Erosion: Agrarindustrie gefährdet Böden in Deutschland

Erosion: Agrarindustrie gefährdet Böden in Deutschland

von Wolfgang Kempkens

Äcker in Deutschland verlieren massenweise fruchtbaren Boden. Schuld sind immer größere Felder. Gefährdet sind vor allem Nord- und Süddeutschland.

Mit acht Toten und 131 Verletzten war es einer der schwersten Verkehrsunfälle in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns. Eine gewaltige Wolke aus trockener Erde nahm Anfang April 2011 den Autofahrern auf der Autobahn 19 südlich von Rostock die Sicht. 80 Fahrzeuge verkeilten sich daraufhin ineinander.

Schuld an der Katastrophe war Bodenerosion und ein Landwirt, der seinen völlig ausgetrockneten Acker pflügte. Eine kräftige Windbö fegte die Erde dann in Richtung Fahrbahn. Dass einige Autofahrer viel zu schnell unterwegs waren, verschlimmerte die Situation noch.

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In der Region um Rostock ist, ebenso wie in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, Parabraunerde weit verbreitet, die sich dort während der letzten Eiszeit abgelagerte. Sie ist, wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover warnt, für Erosion besonders anfällig.

Ursprünglich war die Erde mit Ton vermischt, der Erosion verhinderte. Doch der entschwand im Laufe der Jahrtausende mehr und mehr im Untergrund. Übrig blieb die feinkörnige Parabraunerde, die, wenn sie gelockert wird, anfällig für Windstöße ist. Das gefährdet nicht nur den Verkehr. Im Laufe der Zeit verlieren die Äcker so viel Boden, dass sie nicht mehr bestellt werden können.

Weil Bauern keine Geowissenschaftler sind, also nicht abschätzen können, ob ihre Äcker erosionsgefährdet sind, hat die BGR jetzt eine Karte veröffentlicht, aus der die Erosionsgefahr in allen Regionen Deutschlands hervorgeht.

Demnach ist praktisch das gesamte Hinterland der Ostseeküste gefährdet. Auch der Nordwesten Deutschlands, vor allem das Gebiet zwischen Oldenburg und Münster, leuchtet auf der Karte als Gefahrengebiet. Dass die Gefahr so groß ist, liegt an der Landwirtschaftspolitik der ehemaligen DDR im Osten und an der zunehmenden industriell betriebenen Landwirtschaft im Westen.

Um die Bewirtschaftung der Felder zu erleichtern, werden sie zu teilweise riesigen Einheiten zusammengelegt. Hecken und andere störende Pflanzen wurden entfernt, sodass Windböen den Boden ungehindert abtragen konnten und können. Die Fachleute der BGR empfehlen als Gegenmaßnahme die Anlage von Gehölzen, die als Windbremsen dienen. Damit lasse sich auch verhindern, dass die von Erosion betroffenen Äcker unfruchtbar werden.

Besonders gefährdet sind Böden durch den Anbau von Mais, der als Futter- und neuerdings vermehrt als Energiepflanze dient. Wegen der relativ späten Aussaat und des anfangs langsamen Wachstums kann der Wind in den Maisfeldern ungestört wüten. Das gleich gilt, wie das Umweltbundesamt (UBA) in Berlin und Dessau warnt, auf Feldern, auf denen Kartoffeln, Winterweizen und Zuckerrüben wachsen.

In Mecklenburg-Vorpommern weht der Wind pro Hektar und Jahr bis zu 170 Tonnen Erde weg, schreibt das dortige Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie. Zehn Tonnen Verlust entsprechen einer Bodenschicht von einem Millimeter Dicke.

Der Wind transportiert den Staub und seine Inhaltsstoffe wie Düngemittel manchmal über mehr als 100 Kilometer. Dort, wo er sich ablagert, stört er das ökologische Gleichgewicht, vor allem, wenn er in Gewässern landet. Eintrübung stört den Sauerstoffhaushalt, gefährdet also die darin lebenden Tiere. Der Eintrag von Dünger erhöht die Gefahr, weil beispielsweise das Wachstum von Algen übermäßig angeregt wird. Wenn sie dann absterben, entziehen sie dem Wasser weiteren Sauerstoff.

Aus einer weiteren BGR-Karte geht die die Erosionsgefahr für Böden durch Wasser hervor. Davon bleibt der Norden Deutschlands weitgehend verschont. Wieder sind aber die Landwirte die Schuldigen, weil Äcker oft ungeschützt daliegen, weil Getreidekörner und Kartoffeln noch nicht getrieben haben. Aus fünf Faktoren wie Erodierbarkeit, Gefälle und Art der Bearbeitung haben die BGR-Fachleute die jährlichen Bodenverluste errechnet.

Der Regen lässt wiederum Schlamm entstehen, der verhindert, dass Wasser versickert. Stattdessen sucht es den Weg zum nächsten Bach, schafft sich notfalls selbst einen Abfluss in Form einer Bodenrille. Dabei reißt er Bodenteilchen und Düngemittel mit sich. Die Folgen für die Böden sind noch fataler als die vom Wind verursachten. Das UBA beziffert die Verluste durch Starkregen auf bis zu 50 Tonnen pro Hektar. Im Durchschnitt sind es 1,4 bis 3,2 Tonnen pro Hektar und Jahr.

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