Ernährung: Warum wir bald alle Genfood essen – und es nicht wissen werden

Ernährung: Warum wir bald alle Genfood essen – und es nicht wissen werden

von Peter Vollmer

Neue Methoden der Genmanipulation stellen die Politik vor Probleme, denn sie sind kaum nachweisbar.

Die Akzeptanz gentechnisch veränderter Pflanzen ist unter Europas Verbrauchern ungefähr so hoch wie die von Heuschrecken auf der Fertigpizza. Großunternehmen wie Monsanto stecken dennoch viel Geld in die Entwicklung von Gen-Pflanzen. Und auch Wissenschaftler sind der tiefgehenden Veränderung des Erbgutes gegenüber häufig aufgeschlossener, als es die Endverbraucher sind.

Trotz dieser Skepsis dürfen inzwischen mehr als 20 Sorten gentechnisch veränderter Pflanzen als Futtermittel oder in Lebensmitteln in der EU verkauft werden. Auch der Anbau geht in Europa weiter: So pflanzen Schweizer Forscher auf einem Testfeld genmanipulierte Kartoffeln an, die in den Niederlanden entwickelt wurden. Gentechnisch veränderte Organismen wurden im vergangenen Jahr bereits auf 13 Prozent der weltweiten Ackerflächen angebaut.

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Allerdings mussten sich die Verbraucher bisher keine Sorgen machen, aus Versehen Genfood-Produkte zu kaufen. Denn sie sind kennzeichnungspflichtig. Noch.

Denn Forscher suchen derzeit nach Wegen, um das Genfood-Label zu vermeiden und gar nicht auf Ausnahmeregelungen der Regierungen angewiesen zu sein. Bestimmte Eingriffe in das Erbgut fallen nämlich nicht unter die Kennzeichnungspflicht.

Das "Copy-and-Paste"-VerfahrenAls besonders vielversprechend gilt dabei das CRISPR-Cas-System. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Art bakterielles Immunsystem. Bakterien sind dadurch in der Lage, Viren als fremd zu erkennen und einen Abwehrmechanismus aufzubauen. Vor allem das Protein Cas9 begeistert Forscher, denn mit ihm lassen sich DNA-Sequenzen erkennen und schneiden. Und das einfacher, schneller und kostengünstiger als mit jeder anderen Methode.

Zuletzt konnten mit dieser Methode menschliche Zellen gegen das HI-Virus immunisiert werden. Tech-Startups, Wagniskapitalfirmen und nicht zuletzt die Forscher selbst streiten derzeit um Patente auf die neue Technologie – während in anderen Labors bereits fleißig weitergeforscht wird.

Solange keine Geninformationen anderer Pflanzenarten eingesetzt werden, fällt eine  Bearbeitung des Erbgutes mit dem "Werkzeug" Cas9 nicht unter die Kennzeichnungspflicht für genmanipulierte Lebensmittel, berichtete die WirtschaftsWoche kürzlich. Diese fällt nur bei transgenen Pflanzen an, bei denen genetische Informationen einer anderen Pflanzenart eingesetzt worden sind (arteigene Genkombinationen nennt man "cisgen").

Cibus-Raps umgeht Kennzeichnung

Ein weiterer Weg, um die Kennzeichnung zu umgehen, ist die Herstellung eines künstlichen  DNA-Abschnitts. Diesen schleusen die Forscher dann im Labor in die Pflanzenzelle ein. Mit dieser sogenannten Oligonukleotid-Technologie konnte das Unternehmen Cibus eine Raps-Sorte herstellen, der das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit nun den Weg auf deutsche Felder geebnet hat – schon im Herbst könnte der Anbau beginnen (den Bescheid des Bundesamtes finden Sie hier).

Ein breites Bündnis aus Umweltschutzorganisationen und traditioneller, beziehungsweise Bio-Landwirtschaft sammelt derzeit Unterschriften dagegen und nimmt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in die Pflicht. Teilnehmer des Bündnisses befürchten, genmanipuliertes Erbgut könnte sich so weit verbreiten, dass der ursprüngliche Gencode irgendwann verloren geht.

Mutationen durch Gamma -StrahlenEine andere Methode um Pflanzen gentechnisch zu verändern, ist das Tilling. Bei dem werden - vereinfacht gesagt - Mutationen verursacht, analysiert und dann durch Züchtung verbreitet. Der Ansatz ähnelt dem Atomic Gardening – einer Forschungsmethode, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts sozusagen ein Vorläufer der Genmanipulation war.

Dabei wurden kreisrunde Gärten angelegt und in der Mitte ein radioaktives Material platziert. Dieses zerstörte meist einen Teil der Pflanzen, sorgte aber bei anderen für interessante Mutationen.

Da das bestrahlte Saatgut teils auch weiterverkauft wurde, ist gar nicht klar, wie groß der Einfluss von Atomic Gardening auf die heutige Pflanzenwelt ist. (Ein spannender Artikel über die Vergangenheit des Atomic Gardening findet sich auf dem US-Portal "Popular Science"). Und es gibt immer noch strahlende Testgärten, die Forscher in Japan und Österreich betreiben.

Mutation durch radioaktive Bestrahlung oder auch Veränderung mithilfe chemischer Substanzen sind zwar im Vergleich zu neuen Genmanipulationstechniken ineffizient, allerdings müssten auch sie im Handel wohl keine Kennzeichnung tragen.

Deshalb stellte ein Bündnis von Wissenschaftlern kürzlich die Frage, ob eine Kennzeichnung nicht eher vom Endprodukt als vom Erzeugungsweg der Pflanze abhängen sollte. Denn Änderungen etwa mithilfe der CRISPR-Cas9-Methode lassen sich im Nachhinein kaum noch feststellen. Wichtig wäre dann nicht mehr so sehr, ob Erbgut verändert wurde, sondern die daraus resultierende Pflanze Gefahren für Verbraucher oder Umwelt birgt.

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