weiter fahren – dieser Effekt wurde kürzlich auch als „Toyota-Prius-Irrtum“ diskutiert. Und wenn die Waschmaschine sparsam ist, kann man pro Woche einmal mehr waschen. Ist der Fernseher wiederum sparsamer, kann man sich auch einen größeren kaufen. Insgesamt – so die Theorie – werden die Effizienzgewinne also durch das Verhalten der Konsumenten zunichte gemacht.

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Dieser Effekt wird in der Wissenschaft und Politik seit Jahren unter dem Namen Rebound- oder Boomerang-Effekt diskutiert. Wie groß dieser Effekt aber wirklich ist, war nicht bekannt. Pessimisten nahmen immer an, dass beinahe alle Effizienzgewinne im Bereich der Technologie durch Fehlverhalten der Verbraucher wieder ausgeglichen werden.

Der Rebound-Streit war damit auch immer eine Auseinandersetzung zwischen zwei Denkschulen. Da ist die eine Fraktion, die insgesamt Verzicht predigt. Sie meint, dass nur durch weniger Konsum die Rohstoff- und Klimaprobleme zu lösen sind. Die andere Fraktion postuliert, dass wir durchaus so weiter leben können wie bisher, dafür aber eben effizientere Autos, Fernseher und Häuser brauchen.

Das erste Mal hat nun ein Team von Wissenschaftlern um den Umweltforscher Kenneth Gillingham von der Yale-Universität mehrere Studien zum Thema Rebound ausgewertet. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Der Rebound-Effekt ist sehr viel geringer als bisher angenommen – und er ist sehr viel komplizierter.

Denn die Forscher gehen von fünf verschiedenen Rebound-Effekten aus:

1. Der direkte Rebound-Effekt: Ein Beispiel hierfür ist das Sprit sparende Auto, das mehr genutzt wird.

2. Der indirekte Rebound-Effekt: Ein Beispiel hierfür wäre, wenn der Konsument mit seinem Sprit sparenden Auto zwar nicht mehr fährt, aber das Geld, das er für Treibstoff spart, für einen neuen Fernseher ausgibt. Die eingesparte Energie wird also an anderer Stelle verpulvert.

3. Makro-Ökonomischer Preiseffekt: Ein Beispiel hierfür: Macht zum Beispiel Europa Vorgaben für Sprit sparende Autos sinkt dadurch die Ölnachfrage auf dem Kontinent. Dadurch könnte der Weltmarktpreis für Öl fallen, was es für andere Länder attraktiver macht, mehr zu verbrauchen.

4. Makro-Ökonomischer Wachstumseffekt: Manche Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass durch Energieeffizienz-Maßnahmen zum Beispiel in der Industrie, die Volkswirtschaft stärker wächst. Auch dadurch steigt der Energieverbrauch.

5. Rebound-Effekt bei der Herstellung: Manche Forscher weisen auch darauf hin, dass Energie sparende Geräte mehr Energie bei ihrer Herstellung verbrauchen. Auch damit wäre der Spareffekt hinfällig, sagen sie. Diesen Effekt sehen die Forscher um Gillingham aber als eher unwichtig an, denn die Gewinne während der Nutzung überwiegen bei eigentlich allen Produkten die aufwändigere Herstellung. So verbraucht die Herstellung eines Autos im Vergleich zu seiner Nutzung nur sehr wenig Strom und Wärme.

In der Praxis sind die Effekte geringWie wirken sich diese Effekte nun in der Praxis aus? Die Frage sei gar nicht so einfach zu beantworten, schreiben die Forscher. Denn sowohl bedingen und vermischen sich einige der Effekte, andererseits schließen sie sich aus. Wer mit seinem Prius mehr fährt, dem fehlt das Geld für einen extra Fernseher.

Die Forscher schätzen anhand von unterschiedlichen Studien, dass sowohl der direkte als auch der indirekte Rebound-Effekt höchstens zwischen zehn und dreißig Prozent der Einsparungen wett macht. Ergo: Der Prius-Besitzer fährt vielleicht etwas mehr im Monat, spart aber insgesamt dennoch deutlich an Sprit und CO2.

Auch die makro-ökonomischen Effekte sind laut der Studie gering. Wenn in einem Land die Ölnachfrage sinke, schraubten die Opec-Länder auch ihre Produktion herunter, um die Preise zu halten, argumentieren die Forscher. Auch dafür, dass mit zunehmender Energieeffizienz in der Industrie überproportionale Wachstumsraten erzielt würden, gäbe es keine Hinweise.

Das Fazit also: Die Diskussionen um den Rebound-Effekt halten die Forscher für deutlich übertrieben. Das zeigt auch, dass energieeffiziente Technik tatsächlich zum Umwelt- und Klimaschutz beiträgt. Verzicht auf die Annehmlichkeiten der Moderne muss also nicht unbedingt sein. Verschwendung allerdings auch nicht.

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