EU-Studie: Einsatz von Pestiziden ist ökonomisch unsinnig

EU-Studie: Einsatz von Pestiziden ist ökonomisch unsinnig

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Neonicotinoide schützen Pflanzen - für viele Tiere sind sie aber gefährlich.

von Thiemo Bräutigam

Die Unsicherheit von Pestiziden sorgt für Diskussionen. Insbesondere für Bienen sind sie extrem ungesund.

Im Dezember muss die EU-Kommission erneut entscheiden: Sollen die Beschränkungen für Pestizide aus der Klasse der Neonicotinoide aufrecht erhalten werden oder nicht? Die Befürchtung der Brüsseler Politiker: Die Neonicotinoide tragen zum Bienensterben bei.

Deshalb war zwei Jahre lang das Ausbringen der Pflanzenschutzmittel Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam, die zur Klasse der Neonicotinoide gehören, in der europäischen Union nur unter strengen Auflagen erlaubt.

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Die Chemiekonzerne Bayer und Syngenta, Hersteller der Produkte, klagten gegen die EU-Auflagen. Ihr Argument: Der wirtschaftliche Schaden sei unverhältnismäßig und gesicherte Erkenntnisse zur Schädlichkeit ihrer Pestizide lägen nicht vor.

Konflikt zwischen Industrie und Natur

In der Zwischenzeit haben Untersuchungen und Studien aber immer wieder den Verdacht bestärkt, dass die genannten Pestizide fatale Auswirkungen auf die Stabilität ganzer Ökosysteme haben. Nicht nur Bestäuber wie Bienen, sondern auch Amphibien und Vögel seien negativ betroffen.

Schon geringe Dosen der Schadstoffe, die über lange Zeiträume von den Organismen aufgenommen werden, führten zu Vergiftungserscheinungen und teils zum Tod.

Ein aktueller Bericht der EASAC, einem wissenschaftlichen Beirat der EU bestehend aus zahlreichen europäischen Forschungsinstitutionen, bekräftigt nun erneut den Schaden durch Neonicotionide – auch den finanziellen.

Im Grunde verläuft der Konflikt zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht der wirtschaftliche Nutzen von Pestiziden in der Landwirtschaft und für die chemische Industrie. Auf der anderen Seite stehen die sogenannten Ökosystemdienstleistungen, wie Bestäubung durch Bienen, intakte Boden-, Luft-, und Wasserkreisläufe oder die Biodiversität.

"Bestäubungsdefizit" nimmt zu

Die Experten von EASAC setzen den Wert stabiler Ökosysteme nun deutlich höher an als die Gewinne durch den Einsatz von Pestiziden.

Allein in Europa sei allein die Bestäubungsdienstleistung von Insekten mit 14,6 Milliarden Euro pro Jahr zu beziffern. Zum Vergleich: Mit Neonicotinoiden setzt die chemische Industrie jährlich und weltweit nur etwa 2 Milliarden Euro um. Die Mittel werden in mehr als 120 Ländern eingesetzt.

Dem Bericht der Wissenschaftler zufolge, gefährdet der Einsatz der Insektizide nicht nur Honigbienen, sondern auch Motten und Schmetterlinge, die ebenfalls Pflanzen bestäuben. Auch auf insektenfressende Vögel hätten die Pestizide Auswirkungen. Da 75 Prozent der Nutzpflanzen weltweit auf Bestäubung angewiesen sind, gibt es der Studie zufolge ein zunehmendes Bestäubungs-Defizit, wenn die Tiere wegsterben.

Der Verband der europäischen Pflanzenschutzmittelhersteller (ECPA) kritisierte die EASAC-Studie als voreingenommen, irreführend und selektiv. Der Bericht erfülle nicht die wissenschaftlichen Standards und sei von einigen nationalen Experten bereits angezweifelt worden. Die einzige Auswirkung der Beschränkungen des Einsatzes von Neonicotinoiden in Europa bestehe bisher darin, dass sich Bauern über ernsthafte Verluste bei ihren Pflanzenbeständen beklagten.

Die Umweltexperten von EASAC hingegen verweisen auf das Vorsoge-Prinzip: Gerade weil noch immer einige Unsicherheiten bezüglich der Wirkung von Pestiziden auf die Stabilität von Ökosystemen vorhanden seien, müsse die EU-Kommission möglichen Schaden abwenden, bis es Klarheit gebe.

Am Ende entscheidet die EU-Kommission, ob die in den letzten zwei Jahren gesammelten Erkenntnisse für ein dauerhaftes Verbot ausreichen oder die Beschränkungen aufgehoben werden. Aus Perspektive von Umweltschutz und Wirtschaflichkeit ist die Antwort nach dem EASAC-Bericht eigentlich klar: Von einem dauerhaften Verbot der Neonicotinoide profitieren langfristig alle.

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