Faire Produktion: Web-Plattform legt Herkunft von Kleidung offen

Faire Produktion: Web-Plattform legt Herkunft von Kleidung offen

von Sabrina Keßler

Fair produziert sind nur die wenigsten Produkte. "Provenance" will Verbrauchern nun zeigen, wo und wie ein Produkt hergestellt wird.

Es war ein Mix aus Gier, Fahrlässigkeit und dem fehlenden Gewissen eines Fabrikbesitzers: Gut ein Jahr ist es her, dass die Textilfabrik Rhana Plaza in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, einstürzte.

Mehr als 1000 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben, weitere 2500 Arbeiter wurden verletzt. Die meisten von ihnen waren im Inneren der Fabrik eingeschlossen – Notausgänge? Fehlanzeige.

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Das Unglück in der Hauptstadt Dhakas ist bei weitem kein Einzelfall. Viele der rund 4000 landesweiten Textilfabriken erfüllen nicht einmal minimale Sicherheitsstandards. Elektrokabel hängen lose von den Decken, es fehlen Feuerlöscher, Notausgänge sind nicht vorhanden oder verschlossen, Fluchtwege versperrt.

Nach Angaben des Fire Service & Civil Defense Department in Bangladesch kamen allein zwischen 2006 und 2009  mehr als 400 Beschäftigte bei 213 Fabrikbränden ums Leben.

Aufrütteln statt zusehenDas Unglück von Dhaka hat die Welt bewegt. Und es wirft Fragen auf nach Sicherheit, Fairness und der moralischen Verantwortlichkeit der Käufer. Viele Arbeiter, meist sind es Frauen, arbeiten bis zu 20 Stunden am Tag, nähen Hunderte Knöpfe an Hemden und verdienen gerade einmal zwei Euro am Tag.

Arbeitsschutz oder Gesundheitsvorkehrungen sind Mangelware, Brandschutz existiert nur auf dem Papier. Tatsachen, die die Verbraucher oftmals gar nicht mitbekommen.

Geht es nach Jessi Baker, ist es Zeit, daran etwas zu ändern. Provenance, zu Deutsch „Herkunft“, nennt sie ihr Projekt, mit dem sie das Bewusstsein der Verbraucher verändern will. Dafür hat sie eine Internetplattform geschaffen, auf der sich Konsumenten über die Herkunft verschiedenster Produkte informieren können.

Fragen wie „Wo wird mein T-Shirt genäht?“, „Aus welchem Land stammt das Leder meiner Handtasche?“ oder: „Wer steckt eigentlich hinter der Marke?“ werden hier von den Unternehmen selbst beantwortet.

„Es kann doch nicht sein, dass wir Geld für Produkte ausgeben, über die wir eigentlich gar nichts wissen“, sagt Jessi Baker, Cambridge-Absolventin und Initiatorin des Projekts in einem Interview mit dem Guardian. Schon während ihres Studiums reiste die 29-Jährige in verschiedene Fabriken, um zu sehen, wie bestimmte Artikel hergestellt werden.

„Es ist einfach lächerlich, dass wir industriell erzeugtes Fleisch essen und Kleidung kaufen, die von Sklaven genäht wird“, sagt sie.

Öffentliche Informationen fördern TransparenzMit ihrer Webseite will sie die Konsumenten aufrütteln und Herstellungsmethoden vieler Produkte öffentlich machen – egal ob Küchenmesser, Schokoriegel oder Kleidungsstücke. Den größten Teil der Informationen tragen die Hersteller selbst auf der Seite ein.

Das birgt natürlich die Gefahr, dass sie falsche Angaben über Herkunft oder Löhne machen. „Der Punkt ist, dass unsere Website mit Open-Data arbeitet. Jeder Einzelne kann den Firmen Fragen stellen oder die Produktinformationen anzweifeln“, sagt Baker.

Dadurch soll weitestgehende Transparenz entstehen. „Die Verbraucher müssen Informationen kritisch hinterfragen lernen. Nur dadurch kann ihre Meinung künftig ein wichtiger Teil der Wertschöpfungskette werden.“

Rund 500 Unternehmen sind bereits  auf provenance.it registriert. Meist sind es kleinere, unbekannte Firmen, doch in Zukunft will Baker auch mit den großen Marken kooperieren. „Wir fokussieren uns zur Zeit noch stark auf den britischen Markt“, erklärt Baker.

„Die Produkte, über die wir informieren, sind daher eher hochpreisig.“ Schon bald soll es aber auch Informationen zu günstigeren Produkten geben, die trotz allem faire Arbeitsbedingungen versprechen. Bakers Wunsch: „Ich hoffe, dass wir in 100 Jahren zurückblicken und erkennen, welche Barbaren wir waren.“

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