Ernährung: Wie das Internet Hunger und Essens-Verschwendung beseitigt

Ernährung: Wie das Internet Hunger und Essens-Verschwendung beseitigt

von Dieter Dürand

Viehzucht per Handy, Ernte-Navis, organisierter Mundraub - neue Netzdienste helfen gegen Hunger.

Dass sie als Biofarmerin in Kenia mit ihrer Gründung Green Dreams erfolgreich war, reichte Su Kahumbu nicht mehr. Sie wollte ihr Wissen an die heimischen Milchbauern und Viehzüchter weitergeben.

Doch wie sollte das in einem Land gelingen, in dem viele Bauern weder über Strom und fließendes Wasser noch TV, Internet oder gar Computer verfügen? Su Kahumbu überlegte und besann sich auf das kleinste Kommunikationsinstrument, das fast jeder Kenianer besitzt: ein Mobiltelefon.

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Vor drei Jahren gründete die schlanke Frau mit den kupferrot gefärbten Haaren iCow. Die Plattform erinnert die Farmer täglich per SMS daran, zu welchen Zeiten sie ihre Kühe am besten füttern und melken. Und zwar für jedes registrierte Tier.

Zudem erhalten die Kleinbauern Tipps zu Impfungen, der richtigen Haltung und künstlicher Befruchtung. Auch vermittelt die App einen Tierarzt, wenn eine Kuh krank ist.

Die kenianischen Viehzüchter sind begeistert. Schon 45.000 Farmer nutzen den Service, für den sie pro Monat umgerechnet einen Dollar zahlen. Denn die Gleichung, die hinter iCow steckt, ist einleuchtend: gesunde Kühe gleich mehr Milch gleich mehr Geld. Dank der professionellen Unterstützung via Mobilfunk gibt jede Kuh heute durchschnittlich pro Jahr zwischen 610 und 930 Liter mehr Milch als zuvor.

Das durchschnittliche Monatseinkommen der Viehhalter stieg um knapp 80 Dollar. Nutzten alle den Dienst, könnte Kenia seine Milchproduktion rein rechnerisch um rund ein Drittel steigern.

Die Not ist großKleine Investition – große Wirkung. Kahumbus iCow-Projekt ist nur ein Beispiel für den enormen Beitrag, den Vernetzung und Mobilfunk mit meist relativ bescheidenen Mitteln bei der Bekämpfung des Hungers auf der Welt leisten können.

Die Not ist laut einer jüngsten Studie der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) groß: Rund 842 Millionen Menschen haben danach weltweit zu wenig zu essen (siehe Grafik).

Das muss nicht so bleiben. Kenia zeigt in Afrika musterhaft, wie sich die Lage mithilfe des Internets verbessern lässt. Die Mobilfunk-App Farmforce zum Beispiel bringt die Kleinbauern des Landes mit großen Nahrungsmittelproduzenten in Kontakt.

Das erschließt ihnen neue Absatzmärkte. Kaufen Getreidebauern ihr Saatgut über das Portal Kilimo Salama, können sie für fünf Prozent des Kaufpreises eine Versicherung abschließen, die sie für witterungsbedingte Ernteverluste entschädigt. Das schützt die Landwirte etwa nach einer Dürre vor dem finanziellen Ruin.

In den Industrieländern ist nicht Mangel, sondern Verschwendung das Problem. Ein Drittel aller Lebensmittel landet hier im Müll statt auf dem Teller. Das Internet-Portal foodsharing.de will das ändern. Hersteller, Supermärkte und Privatleute bieten dort überschüssige Ware kostenlos zum Abholen an. Mundraub.org verrät, wo es erlaubt ist, Äpfel von Bäumen zu pflücken oder Kräuter zu sammeln.

Frei-Land für alleMit der Online-Software Foodsoft wiederum können Nachbarn ihre Einkäufe bei örtlichen Erzeugern koordinieren. Das bringt ihnen Rabatte. Und wenn einer für alle das Obst, Gemüse und Fleisch abholt, spart das Fahrten und schont die Umwelt.

In Großbritannien hat die landshare.net-Bewegung schon gut 73 000 Mitglieder. Sie bringt Menschen, die gerne selbst Gemüse und Obst anbauen würden, aber kein Land haben, mit solchen zusammen, die ihnen Beete und Wiesen bereitstellen.

Die größte Herausforderung weltweit besteht allerdings darin, Felder und Äcker möglichst umweltschonend zu bewirtschaften. Das ist Ziel des Bonirob-Projekts, das die Hochschule Osnabrück, der Elektronikkonzern Bosch und der Leipziger Landmaschinenbauer Amazone vorantreiben.

Der vierrädrige Feldroboter soll Bauern in unseren Breiten zu teuer gewordene Handarbeit abnehmen, die Ernteerträge steigern und zugleich Chemie sparen.

Die Idee: Gesteuert per Satellitennavigation, findet sich die Maschine allein auf dem Acker zurecht. Sie ist mit ungezählten Sensoren bestückt, die das Wachstum jeder einzelnen Pflanze kontrollieren.

Auf Basis dieses Wissens können die Landwirte Dünger, Pestizide und Wasser viel genauer dosieren und etwa den Chemieeinsatz um 80 Prozent reduzieren, so die ersten Erfahrungen. Experten schätzen zudem, dass sie bis zu 20 Prozent mehr Getreide und Gemüse ernten können.

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Lesen sie über Ostern bei WiWo Green, wie das Internet dabei hilft, die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Im ersten Teil ging es um den Verkehr der Zukunft. Die Texte stammen aus der Magazin-Ausgabe von WiWo Green. Die aktuelle Ausgabe können Sie hier bestellen.

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