Ernährungssicherheit: Haben Forscher die Weltformel gefunden?

Ernährungssicherheit: Haben Forscher die Weltformel gefunden?

von Julia Schulte

US-Forscher wollen die Lösung gefunden haben, um weitere drei Milliarden Menschen satt zu machen.

Es klingt zu schön um wahr zu sein: Genug Ernteerträge um mehr als drei Milliarden Menschen zusätzlich mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen und dabei gleichzeitig die Umwelt schonen – dafür wollen Forscher der University of Minnesota jetzt die Lösung gefunden haben.

Die Agrarindustrie ist für 20-35 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wasserknappheit und ineffiziente Nutzung von Ressourcen, Erträgen und Düngemitteln sind dabei die Hauptfaktoren, an denen die Wissenschaftler drehen wollen.

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"Untersuchungen zeigen, dass sich die Ernteerträge bis 2050 verdoppeln müssen, um die Bedürfnisse der wachsenden Weltbevölkerung zu decken", sagt Paul West, Co-Autor der Studie, die das Institute on the Environment der Universität jetzt vorlegte. "Unsere Analyse soll helfen Maßnahmen zu bestimmen, die Regierungen, Entwicklungsbanken, Firmen und Nichtregierungsorganisationen ergreifen können."

Ertragsrate hebenDazu konzentrieren sich die Forscher auf 17 Nutzpflanzen, aus denen 86 Prozent der weltweit durch Ernte gewonnen Kalorien erzeugt werden. Mais, Weizen, Reis, Kartoffeln, Hirse oder Zuckerrohr sind dabei nicht nur ertragreich - auf die Pflanzen, die die Wissenschaftler untersuchen, kommen auch 92 Prozent des weltweiten Bewässerungs- und etwa 70 Prozent des Düngemittelbedarfs.

Dass der Anbau dabei nicht immer besonders effizient durchgeführt wird, wurde schnell deutlich. Deshalb lautet der erste Vorschlag: Hebt die Ertragsrate zumindest auf 50 Prozent. "An vielen Orten, etwa in Afrika südlich der Sahara, wird kaum oder gar kein Dünger eingesetzt. Das entzieht dem Boden Nährstoffe, die die Pflanzen brauchen", erklärt West.

Würde die Ertragsrate auf wenigstens 50 Prozent steigen, könnten nach seinen Berechnungen 850 Millionen Menschen mehr satt werden. 43 Prozent der Kaloriengewinne kämen dabei auf dem afrikanischen Kontinent hinzu.

Düngemittel und Wasser effizienter nutzenHöhere Ertragsraten sind aber nur der erste Schritt. Um die Umwelt nicht weiter zu belasten, muss gleichzeitig der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert werden. Das bedeutet, dass nicht überall mehr Düngemittel zum Einsatz kommen müssen - momentan werden fast 50 Prozent mehr Phosphor und sogar 60 Prozent mehr Stickstoff weltweit eingesetzt, als nötig.

Die Forscher konzentrieren sich für ihre Vorschläge auf Regionen, in denen die Beeinträchtigungen besonders hoch sind. Die USA, Indien und China etwa verantworten gemeinsam mehr als die Hälfte des weltweiten Stickstoffoxideinsatzes in der Landwirtschaft. Und 51 Prozent der Fläche, auf der Regenwald zerstört wird, befindet sich in Brasilien und Indonesien.

Für Düngemittel gilt: Besseres Timing und der Einsatz der richtigen Sorte am richtigen Ort kann die Umwelt stark entlasten. Ähnlich verhält es sich mit der Bewässerung der Felder. "Weltweit muss mehr Anbau in Gebieten erfolgen, die nicht so trocken sind", so West. Der Anbau in wasserarmen Regionen sei selten effizient.

Fleischkonsum drosselnAber nicht nur die Landwirte sind in dem Modell, das die Wissenschaftler entwerfen, gefordert: Auch die Verbraucher können einen großen Teil zur Ernährungssicherheit beitragen. Der erste Vorschlag der Forscher hierzu dürfte aber nicht allen schmecken. Denn er zielt darauf ab, fleischliche durch pflanzliche Nahrung zu ersetzen.

Wenn die Ernteerträge, die zur Zeit verwendet werden, um Vieh und andere Industrien - etwa die Bio-Sprit-Erzeugung - zu alimentieren, direkt als Nahrungsmittel genutzt würden, wären 70 Prozent mehr Kalorien verfügbar - und vier Milliarden Menschen mehr satt.

Auch wenn viele nicht auf das geliebte Steak verzichten möchten, halten es West und seine Kollegen zumindest für sinnvoll, wenn man die angebauten Pflanzen in mehrerlei Hinsicht nutzen würde. So könnten etwa in Dürrejahren Menschen statt Rinder von der Ernte profitieren.

Wegwerfmentalität bekämpfenEinfacher, als auf Fleisch zu verzichten, ist die Verschwendung von Essen einzudämmen. Auf 30-50 Prozent beziffern die Forscher die Menge an Nahrungsmitteln, die unverspeist in der Tonne landet. Allein in den USA werfen die Verbraucher 28 Prozent des Gemüses weg, in China sind es 20 Prozent.

Bis zu 413 Millionen Menschen könnten zusätzlich ihren Kalorienbedarf von dem decken, was andere wegwerfen.

Kalorien sind aber natürlich nicht alles, das weiß auch West: "Man muss sich auch mit der Ernährung, dem Zugang dazu und kulturellen Vorlieben befassen." Dass nur wenige Menschen bereit sein werden, gänzlich auf vegetarische Kost umzustellen, dürfte ihm bewusst sein - die Weltformel für umfassende Nahrungsmittelsicherheit steht also weiter aus.

Wer aber demnächst ein Pfund Rindfleisch entsorgt, der sollte sich bewusst machen, dass er damit gut zwölf Kilo Weizen in die Tonne tritt.

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