Englands erstes Haus aus Müll: Hier wird mit Zahnbürsten und DVDs gedämmt!

Englands erstes Haus aus Müll: Hier wird mit Zahnbürsten und DVDs gedämmt!

von Nora Marie Zaremba

Das Waste House besteht aus Abfall und Materialien zweiter Klasse. Ganz billig war es trotzdem nicht.

Teppichflicken, zerbrochenes Glas, alte Videokassetten oder benutzte Zahnbürsten - so etwas landet eigentlich im Mülleimer. Nicht beim britischen Architekturbüro BBM. Zusammen mit engagierten Designstudenten der Universität Brighton hat es nun ein Haus aus Müll gebaut, das überwiegend aus weggeworfenen Gegenständen besteht.

Das  Waste House steht in der südenglischen Küstenstadt Brighton, auf dem Campus der Universität. Initiiert wurde das Projekt von Duncan Baker-Brown, Direktor von BBM Architects. Der Spezialist für nachhaltiges Bauen ist auch Dozent für Design und Architektur an der Universität Brighton. Vor drei Jahren gab er seinen Studenten den Auftrag, sich mit Müll als Baustoff zu befassen - entsprechend dem Motto “Re-use and Recycle", auf deutsch: Wiederverwenden und wiederverwerten.

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Der Startschuss für den Bau fiel im Frühjahr des letzten Jahres. Seitdem haben mehr als 2500 Personen mitgewirkt, davon rund 250 Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen der örtlichen Universität sowie Auszubildende der britischen Baufirma Mears, die überwiegend im Bereich des sozialen Wohnungsbaus tätig ist. Da die Presse rege über das Müllhaus berichtet hat, gab es auch zahlreiche freiwillige Helfer.

Das Waste House hat eine obere Etage und eine Wohnfläche von insgesamt 85 Quadratmeter. Im Erdgeschoss befinden sich die Küche und das Wohnzimmer (Bild oben). Typische Küchenutensilien und auch Einrichtungsgegenstände für das Badezimmer wurden über die Plattform FREEGLE UK bezogen, einer lokalen Initiative zur Weitergabe gebrauchter Konsumgüter. Insgesamt besteht das Müllhaus zu 85 Prozent aus weggeworfenen oder kaputten Gegenständen.



Die Treppe ist aus mehr als zehn Quadratmetern zusammengepresstem, recyceltem Papier konstruiert. Beim Holz für Wände und Geländer handelt es sich um Ware zweiter Klasse, die Baumärkte wegen kleiner Konstruktionsfehler aussortierten. Die Kosten zur Errichtung des Müllhauses ohne Freiwilligenarbeit schätzt der Architekt Baker-Brown auf umgerechnet rund 240.000 Euro oder 2700 Euro pro Quadratmeter. Sicher ist: Ohne das Engagement der Beteiligten hätte das Projekt so nicht verwirklicht werden können.

Und hier noch einige Details zum Abfall-Haus von Brighton:

Das Haus steht Besuchern offen. Über 700 Schulkinder waren schon hier - auch während der Bauphase. Hier haben sie unter anderem gelernt, dass gebrauchte Zahnbürsten isolieren können (ob sie es dabei mit Styropor oder Dämmwolle aufnehmen können, ist nicht geklärt). Knapp 20 000 Zahnbürsten sind im ganzen Haus eingebaut - gespendet von Privatpersonen und dem Flughafen Gatwick.

Wärmedämmen mit Müll: Rund zwei Tonnen Stoff, überwiegend aus gebrauchten Jeans oder alten Teppichen, sind in den Wänden verarbeitet. Hinzu kommen mehr als 4000 ausrangierte DVD-Hüllen und 2000 Videokassetten.



Kleine Fenster in den Wänden zeigen den Besuchern, welche Gegenstände genutzt wurden. Das Haus soll veranschaulichen, dass „es so etwas wie Müll eigentlich gar nicht gibt", schreiben die Macher auf ihrer Homepage.

Die Wände sind mit 600 Hüllen von Vinyl-LPs tapeziert - und auch mit gebrauchtem Geschenkpapier, das hauptsächlich aus der Zeit nach Weihnachten stammt. Wo Farbe benutzt wurde, handelt es sich um Reste, die ein Maler-Betrieb spendete.



„Es ist das erste Müllhaus, das offiziell beantragt wurde, alle Vorschriften einhält und daher auch langfristig stehen kann", schreiben BBM Architects in einer Mitteilung. Denn inoffizielle Konstruktionen aus Müll gab es natürlich auch schon vorher - Bauen mit Abfall liegt schließlich im Trend. In den meisten Fällen stehen diese Bauten aber nur für eine gewisse Zeit und verschwinden dann wieder.

Die Außenwände des Abfallhauses bestehen aus einem Gemisch aus Kalkstein und Lehm. Laut den Architekten sind sie optimal geeignet, um Wärme lange zu speichern. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach stellte ein Hersteller kostengünstig bereit. Sie deckt 75 Prozent des Energiebedarfs, sagen BBM Architects. Die Fenster sind aus aussortiertem Dreifachglas konstruiert. Gebrauchte Fahrradschläuche dichten die Rahmen an den Seiten ab.

Dank spezieller Sensoren in den Innenräumen und auf dem Dach erheben die Studenten ab jetzt Daten zum Energieverbrauch des Müllhauses. Die Forschungsarbeit ist also längst nicht abgeschlossen. Inwiefern der Prototyp dann irgendwann marktfähig wird, bleibt abzuwarten.

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