Forscher warnen: Wir verlieren den Boden unter den Füßen

Forscher warnen: Wir verlieren den Boden unter den Füßen

von Peter Vollmer

45.000 Tonnen fruchtbare Erde gehen weltweit pro Minute verloren – und das Problem verschärft sich.

Silber, Platin, Lithium – die Rohstoffe der Zukunft sind knapp und teuer. Aber sind es auch die wichtigsten Rohstoffe? Mit steigender Weltbevölkerung rückt zunehmend auch der Boden in den Fokus von Forschern und Politikern. Denn mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Erde gehen jedes Jahr verloren. Das sind mehr als 45.000 Tonnen jede Minute.

Der ehemalige Umweltminister und Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer warnt: „Wir werden nicht mehr Erde herstellen können.“ Höchstens könne man die Qualität der vorhandenen Erde verbessern. Regenerativ ist der Rohstoff – nach menschlichen Maßstäben – nicht, er entsteht erst über Jahrhunderte neu.

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Töpfer ist derzeit Direktor des Nachhaltigkeits-Instituts IASS in Potsdam, das vergangenen Monat die Global Soil Week organisiert hat. Dort warnte auch Monique Barbut, Leiterin des UN-Programms gegen Desertifikation: „Eine Welt, die ihre Erde zerstört, zerstört sich selbst.“

Der Experte Jes Weigelt koordiniert das „Global Soil Forum“ des IASS und muss zunächst einschränken: „Der tatsächliche Erdverlust lässt sich nur schwierig konkret beziffern.“ Die 24 Milliarden Tonnen im Jahr, die auch das IASS über seinen „Bodenatlas 2015“ kommuniziert, seien dabei eine konservative Schätzung.

„Manche Bodentypen sterben aus“„Der Boden ist nicht sofort weg“, sagt Weigelt, „Das sind langsame Prozesse, bei denen die Böden noch über Jahre Ertrag bringen können.“ Das verdecke, wie dramatisch die Situation bereits sei: „Böden sind so stark bedroht, dass manche Bodentypen bereits aussterben.“

Die Gründe dafür sind vielfältig, aber häufig menschengemacht. Zunächst sind es die Folgen des Klimawandels wie der Anstieg des Meeresspiegels oder Desertifikation. Diese so genannte „Bodendegradation“ führt schließlich dazu, dass die Böden nicht mehr als Ökosysteme fungieren können. Ausgetrocknete Erde kann beispielsweise einfach verwehen.

Je nach Region sind die Gefahren andere: Abholzung in den Regenwäldern, Brände zum Baulandgewinn oder zu intensive Landwirtschaft nahe Ballungsgebieten. Und wenn Böden weder bepflanzt, noch mit Mulch oder einer ähnlichen Auflage geschützt sind, reicht ein einfacher Starkregen, um Erdschichten abzutragen und im schlimmsten Fall das Ökosystem darunter anzugreifen.

Europas Probleme mit Versiegelung und LandbauIn Europa ist hingegen die Versiegelung von Böden das größte Problem. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. Allein in Deutschland werden jeden Tag 70 Hektar Bodenfläche versiegelt – darüber entstehen Straßen, Häuser oder Plätze. Das Leben in der obersten Erdschicht kommt dafür zum Erliegen.

Die Bundesregierung plant derzeit, die Versiegelung bis 2020 auf 30 Hektar pro Jahr zu senken. Ob das geht?

Jes Weigelt vom IASS sieht eine Chance darin, dass besonders die Innenstädte attraktive Wohnlagen bereithalten: „Neuversiegelung findet vor allem in den sogenannten Speckgürteln statt. Dabei könnte man weiter über die Nutzung innenstädtischer Räume nachdenken. Vielleicht gibt es Modelle jenseits des Einfamilienhauses?“ Es müsse ja nicht direkt ein Hochhaus sein.

Während vor allem in Deutschland also politische oder gesellschaftliche Lösungen gesucht werden, reichen in den meisten Teilen der Welt ökologische Ansätze aus, um den Bodenverlust zu stoppen. Eine wichtige Rolle nimmt etwa die Bio-Landwirtschaft ein: Sie bezieht Mikroorganismen im Boden in den Bewirtschaftungsprozess ein und behandelt die Böden schonender.

Ein extremes Beispiel ist das „No-Till-Farming“, auch Direktsaat genannt. Hier wird das Saatgut (zusammen mit stabilisierenden Pflanzen) ausgesät, ohne den Boden vorher gepflügt zu haben. Die Erträge sind im ersten Jahr gering – dennoch setzt sich die Direktsaat vor allem in den USA durch, wo intensive Landwirtschaft den Böden in der Vergangenheit extrem zugesetzt hat. Auch in Europa werden Böden zunehmend vorsichtig aufgelockert und belüftet.

Desertifikation lässt sich stoppenIn Wüstenregionen hingegen müsste man mit Bepflanzung dafür sorgen, dass der Boden nicht verweht werden kann. Bodenexperte Weigelt ist überzeugt, dass Bauern die Desertifikation stoppen können - mit der richtigen Bepflanzung und angepassten Bewässerungssystemen.

Dazu müssten Sie aber nicht nur mit der nötigen Technologie ausgestattet werden, sondern benötigen auch die nötige Absicherung ihrer Landrechte.

Noch gibt es genug Erde auf der Welt, um die Menschheit ernähren zu können. Doch die steigende Weltbevölkerung und zunehmende Konsumfreude könnten dafür sorgen, dass landwirtschaftliche Flächen knapp werden.

Und ein gesunder Boden hat noch eine weitere, extrem wichtige Eigenschaft: Er speichert Kohlenstoff und kann so bei der Reduktion von Treibhausgasen in der Atmosphäre eine wichtige Rolle spielen. Der französische Landwirtschaftsminister plant derzeit ein Programm, den im Boden gebundenen Anteil an CO2 um 0,4 Prozent zu erhöhen – und will diesen auch in die Verhandlungen der UN-Klimakonferenz Ende des Jahres einbringen.

Eine Zusammenfassung der Erdproblematik zeigt dieses schön animierte Video des IASS:

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